Roger Geissberger ist ein emotionaler Mensch. Der Vizepräsident des FC Aarau feiert die Feste, wie sie fallen. Deshalb eilt er gleich nach dem Schlusspfiff von der Haupttribüne des Stade de Genève in die FCA-Garderobe, stellt sich in seiner ganzen Grösse vor die Mannschaft, bittet kurz um Ruhe und hält eine feurige Ansprache.

Über den genauen Inhalt der Rede geht nichts an die Öffentlichkeit. Geissberger selbst trägt sein Herz allerdings auf der Zunge und verrät der «Aargauer Zeitung» eine seiner Botschaften.

«Ich bin stolz auf die Mannschaft und freue mich riesig über den Sieg gegen Servette», sagt er. «Deshalb habe ich spontan entschieden, dass die Spieler die doppelte Punkteprämie erhalten. Dieses zusätzliche Geld haben sie sich redlich verdient.»

Eine schöne Bescherung

Es ist eine vertragliche Vereinbarung, dass die Spieler in dieser Saison nur Prämien erhalten, wenn der FC Aarau in der Tabelle der Challenge League mindestens Dritter ist. Nach dem verpatzten Saisonstart konnten sie sich diese Prämien während der Vorrunde an den Hut streichen.

Gegen Ende der Rückrunde sieht das anders aus: Der 2:1-Erfolg in Genf gegen Servette hat sich für die Spieler nämlich nicht nur sportlich, sondern auch finanziell gelohnt. Im Wissen, dass es für jeden Spieler pro Punkt 150 Franken gibt, erhalten sie für den unerwarteten «Dreier» gegen Servette nicht 450 sondern 900 Franken. Eine schöne Bescherung!

Die Highlights im Video:

Highlights Servette-Aarau (28.04.2019)

 

Nicht nur Geissberger liess seinen Emotionen freien Lauf. Im Rausch des Erfolgs war der eine oder andere Spieler so richtig in Partylaune. Schliesslich wurden in den Reihen des FC Aarau am Samstag zwei Helden geboren. Grund zum Feiern hatten vor allem die beiden Torschützen Gianluca Frontino und Nicolas Schindelholz. Sie feierten gleichzeitig jeweils eine Premiere – ihr erstes Meisterschafts-Tor in dieser Saison.

Schwung in den Angriff

Beginnen wir mit Frontino: Seine Einwechslung nach gut einer Stunde war der Schlüssel zum Erfolg. Setzte die Mannschaft bis zu diesem Zeitpunkt offensiv kaum Akzente, kam mit der Nummer 10 Schwung in die Angriffsmaschinerie.

Nach zwei eher harmlosen Abschlussversuchen traf er mit einem Flachschuss zum 1:1. «Ich kann die Szene, die zum Tor führte, nicht richtig beschreiben», sagte Frontino. «Es ist einfach passiert. Ich freue mich in erster Linie für die Mannschaft. Aber es ist klar, dass ich vor meinem Rücktritt Ende Saison auch persönliche Glücksgefühle habe. Es ist für mich wie eine Erlösung. Jetzt möchte ich erst einmal mit den Teamkollegen etwas feiern.»

Interviews mit Torschütze Gianluca Frontino und Cheftrainer Patrick Rahmen:

«Manchmal ist Fussball ganz einfach»

Für Patrick Rahmen war klar, dass Frontino gegen Ende dieser Saison eine wichtige Rolle spielen würde. «Ich habe Gianluca vor einer Woche nach dem 4:0-Sieg in Wil gesagt, dass er noch zum einen oder andern Einsatz kommen wird», sagt der Trainer des FC Aarau. «Jetzt konnte er seine Klasse unter Beweis stellen.»

Und der zweite Held? Natürlich Nicolas Schindelholz! Der Innenverteidiger musste beim FC Aarau in den vergangenen Monaten immer und immer wieder untendurch. Eine Verletzung reihte sich an die andere. Nun folgte das grosse Erfolgserlebnis: Das Tor zum 2:1 war eine Augenweide.

Er selbst gibt sich bescheiden und sagt: «Ohne die ideale Flanke von Neumayr wäre ich nie zum Torschuss gekommen. Ich nahm volles Risiko und traf den Ball mit dem rechten Fuss optimal. Das war alles. Manchmal ist Fussball ganz einfach.» Ganz einfach? Das war es mit Sicherheit nicht: Der Siegtreffer von Schindelholz war ein Augenschmaus.

Der verdiente Lohn

Ein weiterer Gewinner war Patrick Rahmen. Der FCA-Trainer bewies wie schon so oft ein goldenes Händchen. Die Einwechslung von Frontino nach gut einer Stunde liess den Knoten im Spiel der Aarauer platzen.

Mit Marco Schneuwly und Varol Tasar im Sturm und Frontino in der zentralen Position hinter den Spitzen kam Schwung in die Angriffsmaschinerie. Die Abwehr von Servette geriet Mitte der zweiten Halbzeit mehr und mehr in Bedrängnis.

Die zwei Tore zum Sieg waren der verdiente Lohn für eine frappante Leistungssteigerung der Aarauer. Dass die Schlussminuten zu einer Zitterpartie wurden, war unnötig. Joker Stefan Maierhofer hatte das 3:1 gleich zweimal auf dem Fuss.

Schicksal in den eigenen Händen

Und was bleibt unter dem Strich? Schreibt der FC Aarau am nächsten Samstag gegen Lausanne ein weiteres Kapitel des Märchens im Jahr 2019? Fünf Runden vor Schluss beträgt der Rückstand auf die Waadtländer fünf Punkte. Nur fünf Punkte!

Mit einem Erfolg können die Aarauer bis auf zwei Zähler an die Waadtländer herankommen. Für Spannung ist gesorgt. Kommt hinzu, dass Lausanne nach dem Spiel in Aarau das Derby gegen Servette bestreiten muss.

Es scheint fast so, dass der FC Aarau im Schlussspurt der Saison das Schicksal in den eigenen Händen halten könnte. Allerdings nur dann, wenn er am nächsten Samstag Lausanne schlägt.