Obstbauer

Wenig Regen, aber Früchte en masse: Warum Früchte vielerorts trotzdem prächtig gediehen

Obstbauer Konrad Vogt prüft seine Tophit-Zwetschgen. Es ist eine der Sorten, die er in den kommenden Wochen ernten wird. Bereits geerntet sind «Cacaks Schöne».

Obstbauer Konrad Vogt prüft seine Tophit-Zwetschgen. Es ist eine der Sorten, die er in den kommenden Wochen ernten wird. Bereits geerntet sind «Cacaks Schöne».

Der Sommer 2020 war trockener als andere. Trotzdem gediehen Früchte, aber auch Getreide und Kartoffeln vielerorts trotzdem prächtig – unter anderem wegen dem milden, feuchte Winter.

Konrad Vogt klettert die Leiter hoch, reisst eine der Zwetschgen ab und entzweit sie. «Sehr schön», entfährt es ihm, «ein kleiner Kern und viel Fruchtfleisch.» Typisch für Tophit-Zwetschgen. Und trotzdem wird es ein «sehr gutes, in mancherlei Hinsicht aussergewöhnliches Jahr» für den Obstbauern aus Grenchen. Äpfel, Birnen, Zwetschgen – sie alle gedeihen prächtig und zahlreich. Und zudem sagt er: «Ich habe dieses Jahr so früh mit der Ernte begonnen wie noch nie.»

Schon vor mehr als zwei Wochen konnte er Cacaks Schöne ernten, die erste von fünf, sechs verschiedenen Sorten, die Vogt am Jurasüdfuss kultiviert. Darunter Früchte mit klingenden Namen wie President oder Topking. Oder die Beliebtesten, die Fellenberger. Dank der Vielsorten-Strategie kann er die Ernte staffeln und während rund zwei Monaten frische Zwetschgen im Hofladen anbieten und an lokale Geschäfte und Marktverkäufer liefern.

Meteorologe: «Hitze ging erst Ende Juli richtig los»

Nach den Gründen für die aussergewöhnliche Ernte gefragt, kommt Vogt schnell auf das Wetter zu sprechen. Zuerst der milde, feuchte Winter. Dann der trockene Frühling, der die Pflanzen tiefe Wurzeln schlagen liess, weil sie sich förmlich nach Wasser in den Boden bohrten und der milde Sommeranfang mit moderaten Temperaturen im Juni und bis spät in den Juli hinein.

«Die Hitze ging erst Ende Juli los», sagt auch Stephan Bader vom Bundesamt für Meteorologie. Und: «So litten viele Pflanzen weniger unter Hitzestress, da die Verdunstung und damit die Austrocknung der Böden weniger intensiv war.» Denn es war kein besonders feuchter Sommer. Im Gegenteil. In weiten Gebieten der nördlichen Schweiz fiel im Sommer 2020 unterdurchschnittlich viel Regen. Auch der August ist bisher deutlich auf der trockenen Seite. Aber, so Obstbauer Vogt: «Es hat immer im richtigen Augenblick wieder geregnet oder wenigstens heruntergekühlt.»

Ganz ähnlich tönt es, wenn man Viktor Müller aus Niederbuchsiten am Hörer hat. Er ist Gemüsebauer und hat sich vor allem auf Salate spezialisiert. In den letzten Jahren setzte die Hitze seinen Saltaten immer wieder zu. Sorten wie Eisberg oder Endivie schiessen aus. «Wenn es zu trocken ist, können wir wässern. Aber wenn es zu heiss wird, dann leidet die Qualität», sagt Müller. Davon ist er 2020 weitestgehend verschont geblieben, trotzdem würde er zwar von einem guten, aber nicht von einem aussergewöhnlichen Jahr sprechen. «Wir machen 20 bis 28 Pflanzungen pro Jahr und es gibt immer Phasen, in denen es Probleme gibt», sagt er.

Fritten-Berge wegen Corona und trockenem Frühling

Von einem «wirklich sehr guten Jahr» spricht dagegen auch Markus Schläfli. Sein Betrieb in Horriwil ist vielseitig ausgelegt. Aber einzelne Bereiche würden dieses Jahr besonders ertragreich ausfallen. «Ich habe noch nie so viel Getreide geerntet», sagt Schläfli zum Beispiel. Und auch die letzte Woche begonnene Kartoffelernte sei ausgesprochen üppig und von besonderer Güte. Vor allem, weil «die Trockenheit im Frühling die Pilzkrankheiten stark eingedämmt hat», wie er sagt. Und natürlich wegen der fast perfekt getimten Niederschlägen. Einziger Wermutstropfen dabei: So gut die Ernte ausfällt, so schlecht sind die Preise für Kartoffeln. Keine Festivals, keine Stadtfeste, keine Grossanlässe – die Schweiz sitzt auf einem Fritten-Berg, denn die Nachfrage Pommes ist eingebrochen.

Von der Abkühlung durch die Kaltfronten und in der Nacht profitierten letztlich alle kontaktierten Bauern-Betriebe. Doch während die einen von den fast perfekt getimten Niederschlägen schwärmen, sagt Roman Grob aus Lostorf: «Bei uns war es über Wochen extrem trocken. Es war fast schon beängstigend. Wir haben permanent Wasser aus der Aare gepumpt und bewässert.» Wie Müller ist Grob Gemüsebauer, 80 Prozent seines Umsatzes macht er mit Karotten, Salaten und Gurken. Fast das komplette Sortiment hat er im Angebot.

Am Freitag vor einer Woche drehte es plötzlich. Doch dann kam erst der Regen und dann der Hagel. «Den Salat hat es komplett zerstört, es sah schlimm aus», sagt Grob. Wie hoch der Schaden ist, kann er noch nicht beziffern. Da Salate aber im Wochenrhythmus ausgesetzt und geerntet werden, ist es letztlich wohl bloss ein Erntefenster von zwei Wochen, das ausfällt.

Je wärmer es wird, desto zentraler werden Bewässerungssysteme

Grob ist mit einem blauen Auge davon gekommen. Nicht alle in der Region hatten das gleiche Glück. In Gretzenbach, Erlinsbach oder Niedergösgen habe der Hagel Zuckerrüben, Mais und Obst zum Teil zerstört, wie Edgar Kupper erzählt. Der CVP-Kantons- und Gemeinderat aus Laupersdorf ist selbst Bauer. Und auch er kommt auf die aussergewöhnliche Trockenheit zu sprechen. «Am ganzen Jurabogen haben wir immer öfter mit Trockenheit zu kämpfen. Die Bewässerungsinfrastruktur wird immer wichtiger. Da müssen wir Fortschritte machen, da müssen wir uns entwickeln», so Kupper.

In Grenchen kraxelt Konrad Vogt wieder von der Leiter. Aus den Schläuchen zwischen den Bäumen sprüht kühles Wasser. So sehr Vogt vom Wetter schwärmt, auch er könnte nicht auf Bewässerung verzichten. Vogt blinzelt in die Sonne. Der Himmel ist fast wolkenlos. Das Thermometer wird noch einmal über 30 Grad steigen an diesem Augusttag. Stimmen die Zukunftsszenarien werden Vogt und all die anderen Bauern sich an solche Tage gewöhnen müssen. «Wir gehen davon aus, dass die Niederschlagsmengen weiter abnehmen, während die Sommertemperaturen steigen. Das kurbelt die Verdunstung zusätzlich an», sagt Stephan Bader vom Bundesamt für Meteorologie. Trockenere Böden sind programmiert, längere Hitzephasen wahrscheinlich.

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