Biberist
Für ihn geht bei der Papierfabrik Sappi eine Ära zu Ende

Wenn sich das Tor endgültig schliesst: Nach vier Dekaden ging gestern für Bruno Halbenleib in der Papierfabrik eine Ära zu Ende. Ein letztes Mal schlüpfte Bruno Halbenleib in seine Arbeitskleider.

Christof Ramser
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Bruno Halbenleib präsentiert noch einmal seine Papiermaschine, die PM6.hanspeter bärtschi

Bruno Halbenleib präsentiert noch einmal seine Papiermaschine, die PM6.hanspeter bärtschi

Ein letztes Mal schlüpft Bruno Halbenleib in die orangefarbige Jacke mit dem «Sappi»-Schriftzug und zeigt die Welt, in der er während 40 Jahren zu Hause war, und in der er eine zweite Familie fand.

Dort, wo die Angestellten nicht nur gearbeitet, sondern manchmal auch die Freizeit verbracht haben. Wo Freundschaften gewachsen sind. Doch nun sind die Bande aufgelöst. Gestern Abend wurden mit einer letzten Amtshandlung die Portiers verabschiedet. Jetzt ist die Loge verwaist, vor dem Werk wird ein Tor hochgezogen. Bis auf zwei Hauswarte, die auf dem riesigen Areal für Ruhe und Ordnung sorgen, trifft man keine Menschenseele mehr in den Produktionshallen.

Streifzug durch die verlassene Papierfabrik Sappi im Dezember 2011
28 Bilder
Streifzug durch die verlassene Papierfabrik Sappi

Streifzug durch die verlassene Papierfabrik Sappi im Dezember 2011

Hanspeter Bärtschi

Die Schritte hallen im Dunkel, schliesslich steht Bruno Halbenleib vor dem Lichtkasten und legt die acht Schalter um, als wäre es noch immer Alltag. Die Scheinwerfer zucken und werfen ihre Strahlen auf das grüne Ungetüm namens PM6. «Das ist meine Maschine.»

Ein Leben mit Papier

Hier, auf der Linie 6, war Bruno Halbenleib Produktionsleiter, verantwortlich für Qualität und Disposition von Natur- und Offsetpapier und zuständig für die Arbeitssicherheit. 50 Personen waren auf der PM6 im Vierschichtbetrieb beschäftigt.

Die Maschine hat 55 Jahre in den Scharnieren und wurde erst kürzlich von analogem auf digitalen Betrieb umgerüstet. Doch die Bildschirme der Computer im Steuerungsraum bleiben schwarz.

«Trist sieht das aus, traurig», sagt Bruno Halbenleib und setzt seinen Rundgang fort, weiter durch die Spedition, wo sich Bürostühle stapeln – «gratis abzugeben» – bis in die Liquidationshalle, wo sich bis vor einem Jahr noch die Papierrollen bis unter die Decke türmten.

Im April 1972 begann Bruno Halbenleib in Biberist die Lehre zum Papiertechnologen. Es folgte die Meisterausbildung mit Fachrichtung Papier, in einer Schule im deutschen Gernsbach liess er sich zum Werkführer ausbilden. Schliesslich die Beförderung zum Produktionsleiter, Kaderstufe 3. «In dieser Zeit sind wir mehrmals knapp an einer Schliessung vorbeigeschrammt.»

Trotzdem habe sich die Ankündigung der Sappi, die Fabrik zu schliessen, nicht abgezeichnet. «Ich hätte mir gewünscht, in der Papierfabrik pensioniert zu werden», sagt der 56-Jährige.

Doch die massiv gestiegenen Zellstoffpreise und Überkapazitäten haben ihm und Hunderten anderen einen Strich durch die Rechnung gemacht. 1200 Mitarbeiter waren in der Papieri einst beschäftigt, 500 waren es am Ende noch. Schritt für Schritt wurde die Produktion seit August 2011 heruntergefahren.

Bis zum Schluss mit Verantwortung

Bruno Halbenleib war einer der Letzten, für die gestern in Biberist ein prägendes Kapitel zu Ende gegangen ist. In den vergangenen Wochen, als die Maschinen längst ruhten, hat er bei der Stilllegung der Fabrik mitgeholfen, hat Archivierungsmaterial organisiert, «was es halt alles zu tun gibt, wenn man eine Firma herunterfährt».

Auch wenn der Weg vom Kaffeeräumchen an den Arbeitsplatz in den letzten Wochen etwas länger war; er habe es sehr geschätzt, bis zum Schluss Verantwortung übernehmen zu dürfen. «So konnte ich die Schliessung Schritt für Schritt verarbeiten.»

Dabei habe ihm seine Familie grossen Rückhalt geboten. Bruno Halbenleib spricht mit Stolz davon, dass er den Betrieb in einem sauberen und geordneten Zustand hinterlassen hat. «Anständig, ohne Chaos, und ohne Groll», so wolle er das Areal und seinen persönlichen Arbeitsplatz verlassen.

«Papieri»-Chef Nicolas Mühlemann bestätigt, dass die verbliebenen Mitarbeiter «voll mitgezogen» hätten. «Sie haben bis zum Schluss die volle Leistung gebracht.» Engagiert und hilfsbereit, so hat Mühlemann den «Schlüsselkadermitarbeiter» Bruno Halbenleib kennen und schätzen gelernt. «Er war trotz allem bis zum Schluss motiviert.»

Freundschaften weiterpflegen

Nach dem Rundgang sitzt Bruno Halbenleib in seinem kahlen und viel zu grossen Büro. Die Schränke sind leer geräumt und geputzt, der Computer auf dem Tisch ist abgeschaltet. Halbenleib wird ihn nicht mehr herauffahren. «Ich will jetzt nach vorne schauen.»

Beim Nahrungsmittelhersteller Haco in Gümligen schlägt er als Produktionsleiter ein neues Kapitel auf. Die Freundschaften, die in 40 Jahren «Papieri» entstanden sind, will er pflegen. «Ich will die Zeit nicht vergessen. Das könnte ich auch gar nicht.»

Bruno Halbenleib wohnt in einem Haus, das nur gerade 200 Meter von der Papierfabrik entfernt steht. Der Blick aus dem Fenster hat sich seit Jahren kaum verändert – bis auf das Detail, dass heute kein Dampf mehr aus dem Backsteinkamin qualmt.

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