Aargauer Volkslauf
Die Siegerin heisst Martina Strähl, die Frau «mit einer anderen Klasse» Fabienne Schlumpf

Mit Fabienne Schlumpf und Martina Strähl prägten zwei Exponentinnen der Schweizer Laufszene den Covid-kompatiblen Aargauer Volkslauf. Die Siegerin Martina Strähl ist dabei nicht restlos glücklich.

Jörg Greb
Merken
Drucken
Teilen
Die beiden Olympia-Teilnehmerinnen Fabienne Schlumpf (Nr. 5) und Martina Strähl (Nr. 6) beim Start des 31. Aargauer Volkslaufs.

Die beiden Olympia-Teilnehmerinnen Fabienne Schlumpf (Nr. 5) und Martina Strähl (Nr. 6) beim Start des 31. Aargauer Volkslaufs.

Sandro Anderes/ Christian Winter

Eine solche Affiche hat es kaum je gegeben an einem Aargauer Lauf: Zwei Olympia-Teilnehmerinnen testen letztmals ihre Form vor dem Grossevent und absoluten Höhepunkt. Doch was das hiess und wie sich das Spezielle zeigte, präsentierte sich unterwegs und widerspiegelt sich in der Rangliste.

Eine Rangliste, die für ein Zerrbild sorgt. Die Hauptfigur des Aargauer Volkslaufs mit den Runden auf dem Aarekanal findet sich auf Platz 21: Fabienne Schlumpf. 48:33 Minuten wurden für die Zürcher Oberländerin gestoppt. Anzufügen gilt es ein dickes Aber: Schlumpf bog nach den beiden Kanalrunden nicht in Richtung Ziel ab, sondern fügte den beiden offiziellen Runden eine dritte an. Klar in Führung gelegen hatte sie zu diesem Zeitpunkt bei den Frauen. Nur die beiden schnellsten Männer, Marius Keller (Weier im Emmental) und Sven Thalmann (Aarau) befanden sich vor ihr.

Das Gefühl ist wichtiger als Zeit und Rang

Das Kuriose ist schnell erklärt. Schlumpf war am Vorabend aus dem Höhen- und Olympia-Vorbereitungscamp in St.Moritz zurück ins Unterland gefahren. Einen möglichst grossen Nutzen wünschte sie vom letzten Wettkampftest vor dem Marathon in Tokio vom 7. August. Mit der längeren Belastung erzielte sie diesen: «Cool, mein Plan ist aufgegangen», sagte die 31-jährige Steeple-EM-Zweite von 2018 und neue Schweizer Marathon-Rekordhalterin und vor allem Hoffnungsträgerin. Mit folgenden Erwartungen ging sie in Aarau an den Start:

«Wieder einmal eine Startnummer tragen, das Wettkampfgefühl aufsaugen, Spass haben.»

Schlumpf zauberte eine erstklassige Leistung auf den Asphalt. Allerdings begann sie vorsichtig. Sie reihte sich hinten ein und liess die Spitze ziehen. Mann um Mann überholte sie sodann. Nach gut 3 km holte sie Martina Strähl ein, die ebenfalls für den Olympia-Marathon qualifizierte Solothurnerin. Mit federnd leichtem Schritt liess sie auch die Topathletin bald stehen – nie schwer atmend, nie am Limit.

«Das Gefühl passte, ich genoss den Lauf in vollen Zügen.»

Das sagte Schlumpf nach dem Rennen. Kein einziges Mal schaute sie unterwegs auf die Uhr. Und noch etwas sagte sie im Ziel. «Diese Schuhe hatte ich heute aus der Schachtel genommen, jetzt kehren sie wieder dorthin zurück.» Eingelaufen quasi ist das Paar nun für ein hoffentlich exzellentes Olympiarennen über die 42'195 km.

Die beiden Olympia-Teilnehmerinnen Martina Strähl (rechts) und Fabienne Schlumpf beim Interview auf dem Siegertreppchen.

Die beiden Olympia-Teilnehmerinnen Martina Strähl (rechts) und Fabienne Schlumpf beim Interview auf dem Siegertreppchen.

Christian Winter

Strähl kämpfte mit den Bedingungen und mit sich selbst

Skeptischer beurteilte Strähl ihre (Sieges-)Leistung mit den 34:40 Minuten. Als klar erste Frau und dritte overall war sie wegen Schlumpf Zusatzschlaufe eingelaufen im Schachenstadion. Mit «extrem schwierig» betitelte sie ihr Rennen und meinte damit «die Temperatur, die Luftfeuchtigkeit, den Gegenwind wie das eigene Befinden». Schnell hatte sie erkannt: «Nachdem Fabienne zu mir aufgeschlossen hatte, konnte ich nicht mehr zusetzen, sondern wurde sogar langsamer.» Ihr Fazit:

«Fabienne ist eine Frau mit einer anderen Klasse, und mir lief es nicht wie gewünscht.»

Volkslauf-Stimmung im kleinen Rahmen

Unterschiedliche Emotionen empfanden aber bei weitem nicht nur die Besten, sondern ebenso die Volksläuferinnen und Volksläufer. Ihnen hatten die Wettkämpfe und die Vergleichsmöglichkeiten in den vergangenen Monaten ebenfalls gefehlt – und vielfach noch mehr.

Für die Volksläuferinnen und Volksläufer war es seit langem wieder die erste Möglichkeit, einen Wettkampf zu laufen.

Für die Volksläuferinnen und Volksläufer war es seit langem wieder die erste Möglichkeit, einen Wettkampf zu laufen.

Sandro Anderes/ Christian Winter

Der Aargauer Volkslauf bot eine der ersten Möglichkeiten schweizweit und die erste im Kanton für eine Rückkehr in eine (neue) Normalität. 157 Läufer und 63 Läuferinnen massen sich über 10,1 km, 23 und 20 über die Kurzstrecke. Das begehrte Volkslaufgefühl beschränkte sich also auf wenige. Reich war Palette an Emotionen dennoch – unterwegs und danach im Ziel. Und was auffiel: Dankbarkeit und Freude widerspiegelten sich in den Gesichtern.