Mariastein
Kloster-Betriebsleiterin: «Ich habe wohl hier meine Lebensstelle gefunden»

Sie ist die erste Frau in einem Schweizer Kloster auf diesem Posten. Theres Brunner ist Betriebsleiterin im Kloster Mariastein. Ihre Lebensstelle, wie sie sagt.

Fränzi Zwahlen-Saner
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Im Kloster die Lebensstelle gefunden
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Das Kloster Mariastein thront über steilen Felsen. (Archiv)
Der neu eröffnete Klosterladen in Mariastein, gleich neben der Basilika.
Das Hotel Kurhaus Kreuz ist ebenfalls im Besitz des Klosters Mariastein.

Im Kloster die Lebensstelle gefunden

Fränzi Zwahlen-Saner

Wer hat schon mal an einer Klosterpforte geklingelt? Ein besonderes Gefühl. Wird aufgemacht? Wie sieht es dahinter aus? Ein Benediktiner-Bruder öffnet. Wir stellen uns vor, denn wir haben uns bei Betriebsleiterin Theres Brunner angemeldet. Nach kurzem Warten im Eingangsbereich erscheint die gebürtige Thalerin. Sie führt uns ins Gäste-Refektorium, und wir nehmen an einem der langen Tische Platz. An den Wänden hängen Porträts der Äbte. Auch der derzeitige Abt Peter von Sury ist schon porträtiert worden, ein farbenfrohes Bild von Samuel Buri.

Theres Brunner (51) setzt sich mit einer Kanne Kaffee und zwei Tassen an den Tisch und sagt zufrieden: «Ich habe wohl hier meine Lebensstelle gefunden.» Tatsächlich ist sie seit bald fünf Jahren Betriebsleiterin im Kloster Mariastein. Sie ist die einzige Frau in einem Schweizer Kloster, die diesen Posten bekleidet. Spannend ist, wie es dazu kam: «Ich absolvierte ursprünglich das Wirtschaftsgymnasium in Solothurn und arbeitete danach auf einer Bank. Bald schon kamen die Heirat und die Geburt von drei Söhnen.»

Mit ihrer Familie lebt die gebürtige Laupersdörferin seither in Welschenrohr. «Zwar absolvierte ich einen Bäuerinnenkurs am landwirtschaftlichen Ausbildungszentrum des Kantons Solothurn Wallierhof, doch schon nach ein paar Jahren fühlte ich mich in meiner Mutter- und Hausfrauenrolle nicht mehr ausgefüllt. Mein Mann sah das und ermunterte mich, eine Stelle als kaufmännische Mitarbeiterin in einem kleinen EDV-Betrieb im Dorf anzunehmen.» Schliesslich wechselte sie als Leiterin Administration in einem 60-Prozent-Pensum zur Pro Infirmis nach Solothurn. «Dort blieb ich zehn Jahre, danach übernahm ich die Stelle als Leiterin Finanzen im Zentrum Oberwald in Biberist, einer Einrichtung für Menschen mit schweren Behinderungen.»

Es folgten ab 2005 drei Jahre als Finanzverwalterin ihrer Wohngemeinde Welschenrohr, und in dieser Zeit absolvierte sie auch ein Studium in Betriebsökonomie an der Universität Basel. «Ich erkannte zu jener Zeit, dass mir einfach ein richtiger Berufsabschluss fehlte. Deshalb entschied ich mich für dieses Studium in den Jahren 2004 bis 2008.» Rückblickend sagt sie: «Es war keine einfache Zeit, doch ich habe, obwohl ich die Zweitälteste im Studienlehrgang war, das Studentenleben auch genossen. Es gab Fächer, die für mich kein Problem darstellten, wie beispielsweise Buchhaltung; bei anderen wie etwa Englisch hatte ich mehr Mühe.» Während all der Jahre amtete Brunner zudem als Kirchgemeindepräsidentin in Welschenrohr, sodass ihr das Stelleninserat, welches sie im Oktober 2010 las, wie der Beschrieb ihres bisherigen beruflichen Lebensweges erschien.

Sie berichtet weiter: «Eine Personalrekrutierungsfirma suchte für das Kloster Mariastein eine/n Betriebsleiter/in. Gefordert wurde betriebswirtschaftliche, landwirtschaftliche und kirchliche Erfahrung. Alles Bereiche, in denen ich mich auskannte. Das kurz vorher abgeschlossene Studium hat mich zusätzlich gestärkt darin, mich für diese Stelle zu bewerben.» Das Kloster Mariastein habe sie schon etwas gekannt damals, einfach als Besucherin. Mit dem Klosterleben habe sie sich aber bis zu diesem Zeitpunkt nie besonders beschäftigt.

«Man ging mit der Familie hin und wieder zum ‹wallfahrten› nach Mariastein. So machen das viele.» Theres Brunner schildert: «Ich erinnere mich noch: Als ich die Bewerbungsunterlagen in den Briefkasten warf, schreckte mich plötzlich ein Gedanke auf: Es ist ja ein Männerkloster!» Dann hörte sie lange nichts. «Nach einer Eingangsbestätigung vergingen mindestens zwei Monate.» Doch dann wurde sie zu mehreren Vorstellungsrunden eingeladen und blieb mit einem männlichen Bewerber «übrig». Warum Abt Peter von Sury und sein Rat dann sie mit der Betriebsleitung des Klosters betraut haben, darüber kann sie nur spekulieren. «Ich weiss, dass er sich mit Kollegen austauschte und ihm eine weibliche Person als günstig für diese Arbeit geraten wurde.»

Seit bald fünf Jahren also übt Theres Brunner nun dieses Amt aus. Fragt man sie nach ihren konkreten Tätigkeiten, sagt sie pauschal: «Ich mache alles – vom Postholen bis zur Strategieentwicklung.» Dass ihr Amt neben all den betriebswirtschaftlichen Ansprüchen noch viel Fingerspitzengefühl erfordert, kann man nur erahnen, wenn sie sagt: «Natürlich gab es im Kloster schon immer wirtschaftliche Strukturen. Doch dass ein solcher Betrieb heute auch ökonomisch erfolgreich sein muss, ist den Brüdern, denen die geistig-religiöse Ebene wichtig ist, nicht immer einfach zu vermitteln.» Da sei sie als Frau vielleicht öfters diplomatischer und pragmatischer im Vorgehen als ein männlicher Kollege, und sie nennt eine weitere Eigenart, über die sie an diesem Posten verfügen muss: Geduld.

Zum Betrieb des Klosters Maria-stein gehören neben dem Kloster mit seinen 23 Brüdern, den Anlagen, der Basilika und der Gnadenkapelle die beiden Firmen Hofgut AG, mit dem Klosterladen, und die Beneficentia AG, das Hotel Kurhaus Kreuz. Insgesamt 38 Personen stehen auf der Lohnliste des Klosters. Es «lebt» grösstenteils von den Renten und Pensionen der Mönche, von Spenden und kleineren Wertschriftenerträgen. «Das Hotel Kreuz, die ursprüngliche Pilgerherberge, welches wir im vergangenen Jahr vollumfänglich erworben haben, wirft nicht so viel ab – noch nicht», sagt Brunner. «Das müssen wir künftig besser vermarkten, nach aussen gehen und unser Angebot schärfen. Viele Klöster setzen heute auf stressfreie oder Meditations-Tage und -Stunden im Kloster. Da sind andere schon viel weiter als wir in Mariastein», schätzt Brunner ein. Zufrieden sei sie mit dem Klosterladen, der – neben der Basilika gelegen – erst vergangene Woche mit neuem Konzept eröffnet werden konnte. «Doch leider haben – im Vergleich zu früher – die Besucherströme generell abgenommen.»

Von den 23 Mönchen im Konvent hat jeder seine Aufgabe. Theres Brunner: «Sie leisten alle sehr viel. Oft ist man sich gar nicht bewusst, was da alles getan wird. Deshalb habe ich vor kurzem auch einen Monat lang eine exakte Zeiterfassung durchführen lassen. Wir wollten wissen, was neben der klösterlichen Pflicht sonst noch alles geleistet wird.»

Und wie war es zu Beginn, als Betriebsleiterin den Mönchen gegenüberzutreten? «Ich meinerseits habe grossen Respekt vor ihnen und ihrer Lebensform. Es gilt zu akzeptieren, dass es gewisse Klausurbereiche hier gibt, die für Frauen nicht zugänglich sind.» Das war für Theres Brunner, die in einem katholischen Elternhaus aufgewachsen ist und Erfahrungen als Kirchgemeindepräsidentin hatte, auch kein Problem. «Ich habe somit nie gespürt, dass man mich hier als Frau nicht akzeptieren würde.» Zudem habe man sie auch bei den Bewerbungsgesprächen nicht nach ihrer Einstellung zum Glauben befragt, erinnert sie sich. Erzähle sie hingegen, wo ihr Arbeitsplatz sei, sorge das immer wieder mal für Verwunderung. «Was machst du dort? Wie leben die Mönche? Es interessiert die Menschen schon, wie man hinter den Klostermauern lebt.»

Mit den Betriebsleitern anderer Klöster habe sie losen Kontakt, erzählt Theres Brunner zum Schluss. «Wir hatten einmal ein Treffen, wo man sich kennen lernte und austauschte. Wenn ich nun Fragen habe, kann ich auf ein Netz zurückgreifen.»

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