Fussball
Aarau-Verteidiger Marco Thaler: «Ich muss lernen, ein wenig böse zu sein»

Der talentierte Verteidiger des FC Aarau spricht vor dem Heimspiel gegen die Grasshoppers vom Samstag über die im Frühling anstehende Matura, Gerechtigkeit, Grenzerfahrungen und das mittlerweile aufgehobene Interviewverbot.

Ruedi Kuhn
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Marco Thaler (vorne) ist beim FC Aarau der Mann der Stunde.

Marco Thaler (vorne) ist beim FC Aarau der Mann der Stunde.

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Marco Thaler, sind Sie ein Genie?

Marco Thaler: Nein. Warum?

Wissen Sie, worauf ich hinaus will?

Ja. Wahrscheinlich auf das kürzlich in der «Aargauer Zeitung» erschienene Interview mit FCA-Torhüter Joël Mall. Joël sagte, ich sei in der Schule ein Genie. Ich bin vielleicht ein guter Schüler, aber ein Genie bin ich nicht.

Welchen Notendurchschnitt hatten Sie im letzten Zeugnis?

Eine 5,2.

Sie sind mitten in der Vorbereitung für die Matura: Wann schliessen Sie die schulische Ausbildung ab?

Die Prüfungen sind im Frühling 2015. Nach der Matura werde ich auf die Karte Fussball setzen, könnte mir aber vorstellen, dass ich nebenbei studiere. Wie das genau aussehen wird, weiss ich noch nicht.

Welches Studium käme für Sie in Frage?

Eine schwierige Frage. Bis vor kurzer Zeit wollte ich Jura studieren. Mein Götti ist Anwalt. Ich hatte in seiner Praxis einige Schnuppertage. Ich bin für die Gerechtigkeit und setze mich gerne für die Menschen ein.

Kommen wir zum Fussball: In der letzten Saison spielten Sie für den FC Baden. Nun sind Sie auf dem Weg zum Stammspieler beim FC Aarau: Was ist passiert?

Ich habe meine Arbeit gemacht. Plötzlich bekam ich die Chance, in der Super League zu spielen. Dazu braucht es auch ein wenig Glück.

Wie gross ist der Sprung von der 1. Liga in die Super League?

Der Sprung ist gross. Ich spürte aber schon beim FC Baden, dass die gleichaltrigen Spieler auf mich hören. Ich sehe es als Kompliment, wenn mich ein Talent als Vorbild bezeichnet. Ich bin ehrgeizig, will vorwärts kommen und setzte mir bis Ende letzter Saison das Ziel, mich für höhere Aufgaben zu empfehlen. Das ist mir gelungen.

Wären Sie ohne Trainer Sven Christ auch beim FC Aarau gelandet?

Schwierig zu sagen. Fakt ist, dass Sven Christ mir in der Entwicklung weiterhalf und mir die Chance ermöglichte, beim FC Aarau Fuss fassen zu können.

Fuss fassen ist gut: Sie waren zuletzt viermal in Folge in der Startformation des FC Aarau: Das ist mehr als Fuss fassen. Viel mehr ...

... es ist ein Anfang. Natürlich war die rasante Entwicklung eine Überraschung. Beim FC Aarau ging es tatsächlich schnell voran. Und es geht weiter: Kürzlich wurde ich auch für die Leistungstests der Schweizer U20-Auswahl am 26. und 27. August in Magglingen aufgeboten.

Zurück zum FC Aarau: Wie erlebten Sie die vier Spiele gegen Sion (1:0), YB (1:1), Vaduz (1:1) und St. Gallen (2:2)?

Ich muss eines vorausschicken: Es geht nicht in erster Linie um mich sondern um den FC Aarau. Meine Leistungen müssen andere beurteilen. Beim Debüt in der Startelf gegen Sion war ich extrem angespannt. Es war phantastisch, wie mich die Teamkollegen unterstützt haben. Und zwar in allen Spielen.

Gegen St. Gallen mussten Sie ziemlich unten durch. Sie wurden früh verwarnt und hatten mit Dzengis Cavusevic einen Gegenspieler, der Sie unter Strom gehalten hat. Nach 78 Minuten wurden Sie wegen einer Kopfverletzung ausgewechselt. Wie schlimm war das?

Ich erhielt in der Startphase einen Schlag an die linke Schläfe. Während des Spiels wurden die Kopfschmerzen immer stärker. Ich musste mich auswechseln lassen. Bezüglich Zweikampfverhalten habe ich in diesem Spiel vor allem eines gelernt: Es gibt Momente, da muss ein Spieler an Grenzen gehen. Ich muss lernen, auch mal ein wenig böse zu sein. Cavusevic ist ein routinierter und cleverer Spieler, der genau weiss, wie man sich Platz und Respekt verschafft. Er war aber nicht unfair.

Man hört, dass Sie vor der Auswechslung bewusstlos gewesen seien.

Das stimmt nicht. Ich hatte einfach heftige Kopfschmerzen. Irgendwann ging es nicht mehr. Ich musste mich hinlegen.

Sie sind beim FC Aarau der Mann der Stunde: Um die Euphorie zu bremsen, erhielten Sie vom Verein in den vergangenen Wochen ein Interviewerbot. Waren Sie damit einverstanden?

Ich konnte mit diesem Entscheid gut leben. Es ist schön zu wissen, dass mich der FC Aarau schützen will. Als junger Spieler ist man schnell oben, aber auch schnell unten. Das ist mir bewusst.

Warum geben Sie jetzt dieses Interview?

Ganz einfach: Das Interviewverbot ist aufgehoben. Der FC Aarau traut mir zu, dass ich mit der neuen Verantwortung umgehen kann. Und ich traue mir das auch zu.

Was trauen Sie sich am Samstag im Brügglifeld gegen GC zu?

Es liegt nicht an mir, Prognosen abzugeben. Ich traue dem FC Aarau sehr viel zu. Der gelungene Auftakt in die Saison gibt der Mannschaft natürlich Selbstvertrauen.