Kirchenaustritte

«Wenn es den Menschen gut geht, zieht es sie weniger in die Kirchen»

«Die Kirche ist vielleicht in zentralen Fragen des Lebens nicht immer nahe genug an den Menschen» sagt Kurt von Arx, Präsident der katholischen Synode.

«Die Kirche ist vielleicht in zentralen Fragen des Lebens nicht immer nahe genug an den Menschen» sagt Kurt von Arx, Präsident der katholischen Synode.

Was Solothurner Kirchenvertreter zu den Austritten meinen — und was sie dagegen unternehmen.

«Eigentlich finden wir keine ganz klare Begründung, weshalb der Kanton Solothurn bei den Kirchenaustritten einen Spitzenplatz einnimmt», konstatiert Kurt von Arx (Egerkingen), Präsident der römisch-katholischen Synode des Kantons Solothurn, auf Anfrage.

Auch das Schweizerische Pastoralsoziologische Instituts (spi) scheitere seit Jahren an der Auflösung dieser Frage. «Bei drei Vierteln aller Austritte sind es finanzielle Gründe und nicht mal Kritik an Papst und Bischof», stellt von Arx weiter fest. Er weist aber auch auf die gesellschaftlichen Veränderungen hin.

Man lebe sehr gut hierzulande, sei von grösseren Katastrophen verschont und es herrsche religiöser Frieden. Halt bei der Kirche werde jeweils dann gesucht, wenn es der Bevölkerung schlecht gehe, was derzeit nicht der Fall sei.

Türen bleiben offen

Dem Synodalrat sei die Situation bestens bekannt, betont Kurt von Arx. An Weiterbildungstagen und in Gesprächen widmeten sich Kirchengemeinderäte und Bistumsverantwortliche dieser Problematik und entwickelten Massnahmen. So sei etwa in Zusammenarbeit mit dem Kanton Aargau die Homepage «kircheneintritt.ch» geschaffen worden mit der Frage: «Stimmen die seinerzeitigen Austrittsgründe immer noch?»

Zurzeit prüfe die Synode auch eine Begrüssungsaktion für seinerzeit Ausgetretene mit dem Slogan: «Unsere Tür ist immer offen». Ausserdem wolle man die eigenen Dienstleistungen der Kirche aktiver verkaufen. Denn diese würden nach wie vor sehr geschätzt.

Neues wagen

Kurt von Arx ist sich bewusst: «Die gegenwärtige Entwicklung ist sofort nicht aufzuhalten.» In dieser Situation müsse das Seelsorgepersonal den Austretenden persönliche Gespräche anbieten und positive Perspektiven bei einem Verbleib in der Kirche aufzeigen. Zudem sinniert der Synodalpräsident: «Die Kirche ist vielleicht in zentralen Fragen des Lebens, zum Beispiel bei Krisen und Trennungen, nicht immer nahe genug an den Menschen.»

Neue Formen von Gottesdiensten, Segnungen und anderen Ritualen sollten Einzug halten. Immerhin dürfe festgestellt werden, so Kurt von Arx abschliessend, dass die römisch-katholische Kirche mit rund 90 000 Mitgliedern im Kanton Solothurn immer noch die grösste Glaubensgemeinschaft sei.

Weniger Bindung an Kirche

«In unserem Kirchengebiet ist die Gesellschaft multikulturell, da ist die Bindung an die Kirche weniger stark», erklärt Verena Enzler (Lostorf), Präsidentin der evangelisch-reformierten Synode des Kantons Solothurn, gegenüber dieser Zeitung. Teilweise sei die Fluktuation in den Gemeinden gross, gewisse Einwohner blieben nur für eine kurze Zeit und zögen dann wieder weg. Die Abnahme der Mitgliederzahl stehe auch in Zusammenhang mit den gesellschaftlichen Veränderungen.

Der Wunsch nach Freiheit und Unabhängigkeit sei gross und man engagiere sich nicht mehr so gerne in einer Gemeinschaft. Zudem seien die Möglichkeiten, Orientierung zu finden, sehr zahlreich. Oft seien es individuelle Gründe, die zu einem Austritt führten: Erlebnisse in der Jugend, eine ungute Begegnung mit einem Vertreter oder einer Vertreterin der Kirche, eine missratene Predigt, finanzielle Gründe oder eine über Jahre dauernde schleichende Ablösung von der Kirche.

Veränderte Bedürfnisse

Wie Gegensteuer geben? «Wir haben die Aufgabe, den Menschen das Evangelium näher zu bringen und es verständlich zu machen. Die Botschaft in heutiger Sprache und mit Bildern aus unserer Zeit zu vermitteln ist eine Herausforderung», bekräftigt Verena Enzler.

Und weiter: «Wir arbeiten daran, den veränderten Bedürfnissen der Menschen gerecht zu werden.» Nach wie vor ständen die Kirchen für die ethischen Werte und es werde erwartet, dass sie sich in der Gesellschaft engagierten. Diese Aufgabe werde von den einzelnen Kirchgemeinden mit vielen Freiwilligen erfüllt.

Nicht das erste Mal

Verena Enzler unterstreicht aber auch: «Es ist seit der Reformation nicht das erste Mal, dass die Kirchen Mitglieder oder ihre Definitionsposition in der Gesellschaft verlieren. Und doch bestehen sie immer noch.» Die Synodalpräsidentin rechnet damit, dass der Schrumpfungsprozess anhalten werde. Doch sie sieht nicht nur Nachteile, wenn die Kirchen kleiner werden: «Die Gestaltungsmöglichkeiten werden grösser und wir wachsen näher zusammen.»

Es gebe immer noch Menschen, die den Beistand der Kirche suchten. Oft könne sie feststellen, so Verena Enzler weiter, «dass Menschen, die einen Schicksalsschlag erlitten haben oder in einer schwierigen Situation sind, sich wieder an die Kirchen erinnern.» Oder wenn irgendwo eine Katastrophe oder ein grosses Unglück passiere, träfen sich die Menschen in der Kirche, um Trost und Gemeinschaft zu finden.

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Autor

Beat Nützi

Beat Nützi

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