Handball-WM
11-Tore-Gala von Andy Schmid – uns graut schon vor der Vorstellung, wenn der Messi des Handballs zurücktritt

Trotz einer phänomenalen Darbietung des Schweizer Ausnahmekönners reicht es nicht zum Sieg gegen Portugal. Der Grund: In der Abwehr fehlt die Frische gegen den EM-Sechsten.

François Schmid-Bechtel
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Die nächste glanzvolle Darbietung: Andy Schmid erzielt gegen Portugal 11 Treffer.

Die nächste glanzvolle Darbietung: Andy Schmid erzielt gegen Portugal 11 Treffer.

Nicolas Luttiau/Freshfocus

Was Lionel Messi im Fussball, ist Andy Schmid im Handball. So jedenfalls sieht es einer, der ziemlich viel Ahnung hat: Stefan Kretzschmar. Einst Weltklasse-Flügel mit starkem Hang zur Extrovertiertheit. Was durch die Liaison mit der Spitzenschwimmerin Franziska van Alsmick eher noch verstärkt wurde. Nur: Was hat der 47-jährige Kretzschmar (217 Länderspiele für Deutschland) mit Schmid zu tun?.

Der Olympia-Zweite mit Handball-Deutschland von 2004 arbeitet seit 2009 als TV-Handballexperte und verfolgt genau, was Schmid seit Jahren in der Bundesliga leistet. Als «‘Lion’el Messiah of Handball» adelt Kretzschmar den Spielmacher der Rhein-Neckar Löwen, wenn er mal nicht «Handballgott» twittert.

Mit 37 ist Schmid kein junger Handballer mehr. Kommt dazu, dass er für einen Rückraumspieler eher schmächtig ist. Und aufgrund seiner individuellen Klasse von den bösen Jungs über viele Jahre hart angegangen wird. Umso erstaunlicher, was er immer zu leisten im Stande ist.

Am Donnerstag letzte Woche bestritt er sein erstes WM-Spiel. Gestern sein fünftes. Ein Monsterprogramm. Doch im Fall von Schmid ist es noch extremer. Von maximal 5 Stunden Spielzeit steht er 4 Stunden, 53 Minuten und 1 Sekunde auf der Platte. Das ist Wahnsinn. Klar, die Schweiz ist auf Schmid angewiesen. Und der Ausnahmekönner ist sich nicht zu schade, sich für die Schweiz aufzuopfern.

Ein Ablaufdatum hat aber auch der Messi des Handballs. Sein Vertrag bei Rhein-Neckar Löwen läuft 2022 aus. Sein Plan war, in eineinhalb Jahren zurückzutreten und vielleicht ins Trainergeschäft einzusteigen. Doch Schmid liess in einem Interview mit dieser Zeitung durchblicken, dass er vielleicht noch ein Jahr anhängen werde, sollte sich die Schweiz für die WM 2023 qualifizieren.

Es graut vor der Vorstellung, Schmid könnte nicht mehr Teil dieses Nationalteams sein. Zwar steht mit dem 21-jährigen Jonas Schelker ein hochbegabter Spielmacher in der zweiten Reihe bereit. Doch Schmids Wert für dieses Team ist derzeit unfassbar hoch. Auch gestern, gegen Portugal. Elf Tore wirft er, wird im fünften Spiel zum dritten Mal als Spieler des Spiels geehrt. Überspitzt formuliert: Schmid allein sorgt dafür, dass sich die Portugiesen nicht absetzen können.

Im Gegensatz zu den beiden vorangegangenen Partien gegen Island (20:18) und Frankreich (24:25) findet die Schweizer Deckung kaum Zugriff. Es fehlt die Frische, es fehlt der Elan. Die Portugiesen, EM-Sechste und jenes Nationalteam, das weltweit in den letzten zehn Jahren die grössten Entwicklungsschritte gemacht hat, kommen zu einfach zu ihren Chancen. Aber nicht fehlendes Engagement liegt am Ursprung der 28:32-Niederlage, sondern der grosse Kräfteverschleiss.