Interview
Provokateurin Gianna Hablützel-Bürki: «17 Jahre Diktatur im Fechtsport sind vorüber»

Die Vorstandswahlen im Schweizer Verband sind auch ein grosser Erfolg für die streitbare Basler Fechterin Gianna Hablützel-Bürki, obwohl ihr Name gar nicht auf der Kandidatenliste stand.

Rainer Sommerhalder
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Gianna Hablützel-Bürki freut sich offen über die Abwahl eines grossen Gegenspielers und hat klare Forderungen an die neue Verbandsführung.

Gianna Hablützel-Bürki freut sich offen über die Abwahl eines grossen Gegenspielers und hat klare Forderungen an die neue Verbandsführung.

Kenneth Nars / BLZ

Gianna Hablützel-Bürki war nie eine gewöhnliche Sportlerin. Einerseits die erfolgreichste Fechterin in der Geschichte der Schweiz. Zwei olympische Silbermedaillen bei den Sommerspielen 2000 in Sidney, dreimal WM-Edelmetall und fünf EM-Medaillen hat sie gewonnen.

Zum Palmarès der 51-jährigen Baslerin zählen aber auch fortwährende Konflikte. Aus der Fechtgesellschaft Basel wurde sie 1996 nach einer eindeutigen Abstimmung unter den Mitgliedern ausgeschlossen. Auch der Schweizer Fechtverband verbannte die SVP-Grossrätin und Präsidentin des Fechtclubs Basel & Riehen Scorpions zwischenzeitlich.

Wo es im Schweizer Fechtsport Auseinandersetzungen gab, da war Gianna Hablützel-Bürki in der Regel nicht weit weg. Oft ging sie in den sportpolitischen Duellen als Verliererin vom Platz, bei den aktuellen Verbandswahlen durfte sie sich nun zu den Gewinnern zählen. Eine Siegerin im Hintergrund, die auch in der Stunde des Triumphs klare Worte findet.

Im Wahlkampf fiel immer wieder Ihr Name, obwohl Sie gar nicht für den Vorstand kandidierten. Sie seien die Strippenzieherin hinter dem Putschversuch. Wieso sind Sie nicht offiziell angetreten?

Gianna Hablützel-Bürki: Es war nie meine Ambition, in den Vorstand von Swiss Fencing zu kommen. Ich kann mir ein Schmunzeln trotzdem nicht verkneifen, dass stets mein Name fällt. Offensichtlich sind die Personen im Fechtverband in den letzten 25 Jahren durch mich geprägt worden. Ich war halt meistens die Einzige, die klar gesagt hat, was sie denkt und die Missstände rund um die Vetternwirtschaft im Verband öffentlich gemacht hat. Weil alle Klubvertreter Angst vor den Konsequenzen durch die Verbandsführung hatten, spürte ich auf meinem Weg nie richtig Unterstützung. Im Fechtverband wurde ich mit der Zeit zur Persona non grata. Und für viele Frustrierte im Schweizer Fechtsport war ich so etwas wie eine Klagemauer. In der aktuellen Auseinandersetzung habe ich die Klubs, die etwas verändern wollten, mit meiner Erfahrung aus dem Hintergrund unterstützt. Ich wollte das, weil ich weiss, dass die letzten Jahre im Schweizer Fechtverband furchtbar waren.

Kein anderer Name provoziert im Fechtsport so sehr wie Gianna Hablützel-Bürki! Offensichtlich fühlen Sie sich in dieser Rolle wohl?

Es hiess immer schnell: «Die Hablützel motzt wieder einmal!» Aber was genau heisst provozieren? Ich wollte nie etwas anderes als Gerechtigkeit und setzte mich in meinem Kampf stets auch für Schwächere ein, denen der Mut fehlte, um sich zu wehren. Ich kann prinzipiell Ungerechtigkeiten nicht mit meiner Persönlichkeit vereinbaren. Fechten war stets meine Leidenschaft, ich wollte nie etwas anderes als Fechten. Und wenn ich sehe, dass Athleten nicht selektioniert werden, obwohl sie die Kriterien erfüllt haben und besser waren als andere, dann kann ich nicht einfach ruhig bleiben und so etwas akzeptieren.

Im Verlauf des Wahlkampfs gab es von Athletenseite Mobbingvorwürfe. Haben Sie als Wettkämpferin solches auch erlebt?

Ich behaupte, dass ich die Schweizer Fechterin bin, die am meisten Mobbing erlebt hat. Ich bin während meiner gesamten Karriere immer wieder gemobbt worden. Bereits an meiner ersten WM wurde ich vom damaligen Verbandspräsidenten aufs Übelste beschimpft, weil ich aus Enttäuschung die Maske in meine Tasche warf. An Turnieren in der Schweiz wurde hinter meiner Gegnerin regelmässig eine Fangruppe aufgestellt, die Punkte ihrer Athletin gegen mich lautstark bejubelte. Gabriel Nigon hat mich als Fremdkörper, als Aussätzige betitelt. Wenn ich als Teamcaptain mit den Schweizer Fechterinnen an einem Weltcupturnier in Rio antrat, dann hate für mich der Sport absolute Priorität. Ich persönlich habe ein Problem damit, wenn dann Teamkolleginnen zum Sonnenbaden an die Copacabana gehen, anstatt sich auf den Wettkampf zu konzentrieren. Für viele wurde ich mit dieser Einstellung jedoch zur Spielverderberin.

Mit Nigon wurde ihr langjähriger Gegenspieler abgewählt. Verspüren Sie Genugtuung oder gar Freude?

Schadenfreude ist oft die schönste Freude. Selbstverständlich verspüre ich Genugtuung. Neben mir sind auch viele andere Personen im Schweizer Fechtsport erleichtert, dass er sang- und klanglos abgewählt wurde.

Sind Sie mit dem Wahlresultat zufrieden?

Ich freue mich über die Wahl von Christoph Gächter und Tiffany Géroudet. Zuvor herrschte während 17 Jahren eine Diktatur. Die Vorstandsämter wurden unter der Hand vergeben. Es gab vor der aktuellen Wahl keine Chance für Aussenstehende, in dieses Gremium hineinzukommen. Ich bin sicher, dass mit den neu gewählten Personen ein anderer Wind mit neuen Inputs wehen wird. Auch weil sie bereit zur Zusammenarbeit sind.

Wie lauten Ihre Erwartungen an die neue Führung des Fechtverbands?

Ich erwarte mehr Transparenz. Es muss zukünftig ein Verband für alle und nicht nur für eine ausgesuchte Gesellschaft sein. Auch die kleinen Klubs müssen Gehör finden. Ebenfalls wichtig sind klare Strukturen und Selektionskriterien im Leistungssport. Jeder Athlet muss wissen, was er bringen muss, um sich sportlich für Titelkämpfe zu qualifizieren. Jeder Fechter investiert sehr viel in diesen Sport, da ist ein fairer Umgang eine unabdingbare Voraussetzung.