Kommentar

1000-Zuschauer-Regel aufgehoben – Gewisse Fussballer und Eishockeyaner verhalten sich trotzdem wie Kinder

François Schmid-Bechtel
..

Sportredaktor François Schmid-Bechtel hat kein Verständnis für Reaktionen aus Fussballer- und Eishockeykreisen zur Aufhebung der 1000-Zuschauer-Regel.

Ist das Wohlstandsverwahrlosung? Stellen wir uns folgendes Bild vor. Kurzarbeit, das Geld wird knapp, die Ferienreise wurde gestrichen, der Kauf eines neuen Autos auf unbestimmte Zeit verschoben. Die Zeiten sind hart und keiner weiss, wann und ob es wieder aufwärts geht. Zwangsläufig schnallt die Familie den Gürtel enger. Trotzdem türmen sich unter dem Weihnachtsbaum die Geschenke. Und dann kommen die Kinder und finden: «Gefällt mir nicht!» Oder: «Warum nur so wenig!» Oder: «Was soll ich mit diesem billigen Quatsch!»

Ungefähr so verhalten sich einzelne Exponenten des Sports. Insbesondere Fussballer und Eishockeyaner werden trotz der angespannten und ungewissen Situation, in der wir uns alle befinden, vom Bundesrat reich beschenkt. Schluss mit der 1000er-Grenze für Grossveranstaltungen ab Oktober. Als wäre schon Weihnachten. Trotzdem wird gemäkelt. Stellvertretend dafür Heinrich Schifferle, Präsident der Fussball-Liga: «Wir hätten erwartet, dass man auf den Beginn unserer Meisterschaft Rücksicht nimmt und nehmen das entsprechend etwas enttäuscht zur Kenntnis.»

Geht’s noch? In Deutschland, wo der Fussball wirtschaftlich, politisch und gesellschaftlich einen weitaus höheren Stellenwert hat, sind vorläufig bis Ende Oktober keine Zuschauer zugelassen. In Italien soll es erst ab 1. September wieder Veranstaltungen mit 1000 Zuschauern geben.

Da lamentieren Fussballer und Eishockeyaner über Wochen, sie hätten politisch keine Lobby und machen dafür das Bundesamt für Sport verantwortlich. Aber das, was der Bundesrat nun entschieden hat, ist ein Steilpass vom allerfeinsten. Und letztlich auch ein Indiz dafür, dass sich der Bundesrat über die Bedeutung der professionellen Ligen sehr wohl bewusst ist.

«Der Bundesrat hat die heisse Kartoffel an die Kantone weitergegeben und auf Zeit gespielt», stänkert Sion-Präsident Christian Constantin. «Wir gehen nun in eine einmonatige Nachspielzeit und haben null Planungssicherheit.» Da soll der gute Mann mal sein Personal fragen, welche Planungssicherheit es beim FC Sion hat. Sowieso: Wer hat denn in diesen Zeiten überhaupt Planungssicherheit? Und sollten Fussballer nicht gewohnt sein, mit Planungsunsicherheit zu leben? Dass GC eine weitere Saison in der Challenge League spielt, als der FC Zürich vor vier Jahren abstieg, all das war nicht geplant. Planungsunsicherheit gehört zum Fussball-Alltag.

Gewiss werden es die Kantone sein, die einen Grossanlass bewilligen. Aber was ist daran verkehrt? Schliesslich hatten die Kantone schon vor der Corona-Epidemie diese Kompetenz. Ausserdem ist es für die Eishockey- und Fussballklubs wohl nur von Vorteil, mit «ihren» Regierungen über Bewilligung und Schutzkonzept zu verhandeln, statt mit dem Bund. Denn die Wege sind kürzer, die emotionale Verbundenheit grösser, ebenso der Druck, der auf den Politikern lasten, sollten sie unpopuläre Massnahmen treffen.

Wettbewerbsverfälschung, schreien auch einige. Und sie fragen: «Was, wenn in Genf Spiele vor 14’000 Zuschauern möglich sind, aber in Bern und Zürich nicht so viele ins Stadion dürfen?» Hatten wir nicht vor Corona schon Stadien mit unterschiedlichen Fassungsvermögen und unterschiedlichen Besucherzahlen? So viel zu Chancengleichheit. Ausserdem führt kein Weg daran vorbei, regional auf die epidemiologische Entwicklung zu reagieren.

Autor

François Schmid-Bechtel

François Schmid-Bechtel

Meistgesehen

Artboard 1