Unglaublich! 7000 Mal oder vielleicht sogar noch ein bisschen häufiger haben Sportlerinnen und Sportler nach ihren Olympia-Triumphen dieses Wort in die TV-Mikrofone geschrien, gejubelt, gekrächzt, gejauchzt, geheult, ge-weiss-ich-nicht-was. Und jetzt sitze ich vor dem Fernseher und das Einzige, was mir in den Sinn kommt: Unglaublich!

Es ist Sonntagmorgen. Die Olympischen Spiele neigen sich dem Ende zu. Ein letztes Mal fiebere ich mit. Eishockey-Final. Zuerst ärgere ich mich nochmals. Nur leise. Für eine kraftvolle Faust auf den Tisch fehlt morgens um 5 Uhr die Energie. Vor allem, wenn man in den vergangenen 14 Nächten auch schon ziemlich früh der TV-Sucht frönte.

Unfassbar: Nach zwei Wochen Leiden mit unzähligen Schweizern gehören die grossen Gefühle Eishockey-Deutschland: Respekt für diese Leistung!

Unfassbar: Nach zwei Wochen Leiden mit unzähligen Schweizern gehören die grossen Gefühle Eishockey-Deutschland: Respekt für diese Leistung!

Verdammt, denke ich also, könnten da nicht die Schweizer mitspielen? Und dann dieses dramatische, emotionale Ende. Deutschland verpasst den Olympiasieg um 55 Sekunden. Unglaublich. Die Eurosport-Reporter, die während all der deutschen Eishockey-Siege so wunderbar ausgerastet sind vor Freude und so was wie meine besten Freunde wurden, verlieren ihre Stimme.

«Scheisse, verdammte Hütte noch einmal»

Etwas erschöpft lege ich mich nochmals schlafen. Zwei Wochen voller Gold, Silber, Bronze und viel zu vielen Schweizer Diplom-Jubel-Schreien sind vorbei. Oder doch nicht ganz? Als ich wieder aufwache, merke ich, dass ich ganz zum Schluss die skurrilste Geschichte verpasst habe.

Eine Langläuferin aus Österreich nimmt die falsche Abzweigung. Häme statt Silber. Ihr Vater ist Co-Kommentator beim ORF. «Sie ist falsch gelaufen, scheisse, verdammte Hütte noch einmal. Wo ist die denn hingelaufen jetzt? Hattigucki noch einmal. Alles aus – mein Gott na.» Unglaublich.

«Kann ich mit den Stöcken auch Tiere jagen?»

15 Tage zuvor. Die Eröffnungsfeier für Pyeongchang 2018 läuft. Es ist der Start für mein TV-Experiment. Jede Nacht will ich aufstehen. Immer Olympia gucken. Alles erleben. Die Euphorie als Erster spüren. Fast fühle ich mich so, als stünde auch für mich Gold auf dem Spiel.

Das «Der Sport wird die Welt verbessern»-Gesülze von IOC-Präsident Bach lässt mich kalt. Mein erster Olympia-Held ist der Mann aus Tonga. Vor zwei Jahren Taekwondo-Kämpfer in Rio de Janeiro bei den Sommerspielen. Nun plötzlich tritt er im Langlauf an. Pita Tauta-irgendwie. Bei ihm zählt nur die Optik. Minus sieben Grad, egal, halbnackt und eingeölt schwingt er die Tonga-Fahne.

Nackt bei gefühlten Minus 13 Grad? Klar, für Tonga-Pita kein Problem.

Nackt bei gefühlten Minus 13 Grad? Klar, für Tonga-Pita kein Problem.

Als er mit Langlauf begann, hatte er drei Fragen. Erstens: «Hält der Helm Kokosnüsse aus?» Zweitens: «Kann ich mit den Stöcken auch Tiere jagen?» Drittens: «Wie bremse ich eigentlich?» Tonga-Pita schafft den drittletzten Rang im Rennen.

Aller Anfang ist schwer

In jenem Rennen siegte Dario Cologna. Ja, die Schweizer. Was bleibt in Erinnerung? 15 Medaillen. Das ist gut. Sehr gut sogar. Vor allem, weil am Anfang vieles verhext schien. Immer wieder Wind. Immer wieder Skirennen verschoben. Warten auf die Euphorie. Sie kommt trotzdem nie.

Zumindest in meinem Umfeld. «War noch selten so wenig im Olympia-Fieber», schreibt mir ein Freund, mit dem ich begeistert all die tollen Geschichten teilen möchte. Ich lebe auf einem eigenen Planeten. Wenn die WG-Kollegen nach Hause kommen, schlafe ich schon. Dafür erlebe ich: Feuz. Holdener. Cologna. Bischofberger. Höfflin. Gremaud. Gisin. Zenhäusern. Smith. Galmarini.

Der «Kannst du nicht endlich mal deine verdammten Barthaare aus dem Waschbecken wischen»-Blick

Natürlich nicht zu vergessen: die Curler. Ein Hoch aufs Curling. Ohne Draw, Take-out, Guard und Freeze wäre Olympia nur halb so toll. Sobald Curling läuft, ist Stimmung im Büro. Nie habe ich heftigere Flüche gehört, als wenn Silvana Tirinzoni wieder mal den letzten Stein vermasselt hat.

Weiter! Immer weiter! Ohne Curling wäre Olympia nur halb so spannend.

Weiter! Immer weiter! Ohne Curling wäre Olympia nur halb so spannend.

Und, ja klar, unser herrliches Mixed-Doppel-Paar. Martin Rios und Jenny Perret, erste Schweizer Medaillengewinner. Herrlich, wie sie, die sich mal liebten, auf dem Eis miteinander reden. Oder eher: raufen. Die «Süddeutsche Zeitung» verglich den Gesichtsausdruck von Perret mit einem «Kannst du nicht endlich mal deine verdammten Barthaare aus dem Waschbecken wischen»-Blick.

Olympia muss man im Moment erleben 

Das Leben allein vor dem Fernseher im Büro hat auch seine Vorteile. Die Stille ist herrlich. Nie mehr kann die Konzentration auf den Augenblick grösser sein. Am Anfang will ich die wichtigsten aufschreiben, damit ich sie nicht vergesse. Nach zwei Tagen verwerfe ich die Idee.

Slalom-Nation Schweiz: Ramon Zenhäusern teilt sein Lachen nach seiner Silber-Sensation mit der Welt. Dem ORF erklärt er: «Bireweich!».

Slalom-Nation Schweiz: Ramon Zenhäusern teilt sein Lachen nach seiner Silber-Sensation mit der Welt. Dem ORF erklärt er: «Bireweich!».

Olympische Spiele beinhalten viele schöne Momente. Aber so plötzlich sie gekommen sind, so rasch fliegen sie wieder davon, in die weite Welt des www. Sie sind auch im emotionalsten Rückblick nicht mehr so toll wie live, «scheisse, verdammte Hütte noch einmal»!

Wer hoch hinaus will, muss die Rolltreppe nehmen

Apropos Ärger. Einmal musste der Bürotisch die Faust dann doch aushalten. Frauen-Slalom. Dominatorin Mikaela Shiffrin geschlagen. Die Gold-Medaille liegt bereit für Wendy Holdener. Es reicht nicht. Fünf Hundertstel ist Frida Hansdotter schneller. Holdeners Freude über Silber ist gross und echt. Aber niemandem hätte ich Gold mehr gegönnt als ihr. Ist sie doch eine «ewige Zweite», schiesst mir durch den Kopf. Bald beginne ich mich für den Gedanken zu schämen.

Slalom-Nation Schweden: Frida Hansdotter siegt. Das Männer-Team jubelt mit. Und Wendy Holdener? Hat jemand «ewige Zweite» gerufen? Die Faust fliegt!

Slalom-Nation Schweden: Frida Hansdotter siegt. Das Männer-Team jubelt mit. Und Wendy Holdener? Hat jemand «ewige Zweite» gerufen? Die Faust fliegt!

Wer hoch hinaus will, muss manchmal die Rolltreppe nehmen. Und manchmal auch nur mit einem Arm angehängt, in der Luft schwebend. Dieses Video ist, was von Fabian Bösch und seinen Freeski-Kollegen in Erinnerung bleibt.

Hochgeschossen ist auch Ramon Zenhäusern. Im Slalom noch nie im Leben auf dem Podest – und plötzlich Silber-Medaillen-Gewinner. «Bireweich!», sei das, diktierte er dem ORF auf Schweizerdeutsch ins Mikrofon. Und lieferte gleich die Übersetzung mit: «birnenweich.» Das herzhafte Lachen des 2-Meter-Riesen Zenhäusern, allein schon deswegen werden mir diese Olympischen Spiele in guter Erinnerung bleiben.

Vielleicht möchte ich Wendys Sieg zu einer normalen Zeit

Und sonst? Doping? Korruption? Gigantismus? Das aufgesetzte Zusammenspiel von Politik und Sport. Es sind die ewigen, aber wichtigen Diskussionen. Auch am TV. Der Vorteil: Ich könnte wegzappen. Aber trotz 15 Tagen Höchstdosis Olympia kommt das nur ganz selten vor. Doch eine Frage schwirrt mir immer durch den Kopf. Sion 2026 – wollen wir uns das wirklich antun? Wir Sportjournalisten seien sowieso immer dafür, lese ich in einem Meinungsbeitrag dieser Zeitung.

Ja, ich war für Sion 2026. Nicht vorbehaltlos. Aber immerhin überzeugt. Ich bleibe das weiterhin. Vielleicht bin ich illusorisch und verblendet. Noch glaube ich daran, dass die mutige Schweiz dem grossen, mächtigen IOC zeigen kann, wie viel Charme kleine, kostengünstige Spiele haben können. Vielleicht möchte ich aber auch einfach Wendy Holdeners Olympiasieg in acht Jahren zu einer normalen Zeit erleben.