Rio de Janeiro
100 Tage vor Olympia-Start: Eine Stadt kämpft gegen grosse Zweifel

In 100 Tagen beginnen die olympischen Sommerspiele in Rio de Janeiro – Depression und Krisen erschüttern das Land. Der Gastgeber muss gegen Zweifel und Argwohn kämpfen.

Heiner Gerhardts, Rio de Janeiro
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100 Tage vor Olympia-Start: Impressionen aus Rio de Janeiro
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Bauarbeiter sind noch immer kräftig am Werken
Rio de Janeiro, wie man die Stadt kennt
Bei vielen Stadien sind die Gastgeber aber gleichwohl bereit
Tests, damit bei der Eröffnung alles fehlerfrei verläuft

100 Tage vor Olympia-Start: Impressionen aus Rio de Janeiro

Keystone

Das Drama um Feuer und Wasser am vergangenen Donnerstag hatte für Rio de Janeiro etwas Symbolisches.

Das Entzünden des olympischen Feuers im 10 000 Kilometer entfernten Griechenland sollte Fans in Brasilien und der ganzen Welt für die Sommerspiele am Zuckerhut erwärmen.

Stattdessen erschütterte fast zeitgleich die durch Meeresbrandung verursachte Katastrophe am Küsten-Radweg in Rio mit zwei Todesopfern das Vertrauen in die Gastgeber.

100 Tage vor der Eröffnungsfeier am 5. August muss der Gastgeber gegen Zweifel und Argwohn kämpfen.

Am vergangenen Donnerstag wurde in Griechenland das olympische Feuer entfacht. Doch in Rio ist 100 Tagen vor der Eröffnungsfeier noch keine Euphorie spürbar.

Am vergangenen Donnerstag wurde in Griechenland das olympische Feuer entfacht. Doch in Rio ist 100 Tagen vor der Eröffnungsfeier noch keine Euphorie spürbar.

Keystone

Auch Wettkampfarenen und weitere Prestigeobjekte der Olympiastadt leiden unter Verzögerungen und Zeitdruck, offenbar verbunden mit Sicherheitsrisiken.

Allen voran die U-Bahn-Linie 4, von der heute noch niemand weiss, ob sie tatsächlich pünktlich zu den Spielen die touristische Südzone Ipanema mit dem weiter auswärts gelegenen Olympia-Herz Barra da Tijuca verbinden wird. Aber es gibt ja noch den berühmten «jeitinho brasileiro», den listigen Ausweg aus verklemmten Lagen.

Keine Zeit für Metro-Tests

Angedacht ist, dass in einer «Soft Opening»-Phase die eigentlich für täglich 300'000 Passagiere vorgesehene Metro als reiner Olympia-Transporter fungiert.

Zum Testen bleibt keine Zeit. Plan B mit Schnellbus-Linien würde das Problem auf die schon jetzt verstopften Strassen verschieben.

Immerhin verkündete die Koordinierungskommission des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) bei ihrem letzten Besuch vor wenigen Tagen: «98 Prozent der Arenen sind fertiggestellt.»

Grösste Sorgenkinder seien das Velódromo, wo jetzt die Holzradbahn verlegt wird, und das Estádio Olímpico, das gerade seine Kunststofflaufbahn erhielt und von aussen ohne entsprechenden Anstrich zudem Olympia-unwürdig wirkt.

In 100 Tagen muss die Infrastruktur für die olympischen Spiele fertig sein. Aktuell sieht es noch aus wie auf einer Grossbaustelle.

In 100 Tagen muss die Infrastruktur für die olympischen Spiele fertig sein. Aktuell sieht es noch aus wie auf einer Grossbaustelle.

Keystone

Unter dem Motto «Aquece Rio» (Erwärme, Rio) waren 44 Testevents geplant. Einzig die Generalprobe der Bahnradfahrer wurde abgesagt.

Andere Checks auf Olympia-Tauglichkeit offenbarten aber ernste Problemfelder. Die Energieversorgung ist eines davon.

So klagten in diesem Monat die Kunstturner über Stromausfall, die Schwimmer ohne eingesparte Klimaanlage über eine überhitzte Halle und natürlich weiterhin Segler und Ruderer über die üble Wasserqualität mit Krankheitskeimen in der Guanabara-Bucht und der Stadt-Lagune.

Nicht mehr kaschieren lässt sich die explosive Lage in Brasilien angesichts eines Mega-Korruptionsskandals, in den auch an Olympiabauten beteiligte Baukonzerne verwickelt sind, eines politischen Vakuums mit dem laufenden Amtenthebungsverfahren gegen Staatspräsidentin Dilma Rousseff, einer tiefen wirtschaftlichen Rezession mit steigender Arbeitslosigkeit.

Die öffentlichen Kassen sind leer, Kredite für private Unternehmer teuer. Und so ist Geld für auftauchende Komplikationen auf der Zielgeraden zu den ersten Olympischen Spielen auf dem südamerikanischen Kontinent schwer aufzutreiben.

Brasiliens Präsidentin Dilma Rousseff ist mit einem laufenden Amtenthebungsverfahren konfrontiert. Dies ist nur ein Problem unter vielen, welche derzeit Brasilien erschüttern.

Brasiliens Präsidentin Dilma Rousseff ist mit einem laufenden Amtenthebungsverfahren konfrontiert. Dies ist nur ein Problem unter vielen, welche derzeit Brasilien erschüttern.

KEYSTONE/AP/ERALDO PERES

Nachhaltige und kostenbewusste Spiele versprachen vorausschauend die Veranstalter. Viele Arenen sind temporär aufgebaut oder als eine Art Baukastensystem, das anschliessend in verkleinerter Version an anderen Stätten und in anderen Städten Verwendung findet.

Der Rotstift kreist weiter. Auch für die Sportler, auf die in der Vila Olímpica schlicht eingerichtete Zimmer ohne Fernseher warten.

Noch nicht im Bewusstsein

Bei allen Hiobsbotschaften inklusive potenzieller gesundheitlicher Gefährdung von Athleten und Olympiagästen durch Zika-Virus und Schweinegrippe und in depressivem Klima inmitten der politischen, wirtschaftlichen und sozialen Krise zeigen die Brasilianer Olympia die kalte Schulter.

«Die Spiele sind noch nicht im Bewusstsein der Menschen», sagt Sportminister Ricardo Leyser. So sind erst 62 Prozent und damit 3,5 Millionen der bislang verfügbaren 5,7 Millionen Eintrittskarten abgesetzt.

Die Olympiamacher hoffen auf stärkere Nachfrage, wenn ab dem 3. Mai die Fackel auf der landesweiten Stafette über 20 000 km durch mehr als 300 Städte getragen wird. Und sie beten, dass es zu keinen Protesten kommt.

Bleibt zu hoffen, dass Rio und seine Cariocas mit Samba-Stimmung für einzigartige Spiele sorgen.

Auch angeheizt von Medaillen für Brasilianer, die aber nach der verpassten Qualifikation von «Goldjunge» Cesar Cielo, Schwimm-Olympiasieger in Peking, auch nicht krisenimmun scheinen. Ohne Zweifel: In den letzten 100 Tagen liegt ein schwerer Weg vor Rio.

Spannende Trümpfe im Ärmel

Ralph Stöckli, erstmals Chef de Mission der Olympia-Delegation, spricht von einer vielversprechenden Ausgangslage, für die Schweiz. Der 39-Jährige, Bronzemedaillengewinner im Curling 2010: «Wir haben ein paar spannende Trümpfe im Ärmel. Der Spitzensport zeigt aber, dass wir in der Schweiz auf ein paar wenige Ausnahmeathletinnen und -athleten angewiesen sind –- und dass alles schnell gehen kann. Das sahen wir am Beispiel von Nicola Spirig, die bei der WM-Serie in Abu Dhabi stürzte, sich die Hand brach. Man wusste schon nicht mehr, inwiefern dies ihren Olympia-Fahrplan beeinflussen wird. Insgesamt schätze ich die Lage aber sehr positiv ein, wir haben in verschiedenen Sportarten Medaillenpotenzial. Es gibt den Spezialfall Tennis, der unglaublich ist. Voraussichtlich reisen fünf Athleten mit, die an der Weltspitze mitspielen. In der Kombination der verschiedenen Disziplinen Mixed und Doppel ist das unglaublich. Das ist in der Neuzeit ein Novum. Aber wir müssen der Realität ins Auge sehen: Man braucht gemäss einer Berechnung über die letzten Jahre hinweg drei potenzielle Medaillenkandidaten, um eine Medaille zu holen. Das heisst, für fünf Medaillen benötigten wir 15 Events mit Potenzial. Das relativiert einiges. Aber ich bin sehr guten Mutes, dass wir ein paar schöne Geschichten schreiben werden.» (sda)

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