In Abwesenheit von Nino Schurter feierte "Oldie" Florian Vogel zum Abschluss der Mountainbike-EM in Darfo Boario Terme überraschend seinen zweiten EM-Titel nach 2008 im Cross-Country. Bei den Frauen gewann Linda Indergand Silber. Jolanda Neff gab das Rennen auf.

Ihn hatten in der Lombardei die Wenigsten auf der Rechnung: Florian Vogel, Europameister von 2008, mittlerweile 35-jährig, düpierte die Konkurrenz im norditalienischen Glutofen von Darfo Boario Terme und gewann neun Jahre nach seinem ersten Triumph auf dem erstmals befahrenen, technisch anspruchsvollen Parcours ziemlich unverhofft. Der Aargauer setzte sich zehn Sekunden vor dem ebenfalls verblüffenden 36-jährigen französischen Rekordmann und Vorjahressieger Julien Absalon durch, der sein erstes Rennen nach zweimonatiger Verletzungspause wegen eines Schlüsselbeinbruchs bestritt. Der Deutsche Manuel Fumic komplettierte das Podest.

Vogel, der letztmals vor zwei Jahren im Weltcup auf dem Podest stand und 2010 in Champéry ein Weltcuprennen gewann, zeigte ein taktisch cleveres Rennen und profitierte auch von einem Defekt seines wohl härtesten Widersachers David Valero, nachdem er zunächst noch Helferdienste für den später zurückgefallenen Teamkollegen Mathias Flückiger geleistet hatte. Natürlich waren die Chancen der Aussenseiter vor den Titelkämpfen auch durch Nino Schurters Absage und die Absenz des zuletzt erstarkten Tschechen Jaroslav Kulhavy markant gestiegen.

"Es wäre für mich auch ein gutes Rennen gewesen, wenn Absalon mich noch überholt hätte. Ich hatte keinen Druck", befand Vogel. Die letzten Rennen hätten ihm das nötige Selbstvertrauen gegeben und ein Stilwechsel den Effort in der Schlussphase ermöglicht. "Meine Saison ist damit ziemlich gerettet", so Vogel, dessen beste Saisonplatzierung ein Fünfter Platz in Vallnord war.

Indergands Glück, Neffs Pech

Auch bei den Frauen gingen die Schweizerinnen nicht leer aus, obwohl Jolanda Neff einmal mehr an einem Grossanlass vom Körper ausgebremst wurde. Derweil die am Donnerstag im Training auf die Schulter gestürzte St. Gallerin mit starken Schmerzen aufgab, freute sich Linda Indergand über die Silbermedaille.

Die 24-jährige Urnerin profitierte in der Schlussrunde von einem Defekt der zu diesem Zeitpunkt rund eine Minute vor ihr fahrenden Französin Pauline Ferrand-Prévot. Überlegene Europameisterin wurde die Ukrainerin Jana Belomoina, die damit in die Fussstapfen von Neff trat. Bronze erbte die 44-jährige norwegische Altmeisterin Gunn-Rita Dahle Flesjaa. Zweitbeste Schweizerin war Corina Gantenbein als Fünfte, Kathrin Stirnemann folgte auf Platz 9.

Neff, die wie schon im Vorjahr an den Olympischen Spielen in Rio angeschlagene Europameisterin der letzten beiden Jahre, verlor den Wettlauf gegen die Zeit. Die St. Gallerin stieg um Rennmitte wegen zunehmender Schmerzen in Schulter und Rücken vom Sattel. Früh hatte sie nicht mehr mit den Schnellsten mithalten können.

Für Indergand, die U19-Weltmeisterin von 2011, ist EM-Silber der bisher grösste Erfolg. Im Weltcup stand sie bis dato zweimal auf dem Podest, zuletzt beim diesjährigen Saisonauftakt im tschechischen Nove Mesto.

Mit vier Gold- und vier Silbermedaillen ohne Zutun von Schurter und Neff unterstrich die Schweiz ihre Vormachtstellung im Mountainbike-Sport an den kontinentalen Titelkämpfen eindrücklich. "Ich bin überwältigt. So viele Medaillen hätte ich nie erwartet", sagte Delegationsleiter Pascal Seydoux.