Kennt ihr euch eigentlich persönlich?

Ciril Grossklaus: Man kennt sich von der Aargauer Sport-Gala, verfolgt die Medienberichte oder trifft sich ab und zu beim Training in der Halle. Mehr aber nicht.

Elena Quirici: Ich verfolge die Leistungen und Ergebnisse der Athleten aus der Region. Ich sass auch vor dem TV, als Ciril in Rio an den Olympischen Spielen kämpfte. Aber wie viele Geschwister er beispielsweise hat, weiss ich nicht (lacht).

Ciril, was genau wissen Sie von Elena?

Grossklaus: Nicht allzu viel. Ich kenne ihre Resultate, aber persönlich kenne ich Elena nicht.

Elena, was können Sie uns von Ciril erzählen?

Quirici: Ich weiss, dass er Judo betreibt. Dass er darin sehr erfolgreich ist. Dass er 2016 bei den Olympischen Spielen war. Und dass er derzeit versucht, sich für die Spiele in Tokio zu qualifizieren.

Wie ist eigentlich das Verhältnis zwischen Judo und Karate?

Grossklaus: Es gibt kein richtiges Verhältnis zwischen den beiden Sportarten. Es ist ein Irrglaube, dass sich Sportarten mit einem ähnlichen Ursprung gegenseitig kennen. Ich habe eigentlich keine Ahnung, wie es im Karate läuft.

Quirici: Es gibt auch viele Personen, die Judo und Karate verwechseln. Wenn ich sage, dass ich Karate betreibe, antwortet mein Gegenüber, das habe er bei den Olympischen Spielen am TV verfolgt, obwohl dort nur Judo dabei war. Es gibt aber untereinander keinen Konkurrenzkampf. Judo ist eine faszinierende Sportart, Karate ist es auch. Beide sind auf ihre Weise speziell.

Was muss man mitbringen, um ein erfolgreicher Kampfsportler zu werden?

Grossklaus: Fleiss und die Bereitschaft, an sich zu arbeiten. Talent ist sekundär.

Quirici: Wie bei anderen Sportarten auch, muss man fleissig sein, an sich glauben und Durchhaltewillen zeigen.

Muss man als Kampfsportler nicht auch ein «harter Cheib» sein?

Quirici: Man muss überall im Spitzensport ein harter Cheib sein! Natürlich haben Kampfsportarten einen eigenen Charakter. Wir zwei mögen sicherlich Zweikämpfe. Wer nicht gerne Körpernähe hat, der ist wahrscheinlich im Kampfsport am falschen Ort.

Grossklaus: Es braucht so etwas wie ein Kämpferherz. Man muss wohl schon das Ringen und Raufen als Kind gern gehabt haben. Wenn der Spass und die Freude an einer Sportart nicht gegeben sind, dann kann man in dieser auch nicht erfolgreich sein.

Quirici: Dann wählt man diesen Weg auch nicht. Ich kam zum Kampfsport, weil ich zwei ältere Brüder habe. Da war ich es mir früh gewohnt, zu kämpfen (lacht).

Wie reagieren Leute im Umfeld darauf, wenn ihr sagt, dass ihr einen Kampfsport betreibt?

Quirici: Es fallen immer wieder Bemerkungen. Ich sei ja so zierlich und lieb, wie könne ich da einen Kampfsport betreiben. Wenn sie mich dann aber kämpfen sehen, realisieren sie, dass ich beim Karate am richtigen Ort bin.

Grossklaus: Es gibt immer dieselben Sprüche: «Bei dir muss ich aufpassen, was ich sage.» Das ist bis zu einem gewissen Grad lustig, aber entspricht nicht der Realität. Neben der Judomatte ist es genau nicht so. Ich stecke meine Energie in den Sport. Und durch den Zweikampf im Judo gewinnt man im Privatleben Respekt vor Konfrontationen.

Ihr habt beide das gleiche Ziel: Tokio 2020. Wo steht ihr auf dem Weg dorthin?

Quirici: Ich stehe im Moment sehr gut da, bin in jedem Ranking auf dem ersten Platz. Aber der Weg ist noch mega weit. Es zählen noch weitere zwölf Turniere für die Qualifikation. Man muss dort überall dabei sein, wenn man es schaffen will. Es wird hart, da meine Kategorie bei den Olympischen Spielen mit einer höheren Gewichtsklasse zusammengelegt wurde. Nur zwei Athletinnen aus meiner Gewichtsklasse qualifizieren sich direkt. Es gibt für die insgesamt zehn Startplätze im nächsten April zwar noch ein direktes Qualifikationsturnier, aber diesen Weg möchte ich wenn möglich nicht gehen müssen. Er bedeutet zusätzlichen Stress, deshalb steht das Ranking im Vordergrund.

Grossklaus: Bei uns ist ebenfalls Halbzeit. Ich habe bisher nicht so viele Punkte sammeln können. Die bisherigen fünf Bestresultate zählen zu 50 Prozent, im zweiten Jahr zählen sie zu 100 Prozent. Am ersten Turnier der zweiten Phase wurde ich Fünfter, bin also befriedigend in die heisse Phase gestartet.

Wie viele Athleten sind im Judo in Tokio dabei?

Grossklaus: Die ersten 18 Athleten im Olympia-Ranking sind direkt qualifiziert. In Rio waren es noch 22, aber nun hat man die Klassen von Männer und Frauen angeglichen. Neu sind es auch 18 anstatt wie zuvor 14 Frauen. Vor Rio war ich die Nummer 17 im Olympia-Ranking. Das zeigt, wie eng das Rennen werden kann. Aber ich glaube daran. Es gibt da zwar noch eine Kontinentalquote, aber auf die möchte ich mich nicht verlassen müssen.

Ciril, Sie waren bereits bei Olympischen Spielen. Was können Sie Elena aus Ihren Erfahrungen mit auf den Weg geben?

Grossklaus: Ich weiss nicht, wie Elena tickt. Bei mir war es so, dass ich alles zu perfekt machen wollte und das Ereignis deshalb zu wenig genossen habe. Man erlebt Olympische Spiele vielleicht nur einmal im Leben, da ist es wichtig, die Balance zu finden. Man soll sich freuen, bei dieser ziemlich einmaligen Sache dabei zu sein, den Einsatz aber gleichwohl konzentriert und seriös vorbereiten. Ich glaube, ich habe das in Rio zu stur gemacht. Im Endeffekt war ich zu verkrampft.

Elena, Sie haben höchstwahrscheinlich nur eine einzige Chance, bei Olympia dabei zu sein. Erhöht das den Druck?

Quirici: Für mich nicht. Ich denke noch nicht wirklich an die Olympischen Spiele. Es ist noch so ein weiter und harter Weg. Ich nehme die Qualifikation Schritt für Schritt. Wenn ich es schaffe, bin ich überglücklich. Das wäre riesig. Aber es ist kein Weltuntergang, wenn ich in Tokio nicht dabei bin. Ich kann mir dann trotzdem sagen, dass ich alles dafür gegeben habe.

Wenn man sich euer Wettkampfprogramm anschaut, dann erinnert es an eine Reise rund um den Erdball. Ist da am Schluss einfach eine andere Sporthalle oder nimmt man auch etwas von diesen Reisen mit?

Quirici: Ich sehe nicht viel vom Land. Wir reisen relativ knapp an und reisen direkt nach dem Turnier zurück. Man sieht vielleicht nicht die typischen Touristenattraktionen, aber die Leute und die Kultur des Gastlandes nimmt man schon wahr. Das finde ich etwas sehr tolles. Und das Essen lernt man auch kennen – manchmal auch zum Leidwesen (lacht).

Grossklaus: Wettkämpfe bieten nicht viel Spielraum für Sightseeing. Meistens beschränkt es sich auf einen Restaurantbesuch am Abend nach dem Einsatz. Es gibt aber viele multinationale Trainingslager in anderen Ländern oder man reist auch oft in eine grosse Judo-Nation. Dort ist man dann drei, vier Wochen. An einem trainingsfreien Tag bietet sich die Gelegenheit, sich etwas anzuschauen. Mit traditionellen Ferien kann man das aber sicher nicht vergleichen.

Wie ist es bei Ihnen mit dem Essen – sind Sie auch experimentierfreudig?

Grossklaus: Ich sage mir, einmal etwas aus dem Gastland probieren gehört dazu. Dabei habe ich schon einige lustige Dinge erlebt.

Quirici: Ich habe immer einen Reiskocher dabei. So weiss ich, dass ich in meinem Zimmer eine Grundlage habe, um etwas Warmes und Gutes zu essen. Zuletzt in China war Vorsicht geboten beim Fleischessen wegen der ganzen Doping-Problematik. Vor dem Turnier experimentiere ich nicht so gerne, aber nach dem Einsatz kann man kulinarisch schon mal etwas ausprobieren.

Kein schlechtes Klima-Gewissen wegen den vielen Flugreisen?

Quirici: Natürlich ist es nicht gut, aber wir können es nicht vermeiden, wenn wir unsere sportlichen Ziele erreichen wollen. Aber ich gehe zuhause mit dem Velo ins Training oder fahre bewusst weniger Auto. Aber die Flugkilometer können wir nicht verhindern.

Grossklaus: Es stimmt, dass jeder durch sein Handeln etwas zur Entlastung der Umwelt beitragen kann. Als Sportler hat man aber nicht viel Spielraum und obwohl ich versuche, mich im Alltag entsprechend zu verhalten, habe ich unter dem Strich natürlich eine miese Öko-Bilanz. Ich glaube aber, dass für unsere Zukunft und die unserer Nachkommen insbesondere politisch die richtigen Entscheidungen getroffen werden müssen. Entsprechend versuche ich bei Abstimmungen und Wahlen das Richtige zu tun.

Ciril trainiert häufig mit internationalen Gegnern, da er in der Schweiz nicht so viele Sparringpartner findet?

Grossklaus: Die Teilnehmerzahlen und das Niveau an unserem Nationalen Leistungszentrum ist zwar sehr gut geworden, aber man kommt nicht darum herum sich regelmässig mit der internationalen Konkurrenz zu messen. Ausserdem sucht man diesen Vergleich, um sich mit den weltweit unterschiedlichen Stilrichtungen im Judo vertraut zu machen. Das ist in unserer Sportart sehr wichtig.

Elena, sind Sie auch häufig für das Training international unterwegs?

Quirici: Es gibt weniger Möglichkeiten. Du musst dafür eingeladen werden. Meistens wird eine Nation eingeladen und da ist die Schweiz vielfach nicht der erste Kandidat. Ich trainiere oft auf eigene Faust im Ausland. Aber ich muss alles selber organisieren und auch selber bezahlen. Ich trainiere oft in Spanien, da mein Freund aus Spanien kommt und ich dort eine gute Trainingsgruppe gefunden habe, die mich fordert. Aber viel Zeit bleibt gar nicht für ausgedehnte Trainingslager. Wir rennen von einem Turnier zum nächsten. Dann ist auch wichtig, einfach mal zuhause zu sein. Das war in diesem Jahr erst an zwei Wochenenden der Fall.

Angesichts eures riesigen Aufwands für den Sport: Auf was alles verzichtet ihr zugunsten der Sportkarriere?

Quirici: Es ist für mich kein Verzicht. Im Gegenteil, wir gewinnen mit unserem Leben viel. Es sind extrem viele Erfahrungen, die andere Menschen nicht machen können. Ich bin sehr zufrieden mit meinem Leben. Natürlich machen wir Dinge nicht, die andere tun. Aber wir haben es uns selber so ausgesucht.

Grossklaus: Elena sagt es richtig. Von aussen schaut man es als Verzicht an. Aber es ist definitiv ein Gewinn. Man sieht als Aussenstehender längst nicht alles, was zu diesem Leben gehört. Es tönt zwar wie eine Phrase, aber Geld ist wirklich nicht alles. Natürlich muss ich mir den Lebensunterhalt finanzieren können. Und das ist manchmal ziemlich schwierig. Aber ich bin dankbar, dass ich mein Leben so gestalten kann.

Aber Geld braucht es trotzdem, um sich das Leben als Spitzensportler leisten zu können. Sie sagen es selber: Nicht immer einfach!

Quirici: Für Athleten aus Sportarten, in welchen man nicht das grosse Geld verdienen kann, ist es ein Kampf im Wettkampf und ein Kampf daneben. Ich persönlich habe ein gutes Umfeld und treue Sponsoren, die mich unterstützen. Es geht, wenn man es will. Aber man muss Erfolge ausweisen können. Schwierig ist es, wenn man als Sportler erst auf dem Weg zu möglichen Erfolgen ist.

Grossklaus: Ich habe nach den Olympischen Spielen in Rio ein Unterstützungs-Projekt erarbeitet und machte mich auf die Suche nach Sponsoren und Gönnern. Es war ganz klar als Vierjahres-Projekt im Hinblick auf Tokio 2020 deklariert. Die Geldgeber haben sich für diese Zeit engagiert. So wusste ich, dass ich ein Minimum zum Leben habe bis zu den nächsten Olympischen Spielen und ich dieses Ziel nicht aus Geldgründen abbrechen muss. Es hat sich jetzt auch bewährt, weil ich aus dem Unterstützungspool der Schweizer Sporthilfe rausgeflogen bin.

Wieso das?

Grossklaus: Um bei der Schweizer Sporthilfe einen Unterstützungsantrag stellen zu können, braucht es von Swiss Olympic die richtige Einstufung. Für diese werden explizit Topresultate an EM und WM verlangt. Und solche habe ich seit 2011 nicht mehr liefern können.

Ciril ist seit 2013, Elena seit wenigen Monaten Profi. Auf was muss man achtgeben, damit dass Leben als Sportler nicht einseitig wird?

Quirici: Ich habe mir diese Frage intensiv gestellt, denn ich will nicht nur die Sportlerin Elena sein, ich will auch die Privatperson Elena sein und als solche wahrgenommen werden. Ich mache bewusst Dinge für den Ausgleich. Seit ich Profi bin, habe ich mehr Zeit, um zum Beispiel ins Kino zu gehen oder mich mit Kollegen zu treffen. Ich geniesse diese Momente auch mehr, weil ich dabei vom Sport abschalten kann. Nicht mehr arbeiten zu müssen, gibt mir mehr Freiheiten, um mich zu erholen und mich selber wieder kennen zu lernen. Ich bin jetzt 25 Jahre alt – wer bin ich und was will ich? Zuvor war ich derart in einem Kreis, in welchem es immer um leisten, machen, leisten, machen usw. ging. Ich lerne auch bewusst eine neue Sprache, damit mein Hirn eine Aktivität hat, die nichts mit Sport zu tun hat.

Grossklaus: Ich pflege neben dem Training einige sinnvolle Aktivitäten, die mir Spass machen. Diese sind eigentlich immer mit Judo verbunden. Ich aktualisiere die Website für den Verein, begleite den Nachwuchs an ein Schülerturnier. Es bleibt dir als Spitzensportler gar nicht so viel Zeit, um sich zu langweilen, denn neben dem eigentlichen Training auf der Matte kommen ganz verschiedene andere Faktoren dazu.

Mit welchen Zielen reist ihr an die European Games nach Minsk?

Grossklaus: Mein Ziel ist es, in jedem Kampf mein Maximum abzurufen.

Quirici: Ich setze mir nicht gerne Podestplätze als Ziel, sondern will meine bestmögliche Leistung bringen.

Ihr definiert eure Ziele über die Leistung. Aber wenn man ehrlich ist, zählen an einem solchen Anlass doch nur die Medaillen?

Grossklaus: Das stimmt. Die Frage nach den Zielen kommt von den Journalisten normalerweise immer zuerst. Sie beinhaltet ein Unwissen über unsere Sportarten. Es gibt so viele unvorhersehbare Faktoren, dass es an Hellseherei grenzt, ein Resultatziel zu nennen. Als Athlet ein Rangziel zu definieren, ist letztlich vor allem eine mentale Belastung. Du kannst nur deine eigene Leistung beeinflussen. Deshalb konzentrieren wir uns auf das.

Quirici: Jeder Sportler geht an einen solchen Wettkampf, um zu gewinnen. Aber gerade in Kampfsportarten kann eine Zehntelsekunde Unaufmerksamkeit den Sieg kosten. In anderen Sportarten, in denen du weisst, wo du beim Abrufen deiner Leistung zeitlich oder punktemässig etwa hinkommst, kannst du dir eher ein Rangziel setzen. Aber im Kampfsport gibt es so viele äussere Faktoren. Man kann den Gegner nicht beeinflussen. Man weiss nicht, ob er es vielleicht mit einer neuen Taktik versucht. Man kann den Schiedsrichter nicht beeinflussen. Man kann nur das beste Ich sein.