Was für eine Spannung. Der FC Aarau führt in der 84. Minute des Challenge-League-Krachers gegen den FC Zürich mit 1:0. Der Gast drückt im ausverkauften Stadion Brügglifeld vor 7800 Zuschauern auf den Ausgleich. Dann rennt Innenverteidiger Juan Pablo Garat seinen Teamkollegen Bruno Martignoni über den Haufen. Garat zieht sich während dieser ungestümen Aktion einen Kieferbruch zu und muss ausgewechselt werden.

Saison 16/17, 9. Runde, Aarau - Zürich 1:1 - komplett

Die Highlights des Spiels im Video

Es ist der grosse Augenblick von Raoul Giger. Der 18-Jährige kommt zu seinem ersten Pflichtspiel-Einsatz in der ersten Mannschaft des FC Aarau. «Das war sehr speziell. Vor vollem Haus und erst noch gegen den FCZ. Damit habe ich nicht gerechnet. Deshalb war es umso schöner», sagt Giger. Die «Aargauer Zeitung» erreicht den Gränicher nur telefonisch. Der Sport-Kantischüler weilt bis Mittwoch mit seiner Schulklasse in München. Unmittelbar nach dem Spiel war er seinen Klassenkameraden am Sonntagabend hinterher gereist.

Während der gut dreistündigen Zugfahrt hatte Giger etwas Zeit, sein Debüt zu verarbeiten. «Ich habe viele Glückwünsche erhalten und konnte den Tag noch etwas Revue passieren lassen», sagt der Verteidiger. Und er ergänzt sofort: «Es ist ein erster kleiner Traum wahr geworden. Erreicht habe ich damit aber noch gar nichts. Jetzt gilt es weiter hart zu arbeiten.» Giger zeigt sich also bereits sehr professionell, bodenständig und hungrig auf mehr.

Bei seinem Debüt wusste er zu gefallen. Das sieht auch Trainer Marco Schällibaum so: «Das war eine Top-Leistung. Er zeigte gleich viel Einsatz und Charakter.» Sascha Stauch beschreibt Giger als «fokussierten Chrampfer. Er weiss, wohin er will und arbeitet täglich für sein Ziel», sagt der Technische Leiter des Team Aargau.

Giger, der bereits etliche Stufen im Aarauer Nachwuchs durchlaufen hat, ist in der laufenden Saison nach den beiden Offensivkräften Lulzim Aliu und Varol Tasar bereits der dritte Pflichtspiel-Debütant beim FCA. Klar, die Einsätze der genannten Nachwuchsspieler sind dem schmalen und seit Saisonbeginn verletzungstechnisch gebeutelten Kader des Fanionteams geschuldet. Und trotzdem: Dass Schällibaum in der Not über Optionen aus dem eigenen Nachwuchs verfügt, ist erfreulich. «Es zeigt auch, dass im Team Aargau gute Arbeit geleistet wird», sagt der Trainer.

Die Not hat in vergangenen Jahren auch schon den einen oder anderen Nachwuchsspieler in die Profi-Karriere katapultiert. Erfolgreichstes Beispiel dafür ist Silvan Widmer. Als im Sommer 2011 beim FCA Not auf der Position des rechten Aussenverteidigers herrschte, wurde der damals 18-Jährige ins kalte Wasser geworfen. Seine weitere Entwicklung zum Stammspieler bei Udinese und bis zum Schweizer Nationalspieler ist bekannt.

Trotz dieser guten Erfahrungen in der Vergangenheit sind die FCA-Verantwortlichen vier Tage vor dem nationalen Transferschluss auf der Suche nach einer Verstärkung in der Verteidigung. Im Fokus steht dabei ein linker Aussenverteidiger, denn sowohl die verletzten Pascal Thrier und Denis Markaj, als auch Bruno Martignoni und Giger sind gelernte Rechts- und nicht Linksverteidiger. Wie es mit Giger in der ersten Mannschaft weitergeht, steht derzeit noch nicht fest. Wer weiss, auch bei Silvan Widmer ging damals plötzlich alles sehr schnell.