Analyse

Rausschmiss von Nati-Captain Inler ist ein wegweisendes Signal

Gökhan Inlers Platz in Leicester war zuletzt meist nicht mal die Ersatzbank, sondern die Tribüne.

Gökhan Inlers Platz in Leicester war zuletzt meist nicht mal die Ersatzbank, sondern die Tribüne.

Der langjährige Captain der Nationalmannschaft, Gökhan Inler, wurde von Coach Vladimir Petkovic nicht für die kommenden Testspiele aufgeboten. Ein nachvollziehbarer Schritt in der gepredigten Leistungskultur. Doch Etienne Wuillemin rät zur Vorsicht: Inler und die Nati sollten sich nicht komplett voneinander abwenden.

Es waren nur fünf Wörter. Ein kleiner Satz, geäussert am Flughafen von Vilnius. Kurz vor dem Flug von Litauen in die Ferien. Im letzten Juni, einen Tag nach dem 2:1-Sieg der Schweizer Nationalmannschaft, sagte Granit Xhaka: «Irgendwann muss er sich entscheiden.» Gemeint war Nationaltrainer Vladimir Petkovic. Und worum es ging, brauchte Xhaka auch nicht näher zu erläutern – um die Frage, wer denn der Chef dieser Schweizer Mannschaft sein dürfe. Gökhan Inler, der Captain, oder eben er, der rasante Aufsteiger von Mönchengladbach.

Fast auf den Tag genau neun Monate später hat Petkovic einen Entscheid gefällt. Inler erhält für die Testspiele gegen Irland und Bosnien kein Aufgebot. Es ist ein wegweisender Entscheid. In nicht einmal drei Monaten beginnt die EM. Und es ist vor allem ein richtiger Entscheid. Warum? Wer die Leistungskultur predigt, muss alle Spieler gleich behandeln. Auch wenn es sich um den Captain handelt. Inler ist bei Leicester, dem sensationellen Tabellenführer der Premier League, nur Zuschauer. Gerade einmal 195 Spielminuten durfte er in den 30 Meisterschaftsspielen dieser Saison mitwirken. Ansonsten erhielt er ab und zu in Cupspielen Auslauf. Die Ersatzbank oder gar die Tribüne wurden zu seinen Stammplätzen. Inler hat zu wenig Spielpraxis, um dem Nationalteam helfen zu können.

Petkovic stärkt mit diesem Entscheid seine Glaubwürdigkeit. In der nächsten Woche kann er nun testen, wie die Schweiz ohne ihren langjährigen Captain auftritt – auf wie neben dem Feld. Eines ist jedoch klar, und das gilt für beide Seiten, sowohl Petkovic wie Inler: Es wäre nicht ratsam, sich einander nun zu verschliessen. Es sieht zwar nicht danach aus, aber falls sich Inlers Situation im Klub plötzlich verbessert, sollte er wieder ein Kandidat für die EM werden. Denn an einem ändert sich nichts: Kraft seiner Erfahrung wäre Inler einer, der in einem wichtigen Moment zur Beruhigung des Spiels beiträgt. Erstmal aber ist der Weg für Xhaka frei, zu beweisen, dass er nicht nur im Trikot von Mönchengladbach, sondern auch in jenem der Schweiz zur dominierenden Figur avancieren kann. Er muss dafür nicht gleich neuer Captain werden. Diese Rolle sollte Stephan Lichtsteiner übernehmen.

Inler hat sein Ende selbst verschuldet

Gökan Inler bestreitet sein erstes Länderspiel im September 2006 gegen Venezuela. 88 weitere kommen dazu, sieben Tore schiesst er. Beim sensationellen, aber später nutzlosen 1:0-Sieg über Spanien an der WM 2010 in Südafrika ist er erstmals Captain. Nach dem Rücktritt von Alex Frei knapp ein Jahr später entscheidet sich Ottmar Hitzfeld für Inler als Nachfolger. Nicht nur wegen seiner fussballerischen Klasse, sondern auch wegen seiner integrativen Kraft. Seither ist Inler stets unbestritten. Sei es unter Hitzfeld. Oder unter Petkovic. Bis zum letzten Sommer.

Schon beim wegweisenden Heimspiel in der EM-Qualifikation gegen Slowenien setzt Petkovic Inler auf die Bank. Die Schweiz aber überzeugt nicht. Erst die späte, grossartige Wende vom 0:2 zum 3:2 rettet sie. Im Spiel darauf gegen England ist Inler wieder dabei. Nun aber könnte Petkovics Entscheidung gegen den bisherigen Captain von grösserer Tragweite sein. Besonders bitter für Inler ist, dass er seinen Sturz wohl hätte verhindern können. Im Wissen um seine ungünstige Position bei Leicester hätte er im Winter die Notbremse ziehen können. An Angeboten mangelte es nicht. Vorab Schalke bemühte sich um ihn. Aber die Bereitschaft, eine Lohneinbusse in Kauf zu nehmen, war nicht gross genug. Nun büsst er dafür. Dann nützt es eben auch nichts, im Nachhinein zu sagen: «Es kotzt mich an.» So äusserte sich Inler jüngst in der «SonntagsZeitung».

Inler bewegt als Figur weniger als seine Vorgänger

Die Schweiz hatte in jüngerer Vergangenheit viele starke Figuren als Captain. Alex Frei und Ciriaco Sforza an erster Stelle. Aber auch Johann Vogel polarisierte stark. Und immer, wenn eine Ära zu Ende ging, führte das zu heftigen Eruptionen. Es eskalierten Konflikte, man warf dem Trainer oder Mitspielern Unehrlichkeit und Intrigen vor. Und auch persönliche Kränkungen sowie Ablehnung aus dem Publikum spielten (zumindest bei Frei) eine gewisse Rolle.

Die Entmachtung von Inler dürfte weniger hohe Wellen werfen. Weil er als Figur weniger stark präsent war. Grosse Reden waren nie seine Stärke. Weder vor dem Team noch öffentlich. Und vor allem: Weil es seit längerem Anzeigen dafür gibt, dass seine Zeit auf der Bühne des Nationalteams zu Ende geht. Gut möglich, dass seine 60 Minuten gegen Österreich die letzten seiner Nationalmannschafts-Karriere waren.

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