Aargauer Nationalspieler
Die Zeit drängt: Marvin Lier will mit Pfadi Winterthur endlich Meister werden

Der Aargauer Handball-Nationalspieler Marvin Lier wird im Sommer zu den Kadetten Schaffhausen wechseln. Vorher möchte er sich aber einen langjährigen Traum erfüllen. Gegen den HSC Suhr Aarau kämpft er mit seinem Klub gerade um den Einzug in den Playoff-Final.

Frederic Härri
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Marvin Lier hat mit seinem Klub Pfadi Winterthur zweimal den Cupsieg geholt. Ein Meistertitel fehlt ihm noch im Palmarès.

Marvin Lier hat mit seinem Klub Pfadi Winterthur zweimal den Cupsieg geholt. Ein Meistertitel fehlt ihm noch im Palmarès.

Foto: Marc Schumacher / freshfocus

Marvin Lier hat gut geschlafen. «Das fällt leichter, wenn du ­gewonnen hast», sagt er am Tag nach dem 32:27-Sieg gegen Suhr Aarau ins Telefon. Pfadi, sein Pfadi, liegt in der Serie mit 1:0 vorn. Das Spiel war torreich, nicht defensivzentriert, was untypisch ist, wenn man sich frühere Vergleiche der beiden Teams anschaut. Die Angriffsreihen hätten heuer dominiert, meint Lier. «Ich bin mir sicher, dass die Abwehr im zweiten Spiel nachziehen wird.»

Die Analyse des 28-Jährigen ist klar und pointiert, was bestimmt auch damit zusammenhängt, dass er Situationen wie diese schon zigfach durchlebt hat. Playoffs, Halbfinal, alles oder nichts. Vor neun Jahren hat sich Lier von Endingen aus aufgemacht nach Winterthur. Die Postleitzahl änderte, die Ambitionen ebenfalls. Zwei Pokalsiege hat der Aargauer im Zürcher Exil errungen, nur der Meistertitel blieb ihm bislang verwehrt. Die Zeit drängt: In diesen ­Wochen bietet sich Lier die finale Chance, dass es doch noch klappt im roten ­Pfadi-Trikot.

Handball soll in Liers Leben weiterhin an erster Stelle stehen

Lier bestreitet gerade seine letzten Spiele für den Serienmeister der Neunziger. In der neuen Saison wird er für die Kadetten auflaufen, den Serienmeister der Zehnerjahre. In Schaffhausen könne Handball in seinem Leben weiter an erster Stelle stehen, sagt Lier. In Winterthur wäre das nicht mehr möglich gewesen, weil Geld künftig an anderen Orten im Klub eingesetzt wird.

Lier spricht vom «Timing», das gepasst habe, dem «neuen Impuls», den er sich «im Endspurt der Karriere» geben will. Doch allzu ausschweifend möchte Lier über den anstehenden Wechsel nicht werden. Aus Respekt vor dem Noch-Arbeitgeber, der ihm viel ermöglicht hat. Aber auch, um im Hier und Jetzt zu bleiben. «Ich versuche möglichst wenig daran zu denken, dass meine Zeit bei Pfadi bald zu Ende ist. Sonst laufe ich Gefahr, dass ich den Fokus verliere.»

«Es ist schön, wenn sich nicht nur das Mami und das Grosi freut»

Stattdessen lässt Lier lieber die vergangenen Monate bei der Schweizer Nationalmannschaft Revue passieren. Die unfassbare Abfolge an Ereignissen im Januar, als es die Nati doch noch an die WM in Ägypten spülte. Der Startsieg gegen Österreich, die Spiele gegen die Weltstars aus Norwegen und Frankreich. Die Euphorie, die gesteigerte Aufmerksamkeit – auch medial. «Früher hat vielleicht mal Andy Schmid ein Interview gegeben», sagt Lier. «Jetzt gehen Anfragen an viele der Natispieler.»

Marvin Lier erlebte mit der Schweizer Nationalmannschaft in diesem Jahr die höchsten Höhen – und einige wenige Tiefen.

Marvin Lier erlebte mit der Schweizer Nationalmannschaft in diesem Jahr die höchsten Höhen und einige wenige Tiefen.

Foto: Anne-Christine Poujoulat / Pool / EPA

Das Interesse von aussen an dem, was er tut, ist für Lier nicht ausschlaggebend. Gleichwohl gibt ihm die Wertschätzung viel zurück. Er sagt: «Es ist schön, wenn sich neben dem Mami und dem Grosi auch andere über die Erfolge freuen.»

«So weit ist die Schweizer Nati noch nicht»

Vor wenigen Wochen hingen die Köpfe der Schweizer Handballer allerdings ein wenig tiefer. Ein Unentschieden im abschliessenden Spiel gegen Nordmazedonien hätte gereicht, und die Schweiz wäre im kommenden Jahr an die Europameisterschaft gefahren. Doch die Schweizer verloren auswärts mit 28:29, ein Tor fehlte. «Das schmerzte sehr», sagt Lier, der sogleich auf seinen Pragmatismus vertrauen konnte, um die Enttäuschung zu verarbeiten.

Man müsse realistisch bleiben, sagt er. Man könne nicht voraussetzen, dass sie sich in einer Gruppe mit Weltmeister Dänemark und den ­starken Nordmazedoniern um jeden Preis qualifizierten. «So weit sind wir als Schweizer Nati noch nicht.»

Für die Masterarbeit kehrt Lier an seine alte Schule in Aarau zurück

In Gesprächen mit Lier werden Bögen geschlagen. Mal grösser, mal kleiner, oftmals über den Sport hinaus. Von Winterthur nach Kairo, über Skopje bis Schaffhausen. Unweigerlich geht die rhetorische Reise dorthin zurück, wo für ihn alles begann: in den Aargau.

Ja, sagt Lier, die Verbindung in die Heimat bestehe nach wie vor. Nach Endingen, wo er zum Flügelspieler reifte, nach Ehrendingen, wo er aufgewachsen ist. Nach Aarau, wo er an der Alten Kanti einst das Sportgymnasium besuchte. Nun führt der Student der Erziehungswissenschaften an selber Stelle Interviews für seine Masterarbeit. Thema: Selbstmotivation bei Sportschülerinnen und Sportschülern.

Lier kann sich vorstellen, dereinst an einer Sportschule zu arbeiten, um junge, aufstrebende Talente zu begleiten, so wie er es damals war. «Es würde mich reizen, die Jungs und Mädels weiterzubringen», sagt Lier. Doch zuerst hat anderes Vorrang. Die Gegenwart heisst Playoff-Halbfinal, heisst HSC Suhr Aarau. Es gilt schliesslich, den Fokus zu bewahren.

Der HSC will Revanche nehmen für die Auftaktniederlage

HSC Suhr Aarau - Pfadi Winterthur, Schachenhalle, 18.15 Uhr

Verfolgen Sie das zweite Spiel des Playoff-Halbfinals zwischen dem HSC Suhr Aarau und Pfadi Winterthur am Samstag ab 18.15 Uhr bei uns im AZ-Liveticker. In der Best-of-Five-Serie steht es 1:0 für Winterthur (32:27-Sieg in Spiel eins).