Er galt als eines der grössten Nachwuchstalente im Kunstturnen: 2013 holte sich der Aargauer Lucas Fischer an der Europameisterschaft die Silbermedaille am Barren, 2014 wurde er zum zweiten Mal Aargauer des Jahres. Doch dann der Schock: Wegen einer chronischen Handverletzung musste der in Möriken-Wildegg aufgewachsene Spitzensportler seine junge Karriere jäh abbrechen.

In seiner Biografie «Tigerherz» gewährt Fischer Einblick in seine Vergangenheit. Von Kindertagen an opferte er seine Freizeit und Freunde für das Turnen. «Ich konnte nur ein einziges Mal an einem Kindergeburtstag teilnehmen, weil ich sonst immer trainierte», sagt Fischer gegenüber «Blick».

Seine Schulzeit war gespalten. «Ich war immer irgendwie dabei und doch nicht richtig.» Auch unter Sportlern fühlte sich Fischer nicht richtig zugehörig. Im Leistungszentrum von Magglingen im Kanton Bern mied er den Kontakt, um keine Angriffsfläche zu bieten. Er fühlte sich anders als die anderen. «Ich habe gerne gesungen und hatte nicht viel gemeinsam mit dem klassischen Turner, der stark und cool ist, den nichts umwerfen kann.»

Lucas Fischer: «Ein Leben habe ich schon gelebt»

Der ehemalige Kunstturner Lucas Fischer schreibt in seinem Buch über seinen Kampf gegen die Depressionen. Der Aargauer will damit anderen Betroffenen Mut machen.

Depression, Schlaf- und Esstörung

Als der Aargauer mit 20 die Diagnose Epilepsie erhält, reisst es ihm den Boden unter den Füssen weg. «Ich hatte plötzlich meinen Körper und Geist nicht mehr unter Kontrolle. Das war schrecklich für mich», schildert er gegenüber «Blick». Doch Fischer kämpft weiter, wird in Moskau zum Vize-Europameister gekürt.

Lucas Fischers Auftritt an der Turn-EM in Moskau:

2015 zwingt ihn eine chronische Handverletzung schliesslich zum Rücktritt. Für Fischer, der sich nie vorstellen konnte, ohne Turnen zu sein, ein Tiefpunkt: «Ich war mein Leben lang in dieser Turnblase – plötzlich platzte sie.»

Fischer wird depressiv, entwickelt eine Schlaf- und Essstörung. Auch die Beziehung zu seiner langjährigen Freundin geht in die Brüche. Zu den körperlichen Beschwerden kamen die Sorgen, die Fischer bedrückten. Denn auf die Frage, was er in Zukunft machen möchte, hat er noch immer keine endgültige Antwort gefunden. «In dieser schwierigen Situation habe ich ein Angebot vermisst, das ehemaligen Spitzensportlern nach ihrem Rücktritt hilft. Ich hatte keine Ahnung, was körperlich und mental auf mich zukommen würde und wie ich damit umgehen soll.»

Erst als er erkennt, wie sehr auch sein Umfeld unter seinem Zustand leidet, kann er sich aufraffen: Er beginnt wieder zu trainieren und stellt eine eigene Show – eine Mischung aus Artistik, Tanz und Gesang – auf die Beine.

Die Lucas-Fischer-Show

Die Lucas-Fischer-Show

Nebenher schrieb Fischer seine Biografie, mit der er anderen Menschen Mut machen will. «Es lohnt sich immer wieder aufzustehen und seine Träume nicht aufzugeben.»