Aeschi
Forscher können den Grund des Burgäschisees wie ein Buch lesen

Ein Team des Oeschger Zentrum für Klimaforschung und des Instituts für Pflanzenwissenschaften der Universität Bern forscht im Burgäschisee. Durch Analysen der Bodenschichten des Seegrunds soll die lokale Klima-Geschichte ganz genau erforscht werden.

Rahel Meier
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Mit dem Ruderboot wird die Plattform quer über den See zu den für die Forscher interessantesten Plätze gezogen. Danach wird die Plattform verankert und der Spezialbohrer angesetzt.

Mit dem Ruderboot wird die Plattform quer über den See zu den für die Forscher interessantesten Plätze gezogen. Danach wird die Plattform verankert und der Spezialbohrer angesetzt.

Rahel Meier

Zurzeit ist eine kleine Bohrinsel im Burgäschisee verankert. Sie gehört dem Oeschger Zentrum für Klimaforschung und dem Institut für Pflanzenwissenschaften der Universität Bern. Ein Team von Wissenschaftern beschäftigt sich mit dem Seegrund. «Der Seegrund ist eine Bibliothek. Wir können darin lesen wie in einem Buch», erklärt Erika Gobet. Sie arbeitet für die Abteilung Paläoökologie (siehe Kasten rechts unten) und ist als Forscherin beim Projekt angestellt.

Dass sich die Paläoökologen gerade den Burgäschisee ausgesucht haben, hat seine Gründe. Der See ist flächenmässig klein und relativ tief. Sein Seegrund ist jährlich geschichtet. Das heisst, dass im Seegrund die Schichten der Sedimente im jahreszeitlichen Rhythmus ablesbar sind. «Das hilft uns, die lokale Geschichte ganz genau zu ergründen», erklärt Erika Gobet.

Bohren draussen im See ...

Die Bohrinsel ist rund vier mal vier Meter gross und kann mit einem Ruderboot problemlos über den ganzen See gezogen werden. Wird in den Sedimenten gebohrt, wird die Bohrinsel fest im Seegrund verankert. «Das braucht Fingerspitzengefühl. Die Bohrinsel darf nicht verrutschen. Wir dürfen aber auch den Seegrund nicht verletzen», so Gobet. Es braucht immer mindestens vier Personen, die beim Bohren helfen. Letzte Woche wurden Bohrkerne aus dem Grund des Burgäschisees entnommen. Diese sind drei Meter lang und haben einen Durchmesser von 60 Millimetern. Die verschiedenartigen Sedimente im Burgäschisee zeigen sich bereits von blossem Auge. Für Laien erklärt das Erika Gobet mit dem Anblick der «Schichten einer Schwarzwäldertorte».

... Arbeiten drinnen im Labor

Der Anblick alleine reicht aber für die Forscher nicht aus, und so werden die Sedimente im Labor untersucht. «So finden wir heraus, wo wir nochmals bohren wollen, um noch mehr aussagekräftiges Material für unsere Arbeit zu finden.»

Ausschnitt aus Sedimenten des Burgäschisees, die im Jahr 2009 gebohrt wurden. Die abgebildete Sequenz entspricht ungefähr einem Alter von 2000 Jahren.

Ausschnitt aus Sedimenten des Burgäschisees, die im Jahr 2009 gebohrt wurden. Die abgebildete Sequenz entspricht ungefähr einem Alter von 2000 Jahren.

Zur Verfügung gestellt

Nächste oder übernächste Woche kehren die Forscher dann zurück und entnehmen weitere Bohrkerne. Der Boden, der dem Seegrund entnommen wird, wird bearbeitet, bevor er im Labor untersucht wird. Die Forscher sind an Pflanzen- und Holzkohleresten interessiert. Es sind insbesondere Pollen, die am Schluss untersucht werden. Mit der sogenannten C14-Methode wird zusätzlich das Alter des Materials bestimmt.

18 000 Jahre alt

Die Forscher können anhand dieser Erkenntnisse das Klima der letzten 18 000 Jahre bestimmen. So weiss Erika Gobet, dass Aeschi damals sumpfig war, eine offene Landschaft, mit viel krautartigen Pflanzen. In den etwas jüngeren Schichten können dann zum ersten Mal Birken-Pollen nachgewiesen werden und Föhren. «Das zeigt, dass das Klima wärmer wurde.» Hasel, Linde, Ulme und Esche begannen vor 11 000 Jahren zu wachsen. Vor 8200 Jahren gab es eine weitere Klimaveränderung: Es wurde feuchter. Das ist ablesbar an den neu auftretenden Buchen- und Weisstannen-Pollen.

Mensch hinterlässt Spuren

In der Jungsteinzeit sind dann die ersten menschlichen Spuren nachweisbar. Die Paläoökologen haben nämlich unter anderen Kulturzeigern Spitzwegerich-Pollen, Getreidepollen und Holzkohleresten in den Sedimenten des Burgäschisees gefunden. «Nur Menschen bauen Getreide an und brannten die Wälder ab», erklärt Erika Gobet.

Archäologie: gemeinsames Projekt

Auch die Archäologen der Universität Bern forschen am Burgäschisee. Dr. Othmar Wey hat im Jahr 2012 eine Forschungsarbeit unter dem Titel «Die Cortaillod-Kultur am Burgäschisee» publiziert.
Aus der Seeuferzone des Burgäschisees sind bis heute vier neolithische Siedlungsplätze bekannt, nämlich Burgäschisee-Ost, -Süd, -Südwest und -Nord. Die Siedlungsplätze weisen Kulturschichten aus dem Zeitraum des Cortaillod und/oder der Schnurkeramik auf. Als fünfter Siedlungsplatz kann ferner ein Pfahlfeld erwähnt werden, das aber mangels dazugehörender Kulturschicht bis heute unerforscht blieb.
Im Rahmen einer Vorstudie für ein zukünftiges Forschungsprojekt in Zusammenarbeit mit dem Institut für Pflanzenwissenschaften der Universität Bern und als Feldübung wurde im April und im Juni und Juli 2013 eine erweiterte Uferzone des Burgäschisees auf der Suche nach weiteren Siedlungsplätzen intensiv untersucht. Auf zahlreichen seenahen Parzellen sowie im nordöstlich des Burgäschisees gelegenen Chlöpfibeerimoos wurden mit Handbohrern 130 Sedimentkernproben gezogen und analysiert.
Die Untersuchungen führten zur Entdeckung eines sechsten Siedlungsplatzes im Nordwesten des Burgäschisees. Eine der positiven Bohrungen lässt eine Seeufersiedlung mit drei Kulturschichten erkennen. Mittels kleinen Bodeneingriffen soll in den nächsten Jahren der archäologische Gehalt und ihre Zeitstellung näher geklärt werden. Dieses Projekt und das Projekt der Paläoökologen könnte gemeinsame Erkenntnisse bringen. (rm/mgt)

«Eine Frage die wir uns stellen, ist die, ob der Mensch das Klima beeinflusst hat oder das Klima den Menschen.» Gobet erklärt dies an zwei sehr unterschiedlichen Beispielen. Das eine ist die Weisstanne. Diese wäre von Natur aus viel häufiger vorhanden, als sie heute zu beobachten ist. «Die Weisstanne siedelte sich schon vor 8200 Jahren hier an. Weil der Mensch begann, sie zu fällen, oder abzubrennen, verschwand sie relativ schnell aus dem tieferen Mittelland. Denn die Weisstanne ist relativ feuerempfindlich. Auch wird sie von Tieren gerne zerbissen. Die Fichte, um ein anderes Beispiel zu nennen, konnte dem Menschen besser widerstehen und wurde sogar bewusst gefördert.» Konkret heisst dies: Die Weisstanne wurde durch das Verhalten des Menschen verdrängt.

Ein anderes Beispiel sind Hungersnöte. In guten Jahren hatte der Mensch über die Ernteerträge genügend zu essen und vermehrte sich. Gab es mehrere schlechte Erntejahre hintereinander, kam es zu Hungersnöten und viele starben. So kam es beispielsweise im 19. Jahrhundert als Folge einer andauernden Kältewelle zu grossen Auswanderungsbewegungen. Fazit: Hier hat das Klima den Menschen beeinflusst.

Wechselwirkung nachwiesen

«Wir versuchen zu verstehen, wie sich der Mensch der Umwelt angepasst hat. Oder umgekehrt.» Die Wechselwirkungen ermöglichen Aussagen für die Zukunft und zur Klimaveränderung. Das Projekt im Burgäschisee wird vom Schweizerischen Nationalfonds unterstützt. «Wir möchten anhand dieses Beispiels auch beantworten, wie der Einfluss des Menschen auf die Vegetation war», so Gobet. «Ein grosser Teil unserer Arbeit findet im Labor statt.» Und: Paläoökologen forschen selten alleine. Sie tauschen sich mit Geologen, Geografen und Archäologen aus, die auch am Burgäschisee im Rahmen des Projektes im Einsatz sind. Als Ergänzung zum laufenden Projekt soll parallel ein internationales archäologisches Forschungsprojekt aufgegleist werden (siehe Kasten links oben).

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