1. Liga
«Arbeiten professionell und werden als Amateure eingestuft»: Der grosse Ärger der Aargauer Erstligisten

Der FC Wohlen und der FC Baden müssen nach einer Woche normalem Betrieb wieder auf eingeschränktes Training umstellen, da die 1. Liga nicht als «semiprofessionell» eingestuft wird. Der Entscheid stösst bei den Aargauer Vertretern auf Unverständnis.

Nik Dömer
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Wann die Saison in der 1. Liga weitergeführt werden kann, bleibt ungewiss.

Wann die Saison in der 1. Liga weitergeführt werden kann, bleibt ungewiss.

Dani Mercier / Aargauer Zeitung

Nach einer Woche ist der Spass bereits wieder vorbei. Die Aargauer Erstliga-Vertreter FC Baden und FC Wohlen dürfen doch nicht mehr uneingeschränkt trainieren.

Eine Expertengruppe, der unter anderen Vertreter des Bundesamts für Sport und von Swiss Olympic angehören, hat der SFV-Abteilung «Erste Liga» einen Strich durch die Rechnung gemacht und die 1. Liga als Amateurliga eingestuft.

Präsident Markus Hundsbichler zeigt sich über den Entscheid der Expertengruppe enttäuscht. In der vergangenen Woche hatte sich seine Abteilung «Erste Liga» mit einer umfassenden Argumentation für beide Ligen (Promotion League und 1. Liga) stark gemacht: «Ich verstehe, dass die Vereine nun enttäuscht sind. Das sind wir auch. Wir gingen davon aus, dass der Stellenwert der Nachwuchsförderung in beiden Ligen als gleichwertig eingeschätzt wird und daher beide Spielklassen loslegen können.»

Die 1. Liga wurde in der vergangenen Woche von einer Expertengruppe als Amateurliga eingestuft.

Die 1. Liga wurde in der vergangenen Woche von einer Expertengruppe als Amateurliga eingestuft.

Dani Mercier / Aargauer Zeitung

So muss sich Hundsbichler nun den Vorwurf gefallen lassen, dass die «Erste Liga» wohl besser mit der vorübergehenden Freigabe für die Erstligisten abgewartet hätte, bis die Expertengruppe ihr definitives Urteil gefällt hat.

Der Präsident betont dazu: «Wir spüren das Bedürfnis von einigen Vereinen, den Spielbetrieb so schnell wie möglich fortsetzen zu wollen. Entsprechend haben wir die damalige Situation umgehend weitergeleitet. Ausserdem haben wir in unserem Schreiben an die Vereine auch klar betont, dass noch nicht von einer definitiven Lösung ausgegangen werden kann.»

Hat sich die Expertengruppe verschätzt?

Das Hin und Her sorgt beim FC Wohlen für grosses Ärgernis. Als am Donnerstag bekannt wird, dass der Trainingsbetrieb wieder eingeschränkt werden muss, schreibt Trainer Thomas Jent ein wütendes E-Mail an Swiss Olympic und das BAG: «Ich wollte einfach die genauen Kriterien erfahren, damit ich meinen enttäuschten Spieler Argumente liefern kann.»

Wohlen-Trainer Jent erkundigte sich beim BAG über die genauen Argumente, warum die 1. Liga nicht normal weiter trainieren darf.

Wohlen-Trainer Jent erkundigte sich beim BAG über die genauen Argumente, warum die 1. Liga nicht normal weiter trainieren darf.

Dani Mercier / Aargauer Zeitung

Kurz darauf erhält Jent einen Anruf von einem Mitglied der Expertengruppe: «Mir wurde erklärt, dass beim Entscheid sportliche und wirtschaftliche Faktoren beurteilt wurden. Bei Letzterem haben sie sich komplett verschätzt, es war angeblich die Rede von Maximum 500 Franken Spesen, die Spieler in der 1. Liga verdienen würden. Das ist weit verfehlt. Wir haben bei uns selber zahlreiche Spieler im Kader, die mehr bekommen.»

Auch wenn Jent versichert wurde, dass die Taskforce sich in dieser Woche nochmals über die Sache berät, macht sich der Wohlen-Trainer keine Hoffnungen mehr. «Die ganze Sache ist wirklich zermürbend. In erster Linie auch für unsere Spieler. Besser wir haben eine niedrige Erwartungshaltung und werden dann positiv überrascht.»

Das Verhältnis stimmt nicht

Wie in Wohlen hat auch der FC Baden in der vergangenen Woche den normalen Trainingsbetrieb wieder aufgenommen, ehe er nun wieder gestoppt werden muss: «Natürlich bin ich enttäuscht und auch fassungslos. Als Aufstiegsanwärter arbeiten wir in Baden professionell und investieren viel Geld, werden nun jedoch als Amateure eingestuft. Da stimmt das Verhältnis nicht», sagt Trainer Ranko Jakovljevic.

Ranko Jakovljevic ist fassungslos und enttäuscht über die Einstufung der 1. Liga.

Ranko Jakovljevic ist fassungslos und enttäuscht über die Einstufung der 1. Liga.

Was den Trainer daran besonders stört, während bei den Frauen NLB und 1. Liga als semiprofessionell eingestuft wurden und damit weiter normal trainiert werden kann, muss der FC Baden auf Körperkontakt verzichten und sich auf 15er Gruppen beschränken. «Das ist für uns nicht nachvollziehbar. Es hört sich so an, als ob sich die Expertengruppe nicht detailliert mit unserer Liga auseinandergesetzt hat», so Jakovljevic.

Der FC Baden steht aktuell mit drei Punkten Rückstand auf Leader Biel auf dem zweiten Platz der Tabelle.

Der FC Baden steht aktuell mit drei Punkten Rückstand auf Leader Biel auf dem zweiten Platz der Tabelle.

Dani Mercier

Für seinen FC Baden kommt noch dazu, dass sich die spätere Fortführung der Saison für den Zweitplatzierten auch negativ auf das Rennen um den Aufstieg auswirken könnte. «Wir müssen hoffen, dass trotz sehr engem Zeitplan die Aufstiegsspiele mit angepasstem Modus noch stattfinden können. Sonst schwinden unsere Aufstiegschancen deutlich, da wir wohl an Leader Biel vorbeikommen müssten.»

Weiter ärgern will sich der Trainer jedoch nicht. «Wir können es sowieso nicht ändern. Zum Glück können wir ja immerhin noch in Gruppen auf den Platz. Nach viereinhalb Monaten ohne Wettkampf ist das für die Moral der Mannschaft sehr wichtig.»

Kommentar

Naiv und rätselhaft

Optimismus in allen Ehren: Aber die Art und Weise, wie die Abteilung Erste Liga des Schweizerischen Fussballverbands in die Kommunikationsfalle getappt ist, ist an Naivität kaum zu überbieten. Den Klubs aufgrund einer Selbsteinschätzung («wir sind semiprofessionell») und unverbindlicher Rückmeldungen von Swiss Olympic, aber ohne hochoffiziellen Entscheid, grünes Licht für die Wiederaufnahme des Trainingsbetriebs zu geben, war zwar gut gemeint, aber auch voreilig. Wer glaubt, dass man in Coronazeiten eine Sonderstellung innehat und den Beschlüssen der massgebenden Instanzen vorgreifen kann, der fliegt auf die Nase. Daran ändert auch nichts, dass der Verband von einer «nicht definitiven» Lösung geschrieben hat.

Womit wir zur Kehrseite der Medaille kommen. Nach welchen Kriterien die Expertengruppe des Bundes entschieden hat, welche Sportarten und Ligen den Trainings- und (zum Teil) Meisterschaftsbetrieb wieder aufnehmen dürfen, ist mehr als rätselhaft. Nimmt man das Attribut «semiprofessionell» als Massstab, dann staunt man etwa, dass die 1.-Liga-Frauenfussballteams wieder in Aktion treten dürfen, ihre männlichen Pendants eben nicht. Das ist – mit Verlaub – lächerlich und grenzt an Willkür. Und sorgt nicht dafür, dass sich die Gemüter beruhigen.

marcel.kuchta@chmedia.ch