Aargauer Fussball
Aargauer Vereine geraten an Kapazitätsgrenzen: «Wir platzen aus allen Nähten»

Die Europameisterschaft entfachte grosse Fussballbegeisterung in der Schweiz. Auch bei Aargauer Fussballvereinen ist die Nachfrage riesig. Vereinzelte Klubs mussten mangels Funktionären und freien Plätzen eine Warteliste einführen.

Nik Dömer
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Aargauer Klubs müssen derzeti eine grosse Nachfrage bewältigen.

Aargauer Klubs müssen derzeti eine grosse Nachfrage bewältigen.

Alexander Wagner

Fussball ist in diesem Sommer wieder voll im Trend. Es scheint so, als ob die ereignisarme Coronazeit die Lust auf Sport gefördert hat. Und dann war da auch noch dieser tolle EM-Auftritt der Schweizer Nati, der junge Spieler nun wieder scharenweise zum Dorfklub treibt.

Die Begeisterung geht derzeit gar so weit, dass es im Aargau bei gewissen Vereinen eine Warteliste gibt, weil die Infrastruktur nicht mehr ausreicht oder schlicht zu wenig Trainer vorhanden sind.

Besonders prekär ist die Situation in der Juniorenabteilung beim FC Wohlen. Nachwuchschef Gregorio Trovato betont: «Um ehrlich zu sein, wir platzen aus allen Nähten. Wir haben vier Mannschaften in diesem Sommer aufgestockt, und es stehen immer noch ungefähr 50 Kinder im Alter zwischen fünf und zehn Jahren auf der Warteliste.»

Der FC Wohlen stösst an seine Kapazitätsgrenzen.

Der FC Wohlen stösst an seine Kapazitätsgrenzen.

Sandra Ardizzone / SPO

Die Lust am Kicken sei in Wohlen zwar kein neues Phänomen, jedoch spüre man von Jahr zu Jahr eine kontinuierliche Steigerung der Nachfrage: «In diesem Jahr hat die gute Leistung der Nati bestimmt auch eine Euphorie ausgelöst. Ich gehe aber davon aus, dass die grosse Nachfrage auch sonst weiterhin zu­nehmen wird. Das hängt für mich auch mit dem Zuwachs der Bevölkerung zusammen.»

Wohlen braucht einen Kunst­rasen im Stadion Niedermatten

Geht es im gleichen Stil weiter, müssen beim FC Wohlen dringend Lösungen her. Mit 400 Junioren, 70 Trainern und 35 Mannschaften ist der Verein mit ­seiner Infrastruktur am Limit. «Wir ­haben seit zwei Jahren die Philosophie, dass jedes Wohler Kind bei uns Fussball spielen darf, doch mit zwei Naturrasenfeldern und nur einem Kunstrasenplatz können wir die grosse Nachfrage nicht mehr bewältigen.»

Die naheliegendste Lösung wäre ein zweites Kunstrasenfeld. Umsetzbar wäre dies im Stadion Niedermatten. Aktuell liegt dort noch Naturrasen, und dieser steht aus Ab­nützungsgründen nur dem Fanionteam zur Verfügung.

Der FC Wohlen spielt aktuell noch auf Naturrasen.

Der FC Wohlen spielt aktuell noch auf Naturrasen.

Benjamin Netz / Aargauer Zeitung

Ein robuster Kunst­rasen könnte hingegen von allen genutzt werden. Doch so einfach ist das nicht, denn das Wohler Stimmvolk lehnte 2017 aus Kostengründen einen Kunstrasen im Stadion bereits ab. Nun wird der Verein entsprechend einen neuen Anlauf nehmen müssen, will er seiner Philosophie auch weiterhin gerecht werden.

Im Gegensatz zum FC Wohlen ist beim FC Lenzburg das Problem noch weniger akut. Doch auch hier wurde die Nachfrage bei den Kindern im Alter zwischen fünf und zehn Jahren in diesem Frühling zu gross: «Wir mussten zum ersten Mal im Mai Kinder vertrösten, weil wir nicht genügend Trainer zur Verfügung hatten. Wir haben ihnen ­gesagt, dass sie im Sommer wieder kommen sollen», sagt Nachwuchsleiter Donato Clemente.

Die Anzahl Junioren nimmt zu, die Infrastuktur stösst an Grenzen

Inzwischen hat der Verein aufgestockt. Neue Trainer wurden rekrutiert, zwei neue Teams hat es bei den Jüngsten gegeben. Damit trainieren auf der Lenzburger Anlage inzwischen 17 Mannschaften. «Wir haben mittlerweile rund 300 Junioren. Mit drei Feldern auf dem Vereinsgelände und einem Schulhausplatz, den wir be­nutzen dürfen, kommen wir momentan gerade noch zurecht. Dafür sind wir bei den Trainern am Limit. Einige Coaches müssen bereits zwei Teams trainieren. Da möchten wir uns so bald wie möglich breiter aufstellen.»

17 Teams trainieren insgesamt auf der Sportanlage Wilmatten Lenzburg.

17 Teams trainieren insgesamt auf der Sportanlage Wilmatten Lenzburg.

Severin Bigler / ©

Sehr gross ist der Andrang beim FC Fislisbach. Wartelisten sind hier schon länger ein Thema, jedoch nicht in allen Alterskategorien. «Momentan ist es vor allem der Andrang der jüngeren Spieler, den wir bewältigen müssen. Für die Kleinsten ab fünf Jahren wird es nach den Sommerferien wieder eine Warteliste geben», erklärt Junioren-Obfrau Sandra Waespe.

Was Waespe besonders auffällt, die Einsteiger werden immer jünger: «Es gibt Eltern, die wollen ihre Kinder mit Jahrgang 2017 zu uns schicken. Gerade in diesem Jahr bekamen wir viele Anfragen. Das könnte schon auch mit der EM-Begeisterung zu tun haben.»

Immerhin habe sich die Auslastung bei den ­Kategorien F und E etwas gelockert, da einige Junioren in diesem Jahr abgesprungen sind. Solche Schwankungen seien normal, betont Waespe. «Die Kinder haben oft mehrere Hobbys und müssen sich irgendwann für eines entscheiden.»

Dennoch ist auch in Fislisbach klar: Viel mehr Junioren kann der Verein nicht mehr stemmen. Mit 700 Mitgliedern, 22 Mannschaften – davon 16 Juniorenteams – ist bei der Auslastung der Plätze die Grenze schon fast überschritten: «Wir haben auf unserer Anlage zwei Naturrasenfelder und einen Allwetterplatz, der jedoch selten gut bespielbar ist. Zusätzlich können wir im Dorf zwei Plätze benutzen, das gibt momentan noch ein wenig Entlastung», betont die Junioren-Obfrau.

Der FC Fislisbach hat eine der grössten Junioren-Abteilungen im Aargau.

Der FC Fislisbach hat eine der grössten Junioren-Abteilungen im Aargau.

Alexander Wagner / FOTO Wagner

Bei Fislisbach, das eine der grössten Junioren-Abteilungen im Aargau stemmt, ist klar: Es muss ein neues Feld her. «Wir hoffen darauf, dass wir bald einen Kunstrasen finanzieren können, damit wir bei starkem Regenfall nicht mehr aufgeschmissen sind», sagt Waespe.

Positiv hingegen ist die Entwicklung bei den Trainern. Waespe ist begeistert vom mehrheitlich unbezahlten Engagement innerhalb des Vereins: «Wir haben erstaunlicherweise überhaupt keinen Mangel an Trainern, ich musste sogar einige Anfragen abweisen. Zudem haben wir das Glück, dass unsere Trainer sehr engagiert sind. Oftmals sind es Eltern, die durch ihre Kinder im Verein aktiv werden und sich dann richtig in ihre neue Aufgabe reinsteigern und dann auch entsprechende Diplomkurse besuchen.»

Gränichen-Präsident macht sich bisher noch keine Sorgen

Wie wichtig ein Kunstrasen bei grossem Andrang ist, sieht man am Beispiel des FC Gränichen. Der Verein ist gleich mit zwei Plastikfeldern ausgerüstet. Auch hier war der Fussballboom nach der EM deutlich spürbar: «Besonders bei den Junioren im Alter zwischen sieben und neun Jahren gab es eine grosse Nachfrage, wir mussten aber zum Glück ­keine Kinder vertrösten, sie konnten alle mittrainieren», erklärt Präsident Martin Lüscher.

Der FC Gränichen trägt Trainings und Spiele auf Kunstrasen aus.

Der FC Gränichen trägt Trainings und Spiele auf Kunstrasen aus.

Alexander Wagner

In der Saison 2021/22 wird der FC Gränichen neu mit vier E-Mannschaften zur Meisterschaft antreten, was die Folge der aktuellen Fussball-Begeisterung ist. Damit zählt der Klub derweil rund 400 Mitglieder und 15 Mannschaften, darunter 10 Juniorenteams mit ungefähr 190 Junioren. «Für unsere Infrastruktur ist das schon auch nahe an der Grenze. Wir haben neben einem grossen und einem kleinen Kunstrasenfeld nur noch einen Naturrasen zur ­Verfügung.»

Doch Sorgen macht sich Lüscher aktuell noch keine. Kunstrasen sei Dank: «Momentan kommen wir noch gut durch, weil wir die Plastikunterlagen einfach viel stärker belasten können und auch bei rauem Wetter Trainings durchführbar sind», betont der Präsident.

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