Bis zur 15. Minute war es für Siggenthals Manuel Lässer ein normales Nationalliga-B-Spiel. Dann prallte der Kreisläufer bei einer Angriffsaktion mit Altdorfs Torhüter zusammen, verlor das Gleichgewicht und schlug mit dem Kopf hart auf den Boden. Lässer verlor sofort das Bewusstsein und blieb regungslos liegen. Allen Anwesenden war bald klar: Das war kein normaler Zwischenfall, wie er in einem Handballspiel dutzende Male passiert.

Ein Sportler ist innerhalb von Sekunden zum Patienten geworden. Ein Arzt aus dem Publikum und die beiden Physiotherapeuten der Teams waren schnell zur Stelle und stabilisierten den Handballer. Die Unfallstelle wurde mit Matten aus dem Geräteraum für Blicke abgeschirmt. Innerhalb von zehn Minuten war ein Notfallteam aus dem Kantonsspital Uri vor Ort. Sobald möglich wurde Lässer ins Spital gebracht, dieses befindet sich nur wenige Hundert Meter von der Sporthalle Feldli entfernt. Das Spiel wurde mit Verspätung zu Ende gespielt. Das Ausmass von Manuel Lässers Verletzung war zu diesem Zeitpunkt noch nicht abschätzbar.

Schockierende Diagnose

Die schlimme Diagnose der Ärzte: Schweres Schädel-Hirn-Trauma und zwei Hirnblutungen. Noch in der gleichen Nacht wurde Lässer mit der Ambulanz ins Kantonsspital nach Aarau überführt. Glücklicherweise wurde eine riskante Operation aufgrund der Hirnblutungen nicht nötig, die Blutungen stoppten ohne Eingriff. Operiert wurde Lässer erst eine Woche später am Kiefer, der beim Unfall brach. Die ersten Erinnerungen, die Lässer hat, sind Gesichter von Freunden, die ihn in Aarau besuchten.

Die Auswirkungen des Schlages auf den Kopf waren schlimm. Knapp zwei Wochen lang konnte Lässer nur im Bett liegen. Er schlief sehr oft, auch wegen den vielen Medikamenten. Die Zeit brachte Besserung. Bald konnte Lässer in Aarau mit Physiotherapie beginnen. Ziel der Therapien: Manuel Lässer wieder zurück ins Leben bringen. Nach zweieinhalb Wochen wurde der Mann aus Nussbaumen in die Rehaklinik nach Bellikon überführt.

Heute ist Lässer soweit, dass er wieder alleine Treppenlaufen kann. Auch Spaziergänge von bis zu einer Stunde liegen drin und am Abend ist er fitter als noch vor kurzem, als er immer nach dem Nachtessen zu Bett ging. Gesund ist er aber längst noch nicht. Das merkt er immer wieder in alltäglichen Situationen. «Manchmal schlage ich mir aus Versehen einfach den Duschkopf gegen den Kopf oder auch beim Zähneputzen muss ich mich extrem konzentrieren», sagt Lässer.

Sehr schlimm ist für den jungen Mann auch die Langeweile. Dagegen hilft ihm sein neuester Fortschritt: Seit kurzem kann er wieder etwas Längeres lesen. Fernsehen liegt aber nicht drin: «Da bekomme ich sofort Kopfschmerzen», sagt Lässer.  Therapien fürs Gedächtnis, Konzentration, Kraft, Koordination und gegen Schwindelgefühle füllen Lässers Tage.

Noch immer in der Rehaklinik

«Ich will sobald als möglich wieder fit sein. Sport ist mein Leben», sagt Lässer. Bewegung und Sport ist für Lässer nämlich nicht nur ein ausgebautes Hobby als NLB-Handballer, sondern auch sein zukünftiger Beruf. Lässer studiert in Basel Sport und Geschichte und er arbeitet bereits an der Berufsschule Brugg und der Sekundarschule Baden als Sportlehrer. «Am Anfang war für mich klar: <In ein paar Wochen trainiere ich wieder>», erzählt Lässer.

Bald merkte er aber, dass er weit weg davon ist, dieses Ziel zu erreichen. In der Rehaklinik Bellikon wird er noch bis Ende Mai sein, dann kann er vorrausichtlich nach Hause, wird aber weiter in ambulanter Behandlung bleiben. Wie lange es noch geht bis er wieder Sport machen kann, kann man noch nicht abschätzen. «Vielleicht drei Monate, vielleicht sechs, vielleicht ein Jahr. Ich weiss es nicht und muss Tag für Tag schauen», sagt Lässer.

Freundschaften tragen

Trotz dem Pech, das Lässer hatte, kann er sogar kleine positive Punkte seines Schicksals sehen. «Für mich war es immer ganz normal, Freunde zu haben. Aber nun spüre ich richtig, wie wichtig mein Umfeld für mich ist. So viele Menschen aus dem Handball, der Familie, der Schule oder der Arbeit besuchen mich. Mir wird erst jetzt richtig klar, wie viele tolle Leute ich um mich herum habe», erzählt Lässer. Auch, die langweiligen Stunden hatten eine positive Seite.

«Ich habe sehr viel Zeit zum Nachdenken. Das ist nicht nur schlecht.» Auch den Unfall hat er so schon einigermassen verarbeitet: «Am Anfang hatte ich sehr Mühe mit der Situation. Aber mittlerweile kann ich darüber denken: 'Ich kann meine Lage nicht ändern und muss die Situation so nehmen, wie sie ist.'» Den Mut verliert Lässer auf jeden Fall nicht. Für die Uni-Prüfungen im Sommer bleibt er angemeldet und in der Ergotherapie übt er den Prüfungsstoff.

Manuel Lässer ist auf dem Weg zurück.