Erste Hilfe

Tückische Träger: Die Gefahr lauert bei einem Unfall hinter der Leitplanke

Stefan und Sandra Kliegl halfen einem Motorradfahrer, welcher sich durch einen Sturz auf eine scharfkantige Leitplankenstütze schwer verletzte.

Stefan und Sandra Kliegl halfen einem Motorradfahrer, welcher sich durch einen Sturz auf eine scharfkantige Leitplankenstütze schwer verletzte.

Stefan und Sandra Kliegl konnten einem verletzten Töfffahrer helfen. Als sie zur Unfallstelle zurückkehrten, entdeckten sie, woher seine Verletzungen stammten.

Stefan Kliegl und seine Frau Sandra hatten am Abend vor Auffahrt ein Erlebnis, das sie stark beeindruckt hat: Das Grenchner Ehepaar hat zusammen mit einem Paar aus der Stadt Solothurn im Kanton Jura einem schwer verletzten Töfffahrer Erste Hilfe geleistet. Was Stefan Kliegl seither nicht mehr aus dem Sinn geht, ist die Beschaffenheit der Leitplanke an der Überlandstrasse, wo der Unfall geschehen war.

«Wir haben den verletzten Mann zum Glück bei Bewusstsein, ansprechbar und sogar aufrecht angetroffen, neben seinem Töff. Aus einer grossen Wunde an seinem Oberschenkel strömte das Blut», beginnt Stefan Kliegl. Kliegls waren auf dem Weg zu einem Campingausflug im Jura. Sie erreichten den Unfallort direkt hinter einem anderen Auto. Es gehört Stadtsolothurnern, die nicht an das verstörende Erlebnis erinnert und darum anonym bleiben wollen.

Schritt kostete Überwindung

Beide Paare seien froh gewesen über die Verstärkung. «Jeder von uns vier hat das gemacht, was er oder sie konnte, und bis zum Eintreffen der Rega hatten wir alle Hände voll zu tun. Wir haben uns perfekt ergänzt und intuitiv organisiert. Diejenigen, die Mühe mit dem Blut hatten, kümmerten sich um die Alarmierung der Rettungskräfte. Wir andern haben uns um den Verletzten gekümmert», erzählt Stefan Kliegl.

So kam es, dass der Grenchner mit der Solothurnerin die Wunde abband, während der Solothurner mit der Grenchnerin zusammen die Rega alarmierte. «Mit einem Telefon haben sie der Einsatzzentrale die Beschaffenheit der Wunde geschildert, ein schräger Schnitt bis fast auf den Knochen. Parallel dazu haben sie ein anderes Handy für die GPS-Peilung verwendet, damit die Zentrale dem Helikopter die genauen Koordinaten angeben konnte.»

Der erste Schritt auf das Unfallopfer zu habe Überwindung gekostet, erinnert sich Kliegl. «Zudem war es schwierig fest zuzupacken. Doch der gesunde Menschenverstand sagt einem, dass eine derart heftige Blutung so schnell wie möglich gestillt werden muss. Nachher macht man automatisch alles, was nötig ist.» Stefan Kliegl ist es gewohnt anzupacken. Er ist Schuhmacher.

Nothelferkurs angewendet

Der erste Versuch die Blutung mit einem Druckverband aus Stoff zu stoppen, habe nicht funktioniert. «Erst als wir einen Gürtel genommen haben, ging es besser.» Stefan Kliegl sagt von sich, dass sich seine Erste Hilfe-Kenntnisse auf den Nothelferkurs beschränken. Über welche diesbezüglichen Kenntnisse seine ad-hoc-Partnerin verfügt, wisse er nicht.

Von der Alarmierung bis zum Eintreffen der Rettungsdienste und gleich darauf des Helikopters habe es zehn Minuten gedauert. «Eine lange Zeit angesichts der Umstände. Tatsächlich waren sie in Rekordzeit da», ist Kliegl sich bewusst. Im Rückblick ist er froh, dass sie nicht versucht haben die Ambulanz zu rufen, sondern gleich die Rega. Diese habe die zuständige Alarmzentrale informiert. «Wegen dem Französisch», erklärt er. «Wir können auf Französisch ein Gespräch führen, aber eine Wunde präzis beschreiben, ist etwas ganz Anderes, und hier zählte buchstäblich jede Minute. Ich glaube, wenn der Mann eine Viertelstunde oder zwanzig Minuten ohne Hilfe geblieben wäre, wäre er verblutet. Er hatte ein Heer von Schutzengeln. Wir vier waren ein Teil davon.»

Die Gefahr am Strassenrand bekannt machen

Am nächsten Morgen sei er nochmals zur Unfallstelle gefahren und der Spur von Blut und Fleischfetzen gefolgt, sagt Kliegl. Das Unfallopfer habe sich nicht erinnern können, was geschehen war. Doch die Spuren auf und neben der Strasse liessen für Kliegl nur einen Schluss zu: «Der Mann muss in der Kurve über die Leitplanke geschleudert und dabei auf den Trägerpfosten der Leitplanke geprallt sein. Die Kanten dieser Pfosten sind scharf wie Rasiermesser.» Der Retter ist überzeugt, dass nur das die Schnittwunde am Bein verursacht haben kann. «Ich will nun wissen, wie die gesetzlichen Grundlagen für die Montage solcher Doppel-T-Träger aussehen.»

Auf eine solche Leitplankenstütze stürzte der Motorradfahrer

Auf eine solche Leitplankenstütze stürzte der Motorradfahrer

Diese Stahlträger, die im Querschnitt Miniatur-Eisenbahnschienen gleichen, liegen zwar von der Strasse aus gesehen hinter der Leitplanke, doch diese deckt die Oberkante der Träger nicht vollständig ab.

Was bei Stefan Kliegl von jenem Tag zurückgeblieben ist, ist Dankbarkeit, dass er, seine Frau und das junge Paar einem Mitmenschen helfen konnten, aber auch Wut. Wut auf die Umstände. «Mir war zuvor nicht bewusst, wie gefährlich die Oberkante der Leitplankenpfosten ist, und nun will ich die Leute auf diese Gefahr aufmerksam machen. Schliesslich haben wir diese Pfosten im ganzen Land.»

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