Gianluca Frontino hat genug: Das letzte Spiel dieser Saison ist gleichzeitig das letzte seiner Karriere. Rücktritt mit 29? Das muss er erklären. Wir treffen den Captain des FC Aarau vor dem Auswärtsspiel bei seinem Ex-Klub Winterthur. Frontino nimmt kein Blatt vor den Mund.

Wenn Sie wünschen könnten: Wie sähe Ihr letzter Arbeitstag als Fussballer aus?

Also, jetzt mal einfach geträumt: Es ist der 2. Juni, wir empfangen im Brügglifeld Xamax oder GC zum Barrage-Rückspiel, ich stehe in der Startelf und am Ende steigen wir auf.  

Mit GC als Barrage-Gegner würde sich ein Kreis schliessen – bei GC haben Sie vor 13 Jahren ihren ersten Profivertrag unterzeichnet.

Ob der Gegner dann GC, Xamax, Lugano oder Sion heisst - total egal. Mir geht’s darum, zum Abschluss meiner Karriere mit dem FC Aarau Erfolg zu haben.

Mit 29, sagt man, steht ein Fussballer wegen der Mischung aus Können und Erfahrung am Zenit. Und Sie hören ausgerechnet mit 29 auf – ein Widerspruch!

Einspruch: Das beste Fussballeralter ist zwischen 23 und 26. Damals steckte mein Körper alles weg. Heute muss ich mich vor jedem Training ausgiebig aufwärmen, um nicht zwei Tage lang Schmerzen zu haben.

Anders gefragt: Der FC Aarau hätte ihren auslaufenden Vertrag gerne verlängert, sie lehnen ab. Warum?

Im Winter habe ich mich gefragt: Will ich das Ende noch zwei Jahre hinauszögern oder will ich jetzt einen neuen Weg einschlagen? Erstmals in den letzten 13 Jahren verspürte ich Lust auf etwas Neues, darauf, auszubrechen aus meinem Alltagstrott. Das war das Zeichen, es durchzuziehen.

Haben Sie das Fussballerleben satt?

Wie oft haben mich meine Kollegen am Samstag gefragt, ob ich mit ihnen auf ein Bier komme? Wie oft war ich der einzige, der an Familienfesten fehlte? Es ist auf Dauer frustrierend, ein Leben an meinen wichtigsten Menschen vorbei zu führen. Nach dem Training komme ich heim, gehe schlafen oder spiele Playstation, weil alle Kollegen am Arbeiten sind und niemand Zeit für einen Kaffee hat. Die Aussicht, für meine Freundin, meine Familie und meine Kollegen da zu sein, die reizt mich. Wenn ich im Fussball Perspektiven hätte, für die sich all der Verzicht weiterhin lohnen würde, würde ich jetzt nicht aufhören.

Erklären Sie das.

Was sind meine Aussichten? Das Maximum wäre vielleicht, mit dem FC Aarau in der Super League zu spielen. Hätte ich Chancen, um den Meistertitel mitzuspielen oder auf einen lukrativen Transfer ins Ausland, wäre es anders. Ich bin Realist, das wird nicht mehr passieren. Ich habe als Fussballer nicht so viel verdient, um bis ans Lebensende von den Zinsen leben zu können. In zwei oder drei Jahren müsste ich sowieso in die Berufswelt einsteigen. Ich habe im Winter eine Pro- und Kontra-Liste erstellt, das Ergebnis war eindeutig: Es ist genug. Es ist keine Entscheidung gegen den Fussball, ich werde solange Fussball spielen, bis ich nicht mehr laufen kann. Aber Profifussball ist nur noch Business, diese Welt habe ich satt.

Ab Sommer sind Sie Spielertrainer beim Zweitligisten FC Diessenhofen.

Mein Bruder spielt dort, mein bester Freund und viele Kollegen. Künftig mit ihnen Spass am Fussball zu haben, ist mir tausendmal wichtiger als 100 Challenge-League-Spiele mehr auf der Visitenkarte. Ich will wieder ein normaler Mensch sein.

Bitte – sind Sie das etwa nicht?

Das tönt vielleicht krass. Aber ein Fussballer muss sich immer dem Trainings- und Spielplan anpassen. Ein normaler Arbeitnehmer kann in die Ferien, wenn er will. Er kann mal einen Tag frei nehmen. Er kann an einem Abend mal über die Stränge hauen und am nächsten Tag verkatert ins Büro gehen.

Mit Verlaub – Fussballer haben doch einen Schoggi-Job. Einmal am Tag zwei Stunden trainieren und am Wochenende ein Spiel – das tönt nicht nach Überbelastung.

Diese Sprüche muss ich mir sogar von meiner Freundin anhören. Aber im Ernst: Was mache ich in meiner Freizeit? Ich gehe ins Fitnesscenter oder in die Physiotherapie, es ist ja nicht so, dass ich nichts mache. Als mich im vergangenen Herbst Achillessehnen-Probleme plagten, fuhr ich jeden Tag am Morgen ins Brügglifeld, dann eine Stunde nach Basel in die Therapie, ehe ich auf der Heimfahrt nach Schaffhausen zwei Stunden im Stau steckte. Gerade Verletzungsphasen sind für Fussballer mental besonders streng. Und am Abend mit Kollegen ein Bier trinken liegt nicht drin, weil ich am nächsten Tag ausgeschlafen und topfit sein muss.

Sie tönen nicht so, als bestünde Gefahr, dass Sie Ihre Entscheidung dereinst bereuen werden?

Bis jetzt noch nie. Aber wer weiss! Richtig realisiert habe ich es noch nicht, ich lebe und spiele ja so, wie es im Sommer weitergehen würde. Kann sein, dass ich im Herbst wehmütig werde.

Fehlt Ihnen als Fussballer auch Futter für den Kopf?

So sehr ich das Kabinenleben und den Austausch mit meinen Teamkollegen liebe und vermissen werde: Aber es geht halt meistens um Fussball. Ich freue mich sehr, künftig im Alltag auch über andere Dinge zu reden.

Bereuen Sie es, vor 13 Jahren den Weg als Profifussballer eingeschlagen zu haben?

Auf keinen Fall. Jeden Tag Fussball spielen zu dürfen, das hat all die Nachteile bei weitem kompensiert.

Würden Sie gerne schon morgen Ihr neues Leben als Ex-Profi beginnen?

Ich wollte auf keinen Fall als Verletzter durch die Hintertüre verschwinden. Sonst hätte ich im Winter aufgehört. Ich habe in Aarau mit allen im Verein und in der Mannschaft ein gutes Verhältnis, ein schöner Abgang ist mir sehr wichtig. Jetzt, wo es raus ist, ist der Druck weg, ich bin frei und davon können ich und der FC Aarau in den letzten 12 Spielen profitieren.

Werden Sie die Aufmerksamkeit, die Sie als Fussballer erhielten, vermissen?

Die haltet sich in der Schweiz ja zum Glück in Grenzen. Aber in meiner Heimatstadt Schaffhausen hat die Nachricht meines Rücktritts schon Staub aufgewirbelt, mein Handy läutete pausenlos. Die vielen Reaktionen haben mir zugegeben schon geschmeichelt.

Wie gross ist Ihr Respekt davor, bald in den Alltag eines normalen Menschen einzutauchen?

Klar wird es gewöhnungsbedürftig sein, wenn der Wecker um halb sieben klingelt. Aber ich war schon früh ein selbstständiger Mensch. Am meisten Bauchweh bereitet mir die eingeschränkte Bewegungsfreiheit in einem Bürojob. Ich kann keine Stunde stillsitzen.

«Ein Freigeist, Regisseur, ein Denker und Lenker» – Ruedi Kuhn bedauert den überraschende Rücktritt von Gianluca Frontino auf Ende Saison.

«Ein Freigeist, Regisseur, ein Denker und Lenker» – Die AZ-Reporter Wendel und Kuhn bedauern den überraschende Rücktritt von Gianluca Frontino auf Ende Saison.

FCA-Talk vom 14. März 2019 mit den AZ-Sportredaktoren Sebastian Wendel und Ruedi Kuhn.

Warum werden Sie Versicherungsberater?

Vor neun Jahren war René Weiler mein Trainer beim FC Schaffhausen, aber er liess mich nicht spielen und ich erhielt keinen neuen Vertrag. Damals habe ich das erste Mal mit dem Profifussball abgeschlossen und einen Job bei der Mobiliar angenommen, bevor ich 2011 nochmals einen Anlauf im Fussball nahm. Mein Berater war lange Generalagent bei der Mobiliar, sein Nachfolger hat mir nun angeboten, zurückzukommen. Ich darf sofort auf die Kunden los und erhalte nebenan eine Ausbildung. Und dies, obwohl ich nichts kann ausser Fussball spielen. Diese Chance musste ich packen, die kommt vielleicht nie wieder.

Smart, gutaussehend, redegewandt – Sie sind der geborene Versicherungsberater.

(lacht) Fragen Sie mich in einem Jahr nochmal, wie viele Versicherungen ich verkauft habe. Im Ernst: Ich finde meinen Schritt ins Ungewisse mutig, das macht schon auch stolz.

Als Sie vor 13 Jahren bei GC Ihren ersten Profivertrag unterzeichneten, galten Sie als neuer Stern am Schweizer Fussballhimmel. Nun hören Sie beim FC Aarau in der Challenge League auf – was ist schief gelaufen?

Ich bin mit sehr viel Talent gesegnet, als Teenager hatte ich  Angebote von Arsenal London, Inter Mailand und vielen mehr. Aber ich bin, wie ich bin. Ich kann von mir behaupten: Ich war Profi, aber das Wichtigste war immer, dass ich spiele. Wenn ich schon 13 Jahre lang die vielen Opfer bringe, dann ist ein Stammplatz in der Challenge League tausendmal lieber als die Ersatzbank in der Super League. Der Lohn, den man als Fussballer in der Schweiz verdient, ist mir die Zuschauerrolle nicht wert. Klar, hätte ich am Ende jedes Monats 200‘000 Franken auf dem Konto, würde ich vielleicht anders reden.

Rührt daher Ihr Ruf, Widerständen aus dem Weg zu gehen?

Wenn ein Trainer nicht auf mich setzte, wollte ich weg, weil ich mir als Trainingsgast zu schade war. Ich betrachte diese Ehrlichkeit mir und den Vereinen gegenüber als Stärke, sicher nicht als Schwäche.

Wer waren Ihre wichtigsten Trainer?

Unter Maurizio Jacobacci in Schaffhausen spielte ich meinen besten Fussball, er ist einer der meistunterschätzten Trainer der Schweiz. Die drei Monate in der vergangenen Saison mit Stephan Keller in Aarau waren auch toll, er wusste genau, wie man mich packen muss. Und dann Patrick Rahmen: Ich finde es faszinierend, wie er unsere prominente Mannschaft führt, dass keiner aufmuckt. Und wie er sich nach dem schlechten Saisonstart vor uns stellte, obwohl wir mit unseren Leistungen seinen Job gefährdeten. Von ihm habe ich extrem viel für meine Trainerzukunft gelernt.

Ihn bewundert Frontino für seine Empathie: FCA-Trainer Patrick Rahmen

Ihn bewundert Frontino für seine Empathie: FCA-Trainer Patrick Rahmen

Rahmen hat Sie im Sommer zum Captain ernannt und Ihnen das Amt nicht weggenommen, obwohl sie nach dem fünften Spieltag verletzt ausfielen.

Das meine ich mit seiner riesigen Empathie. Als ich ihm im Januar sagte, dass ich Ende Saison aufhöre, war sein erster Satz: „Und du bleibst trotzdem mein Captain.“ Ich kann gar nicht anders als mich in den Dienst der Mannschaft zu stellen, obwohl ich bis zum Saisonende wohl kein Stammspieler mehr werde.

Warum hat es in Schaffhausen zwischen Ihnen und Murat Yakin nicht geklappt?

Ich habe ihm anständig, aber deutlich meine Meinung gesagt. Leider können damit nicht alle Trainer umgehen. Murat war in Schaffhausen ein König, wer ihm widersprach, der sah alt aus.

Würde der Trainer Frontino den Spieler Frontino am Sonntag in Winterthur von Anfang an bringen?

Ich würde Frontino immer aufstellen (lacht). Ich fühle mich fit für 50 bis 60 Minuten, aber der Trainer hat in meiner Abwesenheit ein funktionierendes System gefunden und er wäre blöd, würde er nur mir zuliebe alles verändern. Jetzt ist Markus Neumayr der Spielmacher und ich unterstütze ihn.

Woher diese Wandlung? Sie haben doch gesagt, für einen Bankplatz sind Sie sich zu schade.

Mit 22 konnte ich die Reservistenrolle nicht akzeptieren – Terror! Frontino auf der Bank? Geht’s noch? Auch noch vor einem Jahr wäre ich die Wände hoch. Aber die Ernennung zum Captain und meine Beobachtungen im Herbst aus der Distanz, als die Mannschaft nur dank der Solidarität untereinander aus dem Loch kam, haben meine Denkweise verändert. Meine persönlichen Ziele sind verflogen. Und mein Traum von einem schönen Abschied erfüllt sich nur, wenn ich mich in den Dienst der Mannschaft stelle.

Dann sind Sie ja ein idealer Gesprächspartner für die jungen Spieler beim FC Aarau, die momentan hinten anstehen müssen.

Ich kann Sie verstehen, denn ich war als Junge genauso. Als ich 2009 mit 20 erstmals zum FC Schaffhausen ging, glaubte ich, im Vorbeigehen den Munot erobern zu können und dann als kleiner König zu GC zurückzukehren. So haben wohl auch bei uns einige Junge gedacht. Aber die Challenge League ist – pardon – eine hässliche Liga. Wer nicht bereit ist, sich jedes Wochenende den Allerwertesten aufzureissen, der geht unter. Ich versuche den Jungen beizubringen, dass sie mit schlechter Laune und schlechten Trainings letztlich nur sich selber schaden.

Wer war Ihr Vorbild als Jungprofi?

Ricardo Cabanas. Er war damals Captain bei GC, ich war 16 Jahre alt. Ein Captain wie aus dem Lehrbuch: Als ich einmal alleine Bälle einsammelte, kam er dazu und half mir. Oder er fragte mich: „Frontino, willst du spielen?“ Ich: „Ja klar, aber ich bin 16 Jahre alt.“ Er: „Wenn du spielen willst, dann grätsch im Training die Alten runter, nicht mich, die anderen. Zeig, dass du da bist, wehr dich.“ Ich war elektrisiert, er war ein Typ, der für seine Teamkollegen schaute. Die Zeiten haben sich verändert. Heutzutage kommen die Jungen ins Training und spielen Hacke, Spitze, tralala. Ich traute mich früher nicht mal, den Alten in die Augen zu schauen. Aber was soll ich böse zu den Jungen sein? Ich will sie nicht behandeln, wie früher die Alten die Jungen behandelt haben.

Haben Spielertypen wie Sie, klassische Zehner, eigentlich noch Platz im Fussball?

Nein. Ich würde sagen, neben Sébastien Wüthrich von Servette bin ich der letzte echte Zehner in der Schweiz, in der Super League sind sie ausgestorben.

Schade – oder?

Sehr. Aber es ist die logische Entwicklung: Die heutigen Trainer haben ihre Vorstellung, wie sie spielen. Wer da nicht reinpasst, wird ersetzt. Die meisten Trainer passen sich nicht mehr den Spielertypen und deren Stärken an.

Kehren Sie irgendwann als Trainer in den Profifussball zurück?

Keine Ahnung, ich will es zumindest nicht ausschliessen. Ich habe bald das B-Diplom, aber das A-Diplom darf ich erst nach der Karriere machen. Das regt mich auf.

Warum?

Da heisst es vom Schweizerischen Fussballverband immer, Fussballer sollen sich während der Karriere auf das Leben danach vorbereiten. Und dann werfen Sie dir bei der Trainerausbildung Steine in den Weg. Zum Beispiel finden die Kurse an den Wochenenden statt, wenn wir Profis Spiele haben. Es muss doch möglich sein, die Ausbildung zeitlich besser auf uns Profis abzustimmen. Schliesslich kennt niemand den Fussball besser als wir.

Was machen Sie, wenn Ihre Teamkollegen zwei Wochen nach dem Saisonende mit der Vorbereitung auf die neue Saison beginnen?

Ich werde irgendwo an der Westküste Amerikas sein. Die Reise war schon immer ein Traum von mir, aber als Fussballer mit zwei Wochen Ferien ging es nicht. Es war so ein tolles Gefühl, ohne Rücksicht aufs Datum Ferien zu buchen.

Wann geht’s los?

Am 3. Juni, am Tag nach dem Barrage-Rückspiel. Wenn nötig, steige ich betrunken ins Flugzeug (lacht). Und dann bin ich bis Ende Juni weg, einfach frei sein, so schön.