Derendingen
Solothurner Solarpionier montiert Solarpanels auf Lawinenverbauungen

Ruedi Lehmann war in den 1990er-Jahren in der Region Solothurn der Inbegriff des umtriebigen Solarpioniers. Im Elektromobil unterwegs mit einer Mission, die manche belächelten, andere bewunderten, der jedenfalls viele mit Respekt begegneten.

Andreas Toggweiler
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Ruedi Lehmann mit seiner Solar-Versuchsanlage auf einer Lawinenverbauung oberhalb Bellwald (VS).bild: zvg

Ruedi Lehmann mit seiner Solar-Versuchsanlage auf einer Lawinenverbauung oberhalb Bellwald (VS).bild: zvg

Ruedi Lehmann war nicht nur erfolgreicher Handwerker und Gewerbler, sondern auch Politiker, zuerst in der POCH, dann bei den Grünen und zuletzt bei der SP.

«In dieser Konstellation war ich sicher damals ein Exot», blickt Lehmann zurück, der in Derendingen erfolgreich eine Metallbaufirma aufgebaut hatte und als Kantonsrat immer wieder mithalf, energiepolitische Wegmarken zu setzen. Politisch «sozialisiert» wurde Lehmann schon in den 1970er-Jahren durch die Widerstandsbewegung gegen Atomkraftwerke. Er war der erste Grüne Gemeinderat in Derendingen und kam 1997 ins Kantonsparlament. Im Jahr 2005 bekleidete er als Kantonsratspräsident das Amt des höchsten Solothurners.

Auf 2200 Metern Höhe eine Solaranlage gebaut

Jetzt gehts noch höher hinaus, zumindest geografisch gesehen. In Bellwald im Kanton Wallis baute Lehmann zusammen mit seiner Ehefrau Andrea Messerli auf 2200 Metern Höhe eine Solaranlage, die ihn jetzt national bekannt machte. «Warum nicht Solarpanels auf Lawinenverbauungen montieren?», fragte sich der Metallbautechniker vor drei Jahren. Jetzt sind sie fertig und werden am 21. Juli eingeweiht.

Wie es dazu kam? – Lehmann hat vor neun Jahren seine Firma in Derendingen an seinen Geschäftspartner verkauft und ist mit seiner Familie in sein einstiges Feriendomizil umgezogen. Schon 1995 hatte er dieses umfassend mit Solartechnologie ausgestattet, wie zuvor auch seine Derendinger Geschäftsliegenschaft. Das Thema Solarenergie hat ihn stets als persönliches Steckenpferd begleitet, so jetzt auch wieder in Bellwald.

«Dies ist leider nicht überall so»

«Der alpine Raum hat gegenüber dem Flachland mehrere Vorteile für den Einsatz von Solarpanels», erklärt Lehmann. Die Kraft der Sonne ist mehr als eineinhalb Mal so hoch, über dem Nebel gibts mehr Sonnenstunden und der Wirkungsgrad der Photovoltaik steigt bei tiefen Umgebungstemperaturen.

Aber es gibt auch Nachteile. «Eine unberührte Berglandschaft würde ich nie mit Solarpanels überziehen», betont er. Deshalb die Idee mit den Lawinenverbauungen. Denn die Metallgestelle sind ohnehin schon da. Und in Bellwald sei auch die Einspeisesituation günstig, weil eine 16kV-Trafostation einer Sesselbahn ganz in der Nähe steht.

«Dies ist leider nicht überall so», bedauert Lehmann. In der Schweiz gebe es etwa 800 bis 900 km Lawinenverbauungen. Doch oft sind sie zu abgelegen für eine kostenmässig vertretbare Stromleitung bis zum Einspeisepunkt.

«In Bellwald hat alles gestimmt», freut sich Lehmann. Die Behörden und auch Tourismusvertreter hätten seine Idee sofort positiv aufgenommen, die Energieregion Goms habe ähnliche Ideen gewälzt. Gefehlt hat einfach jemand, der diese umsetzt. Zusammen mit seinen Studenten – Lehmann unterrichtete an der Metallbautechnikerschule Basel – und Volontären des Greenpeace-Projekts «JugendSolar» wurden die Solarpanels an der Aussenseite der Lawinenverbauungen montiert. «Die Funktion der Verbauungen ist damit weiter vollumfänglich gewährleistet und die Panels selbst werden vor den Schneemassen geschützt.»

2010 Pilotanlage gebaut

Nachdem Lehmann schon 2010 eine erste Pilotanlage gebaut hat, wurde auch der Energiekonzern Enalpin, eine Tochterfirma der deutschen EnBW auf die Möglichkeit aufmerksam, bzw. aktiv. Und so werden am kommenden 21. Juli in Bellwald gleich zwei Anlagen eingeweiht. Die von Lehmanns privat finanzierte mit 9,8 kW Spitzenleistung und die von Enalpin mit 12 kW.

Von der eidgenössischen Forschungsanstalt WSL wird eine Begleitstudie zu Landschaftsverträglichkeit und Akzeptanz in der Bevölkerung gemacht. Der Burgdorfer Fachhochschul-«Solarprofessor» Urs Muntwyler wertet mit einer Messstation die Sonneneinstrahlung aus. Die Panels können nämlich – je nach Sonnenstand – in eine Winter- und eine Sommerstellung gebracht werden. «Die Messungen werden zeigen, wie viel diese Verstellung effektiv bringt», erklärt Lehmann.

Die Spötter sind verstummen

Happy ist auch die angrenzende Sesselbahn. Sie kann jetzt Werbung damit machen, dass sie einen Viertel ihres Strombedarfs mit lokaler Sonnenenergie deckt.

Jene, welche Lehmann noch vor 10 Jahren belächelt haben, lachen längst nicht mehr; spätestens seit der Atomkatastrophe von Fukushima und dem vom Bundesrat beschlossenen Atomausstieg. «Ich empfinde das als Bestätigung für das, woran wir immer geglaubt haben», sagt der Solarpionier. Die Solarenergie werde sich langfristig durchsetzen, auch wenn es noch Widerstände der mächtigen Energiekonzerne gebe. Die technischen Möglichkeiten für die Energiewende seien vorhanden, meint er. Stichworte sind die immer günstigeren Solarzellen oder ein intelligentes Stromnetz («Smart Grid»). Sogar für das Speicherproblem existierten Lösungen. Denn auch hier denkt Lehmann bereits weiter. «Elektrofahrzeuge, die tagsüber herumstehen, haben ein beträchtliches Speicherpotenzial.»

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