Die letzten drei Minuten der Nachspielzeit sind angebrochen. Bei jedem Ballwechsel und bei jeder Torchance schreien und jubeln die Ecuadorianer um mich herum wie wild. Die letzte Nachspielminute bricht an und es gibt doch noch ein Tor für die Schweiz. Ein Stöhnen geht durch die Menge. Es dauert einen Moment, bis ich merke: Wir haben gewonnen. Bevor die allerletzten Sekunden des Spiels überhaupt vorbei sind, ziehen die Ecuadorianer ab. Die Stimmung ist gedrückt. Irgendwie habe ich mir den Schweizer Sieg süsser vorgestellt.

Zu spät zum Spiel

Vor dem Spiel habe ich mich mit einem ecuadorianischen Freund verabredet. Dieser kam, wie zu erwarten war, zu spät und hatte zusätzlich auch keinen Plan, wo wir das Spiel anschauen können. Einen Ort zu finden war dann aber doch sehr einfach. An jeder Strassenecke, in jedem Geschäft und jeder Bar wurde das Spiel übertragen.

Zudem schienen wir nicht die Einzigen, die ein bisschen knapp dran waren. Auf der Strasse wimmelte es nur so von Menschen mit gelbblauen Trikots. Schliesslich entschieden wir uns für ein Shoppingcenter, wo sich schon mehrere hundert Ecuadorianer vor einer Leinwand angesammelt hatten. «Das Spiel hat schon angefangen?», fragt mein Freund ganz erstaunt, als wir zehn Minuten nach Spielbeginn ankommen. Lachend erkläre ich ihm, dass Fussball-Spiele nicht auf verspätete Ecuadorianer warten.

Wette abgeschlossen

Pünktlich zum ersten Tor für Ecuador sind wir dann aber da. Die Leute jubeln und schreien: «Ecuador, Ecuador, Ecuador!» Ich fühle etwas zwischen Enttäuschung, weil ich grundsätzlich mit der Schweiz mitfiebere, und Freude, weil ich dieses Land und die freundlichen Leute in den letzten vier Monaten sehr lieb gewonnen habe. Ehe ich mich versehe, bekomme ich zusätzlich zu meiner Schweizer Flagge ein E für Ecuador auf die Stirn gepinselt. Das ist Teil einer Wette, die ich abgeschlossen habe. Falls Ecuador gewinnt, muss ich den ganzen Tag mit dem Landesnamen und Flagge auf der Stirn rumlaufen. Es sollte ja aber anders kommen.

Noch prosten sich die Ecuadorianer mit Bier zu. Und dass, obwohl am Sonntag der Ausschank von Alkohol verboten ist. Mit meiner weissen Hautfarbe und dem Schweizer Kreuz auf meiner Wange habe ich mich schon von Anfang an als Schweizerin geoutet. Die Leute sind mir jedoch durchaus freundlich gesinnt. Einer zwinkert mir zu, von einem Mädchen bekomme ich ein Fussballarmband geschenkt und ein anwesender ecuadorianischer Journalist macht noch ein Interview mit mir als einzige Schweizerin unter den Anwesenden.

Extra einen Kabelanschluss gekauft

Ecuadorianer lieben Fussball. Extra für die Weltmeisterschaft haben viele Kabelfernsehen eingerichtet. Fussball ist aber auch sonst überall präsent. Sogar im Bus werden die Spiele im Radio übertragen. «Wir sind wie gelähmt, wenn Fussball läuft. Nichts kann uns vom Schauen abhalten. Auch die Arbeit nicht», erklärte mir letzte Woche meine Spanischlehrerin.

Ich muss zugeben, obwohl ich stolz auf die Schweiz bin, am Schluss war ich fast ein bisschen enttäuscht, dass Ecuador nicht gewonnen hat. Es wäre schöner gewesen, die Leute jubeln zu sehen und mit ihnen mitzufeiern.

* Dominique Bitschnau (20) ist eine ehemalige Praktikantin der «Nordwestschweiz». Sie unterrichtet in einem sechsmonatigen Freiwilligen-Einsatz Kinder in Ecuador in Englisch.