Leichtathletik
Abraham sucht und findet in seiner Karriere die letzten Grenzen

Der Schweizer Marathonläufer Tadesse Abraham blickt auf die beste Saison seiner Karriere zurück und auf ein neues Ziel voraus. Dass der gebürtige Eritreer in Form ist, bewies er am Hallwilerseelauf, der gestern über die Bühne ging. Dabei deklassierte Abraham seine Konkurrenz bereits nach fünf Kilometern.

Rainer Sommerhalder
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Tadesse Abraham kann auf seine erfolgreichste Saison zurückblicken und setzt sich dabei bereits neue Ziele.

Tadesse Abraham kann auf seine erfolgreichste Saison zurückblicken und setzt sich dabei bereits neue Ziele.

Keystone

Bereits nach 5 der 21 Kilometer liess Tadesse Abraham gestern am Hallwilerseelauf seine letzten Begleiter stehen und degradierte die Konkurrenz danach zu Statisten. Es ist der sechste Erfolg des gebürtigen Eritreers am bedeutendsten Laufanlass im Kanton Aargau. Kein anderes Rennen hat der 34-Jährige öfter gewonnen.

Tadesse Abraham blickt ohnehin auf eine Traumsaison zurück: Schweizer Marathon-Rekord (2:06:40) in Seoul, Europameistertitel im Halbmarathon in Amsterdam sowie Platz 7 und Diplom beim olympischen Rennen in Rio. «Ich bin sehr zufrieden. Mit dem derzeitigen Leistungsvermögen habe ich das Optimum herausgeholt», sagt der in Genf wohnende Abraham. Wertend vergleichen will er die drei Erfolge nicht. «Jeder hat seine eigene Bedeutung», sagt das äusserst bescheiden auftretende Aushängeschild der Schweizer Leichtathletik, «Der Schweizer Rekord bedeutet mir viel. Auch die Bestätigung, der beste Europäer zu sein, bringt Genugtuung. Und den olympischen Traum mit einer sehr guten Leistung in Rio zu krönen, macht mich stolz und glücklich.»

Tadesse Abraham holte 2016 nach, was ihm in den beiden Jahren zuvor im internationalen Vergleich trotz des unbestrittenen Potenzials noch nicht gelungen war. An der Heim-EM 2014 und an der WM 2015 blieb er deutlich unter den Erwartungen. Wieso? «Ein Rennen wird letztlich im Kopf entschieden. Ist der Kopf nicht frei, sind die Beine nicht locker», sagt Abraham. Das Interesse der Medien und der Öffentlichkeit nach seiner Einbürgerung habe ihn gestresst und nervös gemacht. «Ich musste mich zuerst daran gewöhnen.»

Überhaupt habe für ihn nach seiner Flucht aus dem eritreischen Team an der Cross-WM 2004 in der Schweiz ein neues Leben begonnen. «Ich fühlte mich wie neu geboren. Hier ist eine ganz andere Kultur, als dass ich sie aus Eritrea kannte», sagt Abraham.

Für 2017 hat er ein grosses Ziel im Hinterkopf: den London-Marathon am 23. April. Dort will er den bestehenden Europarekord des Türken Kaan Kiges Özbilen – der bis 2015 noch Mike Kipruto Kigen hiess und Kenianer war – von 2:06:10 unterbieten. «Ich habe in der Schweiz alles gewonnen, was man gewinnen kann, habe mit EM, WM und Olympia alles erreicht, was ich wollte. Jetzt möchte ich herausfinden, wo meine Grenze liegt», erklärt der 34-Jährige. «Ich glaube, ich kann 2:05 laufen.» Diesem Ziel ordnet Abraham bis auf weiteres alles unter.

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