Dieser allerletzte Schuss in der 96. Minute. Wäre er reingegangen, Elsad Zverotic zum grossen Helden geworden. Aber der Ball klatscht an die Latte, ein Winterthurer schlägt ihn nach vorne, dann ist das Spiel aus. Und Zverotic? Ist nur noch der tragische Held: zwei Tore geschossen, zwei wunderbare Tore, das eine ein Prachtschuss in den Winkel, das andere ein Willensakt am Boden liegend. Letztlich brotlose Kunst. Weil sein wichtigster Schuss gut, aber nicht gut genug ist. Endstand 2:3.

Die Szene steht sinnbildlich für die bisherige Saison. Alles läuft gegen den FC Aarau. Fünfzig-fünfzig Situationen kippen gefühlt stets zugunsten des Gegners. Das ist schon im Hinspiel in Winterthur so (1:3), als vor dem ersten Treffer der Zürcher zwei Aarauer Lattenschüsse zu Buche stehen. Wer nicht genügend tut, der kann darauf vertrauen, dass ihm auch das Pech an den Schuhen klebt. Doch nun einfach auf die Rückkehr des Glücks vertrauen, das wäre falsch. Denn unverdient ist für die Aarauer auch die Niederlage gegen Winterthur nicht. Die Wurzel des Übels ist die mangelnde Qualität im Torabschluss und im Abwehrverhalten.

Möglichkeiten zum 1:0 gibt es auch in diesem Spiel genug, in Form von neun Torschüssen, die alle daneben gehen oder vom Gegner abgewehrt werden. Als die Angriffswelle abflacht und die eingeschnürten Gäste zum ersten Mal im Aarauer Strafraum auftauchen, schlägt Innenverteidiger Bürgy über den Ball, gefolgt vom 0:1 durch Wild. Am zehnten Spieltag kassiert der FCA zum neunten Mal das 0:1. Auch den Gegentreffern zum 1:2 und 2:3 gehen krasse Fehler voraus: Erst lässt sich Bürgys Nebenmann Schindelholz (30) vom 21-jährigen Torschützen Seferi wie ein Junior wegdrücken, beim Siegtor der Gäste durch Sliskovic pennt Rechtsverteidiger Leo. Dem 2:3 hat Aarau nichts mehr entgegenzusetzen.

FC Aarau - FC Winterthur: Interviews mit Doppeltorschütze Elsad Zverotic sowie mit Cheftrainer Patrick Rahmen.

Als Trainer Patrick Rahmen zehn Minuten nach dem Schlusspfiff aus der Kabine kommt, sagt er: «Das ist ein schwerer Gang für mich. Wieder machen wir nichts aus einer guten Startphase, sondern hauen uns die Tore quasi selber rein.» Von Rahmen ist viel Leidensfähigkeit gefragt. Wie gedenkt er, nach dem erneuten Tiefschlag am Montag vor die Spieler zu treten und sie aufzurichten? «Indem ich ihnen sage, dass wir nicht abgeschlachtet werden, sondern immer nah dran sind. Wenn jeder Einzelne noch mehr tut in den Trainings und in den Spielen, werden wir belohnt.»

Darf wohl weitermachen: Patrick Rahmen

Darf wohl weitermachen: Patrick Rahmen

Dass Rahmen die nächsten Trainings und Spiele leiten wird, davon ist Stand heute auszugehen. Das Gerüst des Teams steht hinter ihm. «Das spüre ich», sagt er. Und das wird auch auf dem Platz ersichtlich: Die letzten vier Partien hätte der FCA gemessen an den Torchancen und den Spielanteilen genauso gut gewinnen können. Dass es nur vier Punkte wurden, gründet einzig und allein in den dämlichen Fehlern der Spieler. Dennoch: So tritt keine Mannschaft auf, die gegen den Trainer spielt.

Weitere Gründe sprechen gegen eine Trainerentlassung. Die Vergangenheit: Seit 2014 hat Aarau sechsmal den Trainer gewechselt, langfristig gebracht hats in der Tabelle nichts, es ging stets weiter bergab. Für Rahmen gilt: Er hat im Gegensatz zu seinen Vorgängern einen Zweijahresvertrag unterschrieben. Sein Kredit dürfte grösser sein, auch weil eine Entlassung die bald scheidende Klubführung teuer zu stehen käme. Nicht zuletzt wird sich Sportchef Sandro Burki genau überlegen, ob und wann er von Rahmen abrückt: Burkis Schicksal ist verknüpft mit dem des Trainers, den er in Eigenregie ausgewählt hat.

Nach dem Spiel gegen Winterthur läuft Vizepräsident Roger Geissberger dem

Rahmen erklärt sich seinen Vorgesetzten Burki, Geissberger und Schmid

Rahmen erklärt sich seinen Vorgesetzten Burki, Geissberger und Schmid

«AZ»-Reporter in die Arme. «Muss Rahmen gehen?», fragen wir. Geissberger winkt ab, er wolle nichts sagen. Das Präsidium wird in diesen Tagen zusammensitzen und die Krise analysieren. Alles andere als eine Jobgarantie für Rahmen zumindest bis zum Jahresende wäre eine Überraschung. 

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