Boxen
12 Runden im Infight mit dem netten Thurgauer Stefan Angehrn

Der ehemalige Profi Stefan Angehrn gibt im Boxring Baden seine Erfahrungen weiter. Ein Besuch im Boxkeller, gefühlte 12 Runden lang.

Von Daniel Weissenbrunner
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Der Meister und sein Nachfolger: Stefan Angehrn (rechts) und Davide Faraci zeigen Fäuste. dws

Der Meister und sein Nachfolger: Stefan Angehrn (rechts) und Davide Faraci zeigen Fäuste. dws

Daniel Weissenbrunner

Links hängen Sandsäcke unterschiedlicher Grösse, rechts mehrere grossflächige Spiegel, zuvorderst steht leicht erhöht der Boxring. Es ist kühl an diesem Donnerstagabend und es riecht leicht muffig.

Muffensausen bekomme ich, als mir die Smiley-Figur mit einem blauen Auge entgegenlacht. Das T-Shirt – je nach Gemütszustand originell – gehört Stefan Angehrn. War es purer Leichtsinn, mich auf diese Lektion einzulassen?

Klettern, Schwingen, Wasserball habe ich schadlos überstanden. Aber ein Training mit dem erfolgreichsten Schweizer Boxer der letzten Jahrzehnte? Angehrn lacht.

Beeindruckende Statstik

Der nette Thurgauer hat in seiner Karriere manchen Gegner auf die Bretter geschickt. Die Statistik lügt nicht: 25 Profikämpfe, 19 Siege, davon 10 durch K.o. Angehrn kämpfte unter anderem zweimal gegen Ralf Rocchigiani um den WM-Titel und verlor beide Male knapp nach Punkten.

1997 besiegte er Torsten May. Ein Jahr später wurde Angehrn nach seinem Sieg über Dan Ward IBF-Interkontinental-Champion.

Lebensmittelpunkt verschoben

Die Fäuste prallen auf die Pratzen. Wie Böller hallen die Schläge durch den niedrigen Box-Keller im Sportzentrum Baregg. Rund 20 Frauen und Männer haben sich zum wöchentlichen Training eingefunden.

Seit eineinhalb Jahren gibt Stefan Angehrn hier seine Erfahrung an die jungen Sportler im Boxring Baden weiter. In Baden deshalb, weil sich der Lebensmittelpunkt des 48-Jährigen vom Kanton Thurgau nach Oetwil an der Limmat verschoben hat und der Klub landesweit einen hervorragenden Ruf geniesst.

Was bei meinen Sparringpartnern leichtfüssig, dynamisch und ästhetisch aussieht, ist für den Neuling reine Schinderei. Hüftsteif, armlahm, kurzatmig. Angehrn lässt sich wenig anmerken. Er ist nachsichtig. Er korrigiert, kritisiert, demonstriert. Immer höflich. So wie man ihn kennt – der Nette.

Faraci, der legetime Nachfolger

Nach gefühlten 12 langen Runden ist Schluss, durchgeschwitzt, mit erhöhtem Puls, aber wohlgemerkt – nicht k.o. Gleich daneben steigt Davide Faraci aus dem Ring. Er hat sein Pensum ebenfalls beendet.

Was für ein Kontrast. Die zweite Trainingseinheit an diesem Tag hinlässt beim derzeit erfolgreichsten Schweizer Amateur äusserlich keine Spuren. Faraci gewann zuletzt an den U22-Europameisterschaften in Kaliningrad Bronze.

Läuft alles wie geplant, ist er der legitime Angehrns Nachfolger an. «Davide bringt alle Voraussetzungen mit, um den internationalen Durchbruch zu schaffen», ist Stefan Angehrn überzeugt.

Lichterlöschen. Im Box-Keller kehrt Ruhe ein. Stefan Angehrn macht sich mit dem Sohn seiner Lebenspartnerin auf den Nachhauseweg. Er bedankt sich fürs Interesse. «Bis zum nächsten Mal», ruft er hinterher – und lacht.

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