Ist der Schweizer Wintersport besser als jemals zuvor? Fünfmal Gold, sechsmal Silber und viermal Bronze hat das Schweizer Team an den Olympischen Spielen in Südkorea gewonnen. Das ist Rekord. 15 Medaillen für die Schweiz gab es zwar auch 1988 in Calgary, allerdings verteilt auf fünfmal Gold, fünfmal Silber und fünfmal Bronze.

Die Frage ist also einfach beantwortet: Ja, der Schweizer Wintersport ist besser als jemals zuvor. Aber halt: 1988 in Kanada wurden nur in 46 Wettkämpfen Medaillen verteilt. 2018 in Südkorea gab es 102 Entscheidungen. Gemessen an den Möglichkeiten ist die Schweiz also nicht einmal halb so gut wie damals. Doch so einfach ist auch das nicht. Denn dafür hat sich die Anzahl konkurrierender Nationen seither ebenfalls fast verdoppelt.

Obwohl die gewonnenen Olympiamedaillen die härteste Währung sind, bleiben Vergleiche auf dieser Grundlage schwierig. Darum lohnt sich der etwas genauere Blick auf den Zustand des Schweizer Wintersports. Und da gibt es Grund zu Freude und Zuversicht.

Die Schweizer Sportlerinnen und Sportler präsentierten sich in Südkorea trotz Rekordgrösse der Delegation fast ausnahmslos (das Eishockey-Team der Männer ausgeklammert) ehrgeizig und fokussiert. Dabeisein ist längst nicht alles. Der Erfolg steht im Fokus. Selbst in Sportarten, die lange den Ruf hatten, die Party in den Vordergrund zu stellen.

Gold und Silber gabs im Slopestyle der Frauen durch Sarah Höfflin und Mathilde Gremaud. Deren Freeski-Kollege Andri Ragettli weinte nach seinem siebten Rang hemmungslos. «Ich nehme jetzt sicher keinen Apéro als Trost», sagte er zu den mitgereisten Freunden. «Ich schliesse mich in mein Zimmer ein und komme vermutlich nie mehr raus.» Er wollte eine Medaille – um jeden Preis.

Heute Medaillengewinner, morgen Vorbild: Ramon Zenhäusern als Schweizer Fahnenträger bei der Schlussfeier.

Heute Medaillengewinner, morgen Vorbild: Ramon Zenhäusern als Schweizer Fahnenträger bei der Schlussfeier.

Zenhäusern als Vorbild für alle Schweizer Kinder

Dieser Anspruch, gewinnen zu wollen, ist erfrischend und tut den Sportlerinnen und Sportlern gut. Zu lange hat der Schweizer Sport unter dem Ruf gelitten, den Ehrgeiz mit Bescheidenheit zu bekämpfen.

Zwar treten Beat Feuz, Nevin Galmarini, Marc Bischofberger, Wendy Holdener und wie sie alle heissen nicht mit einem fast schon überheblichen Anspruch auf Erfolg auf, wie ihn beispielsweise die Amerikaner zelebrieren. Trotzdem formulieren die Schweizerinnen und Schweizer ihre Träume genau und verfolgen sie dann.

Das ist eine zweite Schweizer Erkenntnis dieser Winterspiele: Harte Arbeit zahlt sich aus. Beispiel Galmarini und Bischofberger. Der Gold-Snowboarder und der Silber-Skicrosser werden von ihren Trainern als Athleten beschrieben, die mehr tun für den Erfolg als alle anderen.

Nun wurden beide dafür belohnt. Oder Ramon Zenhäusern: Der Zwei-Meter- Hüne war schon als Kind sehr gross gewachsen und wollte trotzdem Slalom fahren. Kaum einer glaubte an ihn. Nun kehrt er mit Gold (Teamevent) und Silber (Slalom) von den Spielen heim.

Diese Sportler werden zu Vorbildern. Sie beweisen, dass sich der Wille, alles zu tun, und der Mut, an etwas zu glauben, auszahlen. Galmarini sagt: «Wenn nur ein Kind wegen mir anfängt, Sport zu machen, freut mich das.» Es werden sicher mehr sein. Sportliche Idole locken die Kinder weg vom Computerspiel hinaus auf den Fussballplatz oder auf die Piste. 

Denn so sehr die negativen Nebenerscheinungen des Spitzensports (Korruption, Doping und vieles mehr) zu Recht kritisiert werden: Gehen Sie hinaus auf den Spielplatz oder ins Skigebiet und hören Sie den Kindern zu. Dort spielt Messi gegen Ronaldo. Und dort duellieren sich Beat Feuz und Carlo Janka. Dort bleibt der Sport unschuldig.

Die Schweiz tut gut dran, auf ihre Tradition zu setzen

Die Idole werden den Kindern kurzfristig nicht ausgehen. Zwar sind Medaillengewinner wie Feuz, Galmarini, und Cologna alle schon 31 Jahre alt, doch mit Holdener (24), Zenhäusern (25) und Co. ist die nächste Generation bereit. Das zeigt: Die Sportförderung in der Schweiz funktioniert gut.

Die Möglichkeiten, den Spitzensport mit einer Ausbildung zu verbinden, werden immer besser. Viele Schweizer Athletinnen und Athleten besuchen eine Sportschule, absolvieren eine Sportlerlehre oder studieren an einer Fern-Universität. Diese zweite Berufsschiene ist wichtig.

Die Schweizer Team-Olympiasieger

Die Schweizer Team-Olympiasieger

Der Bund und die Kantone haben beschlossen, die Sport-Fördergelder ab 2018 zu erhöhen. Diese Entwicklung ist wichtig. Ralph Stöckli, Delegationsleiter des Schweizer Teams in Südkorea, sagt: «Der Schnellzug aus Asien nimmt Fahrt auf.» In Südkorea gewann der Gastgeber 17 Medaillen. Vor vier Jahren waren es noch 8. Eine ähnliche Entwicklung erwartet er in China, wo in vier Jahren die Olympischen Winterspiele stattfinden.

Weitere finanzielle Mittel werden nötig sein, um nur schon in den Schweizer Kernsportarten auf Dauer erfolgreich zu bleiben. Will die Schweiz im Medaillenspiegel (Rang 8 in Pyeongchang) hingegen weiter nach vorne, müssten sogar Sportarten wie Shorttrack und Eisschnelllauf, in denen es sehr viele Wettbewerbe gibt, forciert werden. Doch es ist kaum der richtige Weg, nun sämtliche Fördergelder in den Bau einer Eisschnelllaufhalle zu stecken.

Die Schweizer Delegation muss nicht überall gut sein. Es reicht, die Tradition fortzusetzen und dort zu fördern, wo Potenzial vorhanden ist. So haben die Skifahrerinnen und Skifahrer in Südkorea sieben Medaillen gewonnen und damit so viele wie nie mehr seit 1988 (11). Darum abschliessend noch einmal die Frage: Ist der Schweizer Wintersport besser als jemals zuvor? Ja, weil er so professionell ist wie niemals zuvor. Doch Fortschritt erlaubt keine Pausen.

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