Abertausende jubeln im Fahnenmeer auf dem Berner Bundesplatz, die Spieler des Meisterteams taumeln im gelb-schwarzen Konfettiregen. Eine Fata-Morgana wars, vorletzten Frühling, dem Defekt einer Konfettikanone geschuldet: Das Rot fehlte, denn der Jubel galt dem Hockey-Meister SC Bern, Klubfarben Gelb, Rot, Schwarz. Ach, wie wär das schön!, dachte sich der YB-Fan. Regulären gelb-schwarzen Konfettiregen kennt er nur vom Fernsehen, wenn Borussia Dortmund feiert. Als YB zum letzten Mal Meister wurde, gab es solch nöimödiges Zeugs noch nicht, 11 651 Tage ists her. Und bald, sehr bald schon solls echt gelb-schwarz regnen?

Wir Fans müssen von der Melancholie des Scheiterns Abschied nehmen. Wir hatten uns so daran gewöhnt. Der Züri-West-Refrain «Hüt hei si wieder mal gwunne» hatte doch die Tonalität einer leisen Erleichterung, in welcher der nächste Gram schon anklingt: Nächsten Sonntag gibts sowieso wieder auf den Ranzen.

Es war über Jahrzehnte unser Grundgefühl. Und sind nicht die schönsten Fussballlieder traurige Lieder? «Don’t Come Home Too Soon», der Song, mit dem die schottische Band DelAmitri ihr Nationalteam beschwört, doch bitte nicht allzu früh von der WM-Endrunde heimzukehren. «Sendeschluss» der Kölner BAP, in dem ein Vater besoffen murmelt: «… Weil der FC so niemals Meister wird», ehe er vor dem Fernseher wegdöst.

«Baggio Baggio», mit dem Lucio Dalla den epochalen Fehlschuss, dessentwegen Italien den WM-Final 1994 verlor, zum biblischen Straucheln stilisiert und den fehlbaren Schützen gleichsam zum Heiland am Kreuz verklärt. Erst in der Niederlage wurde Roberto Baggio unsterblich.

Künstlerisch ist episches Scheitern interessanter. Deshalb habe ich YB zum roten Faden meines Kabarettprogramms «Ke Witz!» gemacht. Und seit zwei Jahren schmunzelt die ganze Schweiz mitfühlend über den Running Gag.

Und jetzt? Sind wir banale Sieger.

Freilich gibts auch im Triumph schöne Geschichten. Die allerschönste ist diejenige des geschmähten Ersatzgoalies Marco Wölfli, der nach Jahren auf der Bank zum Meistergoalie wird. Wie der Riese Hoarau den gedrungenen Assalé umarmt, der ihm nicht mal bis zur
Brust reicht. Und wie Steve von Bergen den «Blick» Lügen straft, der vor Saisonbeginn schwadronierte, mit solch einem hüftsteifen Innenverteidiger könne YB niemals Meister werden.

Aber geben wirs zu: Wir waren selber vernarrt in die Rolle des ewigen Losers. Am Sonntag fragte mein Sohn, nicht besonders fussballinteressiert: «Wird YB jitz würklech Meischter?» Ich: «Gseht so uus.» Er: «Zum erschte Mal sit Nünzähhundert-vor-em-Chrieg …»

Und ich weiss nicht, ob mein 18-Jähriger das anerkennend oder spöttelnd meint.