Analyse zu Olympia
15 Medaillen als Erfüllung vieler Träume – die Gründe für das Hoch des Schweizer Sports

Die Schweizer Wintersportler sind besser als jemals zuvor, schreibt Martin Probst in seiner Analyse zu den olympischen Spielen, die am Sonntag zu Ende gingen. Was es nun braucht, um im Medaillenspiegel noch weiter nach vorne zu rücken.

Martin Probst
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Kiloweise Edelmetall: Wendy Holdener zeigt ihre Olympia-Trophäen

Kiloweise Edelmetall: Wendy Holdener zeigt ihre Olympia-Trophäen

KEYSTONE/JEAN-CHRISTOPHE BOTT

Ist der Schweizer Wintersport besser als jemals zuvor? Fünfmal Gold, sechsmal Silber und viermal Bronze hat das Schweizer Team an den Olympischen Spielen in Südkorea gewonnen. Das ist Rekord. 15 Medaillen für die Schweiz gab es zwar auch 1988 in Calgary, allerdings verteilt auf fünfmal Gold, fünfmal Silber und fünfmal Bronze.

Die Frage ist also einfach beantwortet: Ja, der Schweizer Wintersport ist besser als jemals zuvor. Aber halt: 1988 in Kanada wurden nur in 46 Wettkämpfen Medaillen verteilt. 2018 in Südkorea gab es 102 Entscheidungen. Gemessen an den Möglichkeiten ist die Schweiz also nicht einmal halb so gut wie damals. Doch so einfach ist auch das nicht. Denn dafür hat sich die Anzahl konkurrierender Nationen seither ebenfalls fast verdoppelt.

Silber für die Streithähne Jenny Perret und Martin Rios gehen auf dem Eis nicht zimperlich miteinander um. Auf den Erfolg des Duos, das einst auch privat ein Paar war, hat der raue Umgangston keinen Einfluss. Der Glarner und die Seeländerin gewannen bei der olympischen Premiere des Mixed-Curlings Silber und bescherten der Schweiz die erste Medaille an diesen Spielen.
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Bronze statt Gold Beat Feuz war in der Abfahrt als Favorit angetreten und hatte sich selber Gold zum Ziel gesetzt. Entsprechend kam die Freude über die Bronzemedaille beim Emmentaler erst mit Verzögerung. Für den Olympiasieg war Feuz 18 Hundertstel zu langsam.
Das unerwartete Silber 24 Stunden nach der Abfahrt war die Gefühlswelt von Beat Feuz eine ganz andere. Die Silbermedaille im Super-G kam auch für ihn überraschend. Dass ihm diesmal nur 13 Hundertstel zu Gold fehlten, war dem Abfahrts-Weltmeister völlig egal.
Shiffrin bezwungen, Silber gewonnen Endlich hatte sie Mikaela Shiffrin in einem Slalom wieder einmal bezwungen. Zu Gold reichte es Wendy Holdener trotzdem nicht. Die nach dem ersten Lauf führende Schwyzerin gewann mit fünf Hundertsteln Rückstand auf die Schwedin Frida Hansdotter Silber. Mikaela Shiffrin verpasste als Vierte sogar die Podestplätze.
Der erste Hattrick Nach dem enttäuschenden 6. Rang im Skiathlon zeigte Dario Cologna über 15 km allen den Meister. Der Münstertaler sicherte sich seine insgesamt vierte olympische Goldmedaille, die dritte in Folge über diese Distanz. Das hatte vor ihm noch keiner geschafft.
Der doppelte Coup Sarah Höfflin und Mathilde Gremaud sorgten im Slopestyle-Wettkampf für einen veritablen Coup. Die Genferin und die Freiburgerin gewannen Gold und Silber. Die teaminterne Entscheidung fiel im dritten und letzten Durchgang, in dem Sarah Höfflin ihre Kollegin noch zu übertrumpfen vermochte.
Trumpf Bischofberger stach Die Schweizer Skicross-Fahrer waren als starkes Quartett angereist, dem bei optimalem Verlauf jedem etwas Grosses zugetraut worden war. Gestochen hat der Trumpf Marc Bischofberger. Die Silbermedaille ist ein weiteres Indiz für die Leistungssteigerung des Appenzellers in diesem Winter. Zwei seiner drei Weltcup-Siege errang er in der aktuellen Saison.
Silber für den Grössten Der Grösste war im Slalom völlig unerwartet der Zweitbeste. Der zwei Meter lange Ramon Zenhäusern lieferte eine Leistung ab, die ihm noch vor wenigen Wochen nur seine Begleiter im engsten Umfeld zugetraut hatten.
Fast wie in St. Moritz Ein Jahr nach dem Doppelerfolg an der WM in St. Moritz räumten Michelle Gisin und Wendy Holdener in der Kombination erneut ab - diesmal allerdings in geänderter Reihenfolge. Michelle Gisin, die WM-Zweite, wurde Olympiasiegerin, Wendy Holdener, die Weltmeisterin, gewann Bronze.
Nach der Enttäuschung Bronze In Sotschi war ihr lediglich der 7. Rang geblieben, nun holte Fanny Smith im Skicross Versäumtes nach. Die Waadtländerin gewann nach einem packenden Duell im Final gegen die schwedische Favoritin Sandra Näslund die Bronzemedaille.
Bronze nach Sieg gegen Kanada Das Schweizer Curling-Quartett vom CC Genève sicherte sich Bronze in grossem Stil. Im Spiel um Platz 3 bezwangen Valentin Tanner, Peter De Cruz, Claudio Pätz und Benoît Schwarz Kanada. Es war die bereits siebente Schweizer Medaille seit Wiederaufnahme der Sportart ins olympische Programm vor 30 Jahren.
Der Lange war der Grösste Bei der Premiere des alpinen Team-Events war der Grösste der Grösste. Ramon Zenhäusern führte die Schweizer Equipe, zu der auch Daniel Yule, Denise Feierabend und Ersatzmann Luca Aerni gehörten, zusammen mit Wendy Holdener zu Gold. Der Walliser und die Schwyzerin entschieden alle vier Duelle für sich.
Sechs souveräne Schritte zum Gold Vier Jahre nach Silber in Sotschi wollte Snowboarder Nevin Galmarini im Riesenslalom Gold - und er gewann Gold. Der Engadiner tat dies in beeindruckender Manier. Galmarini, der schon in der Qualifikation der Schnellste war, spulte seine sechs Läufe souverän ab und blieb unangetastet.

Silber für die Streithähne Jenny Perret und Martin Rios gehen auf dem Eis nicht zimperlich miteinander um. Auf den Erfolg des Duos, das einst auch privat ein Paar war, hat der raue Umgangston keinen Einfluss. Der Glarner und die Seeländerin gewannen bei der olympischen Premiere des Mixed-Curlings Silber und bescherten der Schweiz die erste Medaille an diesen Spielen.

JEAN-CHRISTOPHE BOTT

Obwohl die gewonnenen Olympiamedaillen die härteste Währung sind, bleiben Vergleiche auf dieser Grundlage schwierig. Darum lohnt sich der etwas genauere Blick auf den Zustand des Schweizer Wintersports. Und da gibt es Grund zu Freude und Zuversicht.

Die Schweizer Sportlerinnen und Sportler präsentierten sich in Südkorea trotz Rekordgrösse der Delegation fast ausnahmslos (das Eishockey-Team der Männer ausgeklammert) ehrgeizig und fokussiert. Dabeisein ist längst nicht alles. Der Erfolg steht im Fokus. Selbst in Sportarten, die lange den Ruf hatten, die Party in den Vordergrund zu stellen.

Gold und Silber gabs im Slopestyle der Frauen durch Sarah Höfflin und Mathilde Gremaud. Deren Freeski-Kollege Andri Ragettli weinte nach seinem siebten Rang hemmungslos. «Ich nehme jetzt sicher keinen Apéro als Trost», sagte er zu den mitgereisten Freunden. «Ich schliesse mich in mein Zimmer ein und komme vermutlich nie mehr raus.» Er wollte eine Medaille – um jeden Preis.

Heute Medaillengewinner, morgen Vorbild: Ramon Zenhäusern als Schweizer Fahnenträger bei der Schlussfeier.

Heute Medaillengewinner, morgen Vorbild: Ramon Zenhäusern als Schweizer Fahnenträger bei der Schlussfeier.

KEYSTONE

Zenhäusern als Vorbild für alle Schweizer Kinder

Dieser Anspruch, gewinnen zu wollen, ist erfrischend und tut den Sportlerinnen und Sportlern gut. Zu lange hat der Schweizer Sport unter dem Ruf gelitten, den Ehrgeiz mit Bescheidenheit zu bekämpfen.

Zwar treten Beat Feuz, Nevin Galmarini, Marc Bischofberger, Wendy Holdener und wie sie alle heissen nicht mit einem fast schon überheblichen Anspruch auf Erfolg auf, wie ihn beispielsweise die Amerikaner zelebrieren. Trotzdem formulieren die Schweizerinnen und Schweizer ihre Träume genau und verfolgen sie dann.

Das ist eine zweite Schweizer Erkenntnis dieser Winterspiele: Harte Arbeit zahlt sich aus. Beispiel Galmarini und Bischofberger. Der Gold-Snowboarder und der Silber-Skicrosser werden von ihren Trainern als Athleten beschrieben, die mehr tun für den Erfolg als alle anderen.

Nun wurden beide dafür belohnt. Oder Ramon Zenhäusern: Der Zwei-Meter- Hüne war schon als Kind sehr gross gewachsen und wollte trotzdem Slalom fahren. Kaum einer glaubte an ihn. Nun kehrt er mit Gold (Teamevent) und Silber (Slalom) von den Spielen heim.

Diese Sportler werden zu Vorbildern. Sie beweisen, dass sich der Wille, alles zu tun, und der Mut, an etwas zu glauben, auszahlen. Galmarini sagt: «Wenn nur ein Kind wegen mir anfängt, Sport zu machen, freut mich das.» Es werden sicher mehr sein. Sportliche Idole locken die Kinder weg vom Computerspiel hinaus auf den Fussballplatz oder auf die Piste.

Denn so sehr die negativen Nebenerscheinungen des Spitzensports (Korruption, Doping und vieles mehr) zu Recht kritisiert werden: Gehen Sie hinaus auf den Spielplatz oder ins Skigebiet und hören Sie den Kindern zu. Dort spielt Messi gegen Ronaldo. Und dort duellieren sich Beat Feuz und Carlo Janka. Dort bleibt der Sport unschuldig.

Die Schweiz tut gut dran, auf ihre Tradition zu setzen

Die Idole werden den Kindern kurzfristig nicht ausgehen. Zwar sind Medaillengewinner wie Feuz, Galmarini, und Cologna alle schon 31 Jahre alt, doch mit Holdener (24), Zenhäusern (25) und Co. ist die nächste Generation bereit. Das zeigt: Die Sportförderung in der Schweiz funktioniert gut.

Die Möglichkeiten, den Spitzensport mit einer Ausbildung zu verbinden, werden immer besser. Viele Schweizer Athletinnen und Athleten besuchen eine Sportschule, absolvieren eine Sportlerlehre oder studieren an einer Fern-Universität. Diese zweite Berufsschiene ist wichtig.

Die Schweizer Team-Olympiasieger

Die Schweizer Team-Olympiasieger

AP

Der Bund und die Kantone haben beschlossen, die Sport-Fördergelder ab 2018 zu erhöhen. Diese Entwicklung ist wichtig. Ralph Stöckli, Delegationsleiter des Schweizer Teams in Südkorea, sagt: «Der Schnellzug aus Asien nimmt Fahrt auf.» In Südkorea gewann der Gastgeber 17 Medaillen. Vor vier Jahren waren es noch 8. Eine ähnliche Entwicklung erwartet er in China, wo in vier Jahren die Olympischen Winterspiele stattfinden.

Weitere finanzielle Mittel werden nötig sein, um nur schon in den Schweizer Kernsportarten auf Dauer erfolgreich zu bleiben. Will die Schweiz im Medaillenspiegel (Rang 8 in Pyeongchang) hingegen weiter nach vorne, müssten sogar Sportarten wie Shorttrack und Eisschnelllauf, in denen es sehr viele Wettbewerbe gibt, forciert werden. Doch es ist kaum der richtige Weg, nun sämtliche Fördergelder in den Bau einer Eisschnelllaufhalle zu stecken.

Die Schweizer Delegation muss nicht überall gut sein. Es reicht, die Tradition fortzusetzen und dort zu fördern, wo Potenzial vorhanden ist. So haben die Skifahrerinnen und Skifahrer in Südkorea sieben Medaillen gewonnen und damit so viele wie nie mehr seit 1988 (11). Darum abschliessend noch einmal die Frage: Ist der Schweizer Wintersport besser als jemals zuvor? Ja, weil er so professionell ist wie niemals zuvor. Doch Fortschritt erlaubt keine Pausen.