Balsthal
Zeiten des Cabaret sind vorbei - «Männer wollen schnellen und billigen Sex»

Seit 1989 führt Brigitte Honauer das Cabaret Löwen in Balsthal. Sie legt Wert darauf, keine «Puffmutter» zu sein und sieht sich vielmehr als Geschäftsfrau. Jetzt zieht sie sich aus dem Geschäfts zurück. Im April wird aus dem «Löwen» eine Dancing-Bar.

Alois Winiger
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Auch wenn es ihr schwerfällt: Brigitte Honauer erhebt das Glas auf die Zukunft ohne Cabaret.

Auch wenn es ihr schwerfällt: Brigitte Honauer erhebt das Glas auf die Zukunft ohne Cabaret.

Alois Winiger

«Wenn Sie nichts dagegen haben, nehmen wir doch lieber ein Cüpli als einen Kaffee», sagt Brigitte Honauer und schenkt ein. Der sechsjährige, kraftstrotzende Dobermann Jason hat sich neben sie gestellt und bekommt eine Schüssel frisches Wasser. Dann wird die Inhaberin und Chefin des Cabarets Löwen in Balsthal etwas wehmütig, denn Ende dieses Monats ist Schluss.

Sie hat das Cabaret 1989 zusammen mit ihrem damaligen Freund übernommen, seit 1994 führt sie es alleine und hat unterdessen das Pensionsalter überschritten. Sie greift nach einem Schlüsselbund und sagt: «Den hat mir soeben eine meiner Mitarbeiterinnen zurückgegeben. Das tut mir weh. Wissen Sie, wir waren hier wie eine Familie, mehrere Leute arbeiten schon viele lange Jahre hier.»

Familienbetrieb im Rotlicht

Wie kann in einem Etablissement im Rotlicht ein Familiengefühl entstehen, wenn das Personal alle Monate wechselt? «Sie müssen unterscheiden zwischen dem Personal in der Bar und den Mädels, die tanzen. Auch die sind jeweils schnell integriert und haben es gut untereinander.» Sie lege Wert auf ein gutes Klima. «Es hat sich herumgesprochen, dass man bei der Brigitte gut behandelt und korrekt bezahlt wird.»

Was heisst korrekt bezahlt? «Die Mädels werden mir durch eine Agentur vermittelt, ich stelle sie an zum Tanzen und dafür bezahle ich sie», erklärt die Chefin. «Was sie daneben verdienen oben auf dem Zimmer, ist nicht meins.» Das sei eben der Unterschied zu einer Kontaktbar, wo Zuhälter die Hände im Spiel haben. «Davon lasse ich die Finger. Da herrscht auch ein ganz anderes Klima.»

Buttersäure und zerstochene Pneus

Dieses andere Klima bekam Brigitte Honauer zur spüren, als sie ihr Cabaret alleine zu führen begann. Zerstochene Pneus am Auto seien noch harmlos. «Es gibt Sachen, da bist du völlig machtlos, da nützen auch Bodyguards nichts.» Sie erzählt: «Ich war kurz in die Apotheke nebenan gegangen und als ich raus kam, fragte ich mich, was da so stinkt.» Unterdessen hatte jemand mit Buttersäure einen Anschlag auf den «Löwen» verübt. «Da kommt einer kurz rein ins Lokal mit einer kleinen Flasche und spritzt ein wenig herum.» Die Folge war gravierend: Das Lokal musste für eine Woche geschlossen werden, um den Gestank wieder rauszubringen.

«Einmal sassen fünf Männer im Cabaret, jeder mit einer Pistole bewaffnet», berichtet Brigitte Honauer. Sie habe die Polizei zweimal bemühen müssen, um dieses bewaffnete Quintett loszuwerden. Solche Zwischenfälle lägen zum Glück weit zurück, seit etwa zehn Jahren sei es ruhig.

Wenn Borgatte gekommen wäre

Beinahe hätte einer diese Ruhe gestört: Der Zürcher Bordellkönig Alfredo Lardelli alias Alfredo V. Borgatte dos Santos wollte 2009 vis-à-vis dem «Löwen» im ehemaligen «Pöstli» ein Rotlicht-Etablissement eröffnen, was dann aber durch rechtliche Schritte verhindert wurde. «Da war ich allerdings sehr, sehr froh darüber», gibt Brigitte Honauer zu. «Denn man hätte mit einiger Unruhe im Dorf rechnen müssen.»

Apropos Dorf: Wie begegnet man in einer Landgemeinde einer Frau, von der man weiss, dass ... – ja eben, dass sie landläufig gesagt ein Puff führt? «Da habe ich nie Probleme gehabt, was mich am Anfang noch ein wenig verwundert hat. Sogar die Frauen kommen auf mich zu und grüssen mich.» Ärgern kann sie sich, wenn sie jemand «Puffmutter» schimpft. «Das bin ich nämlich nicht», betont sie mit Nachdruck, «sondern eine Geschäftsfrau». Wo liegt der Unterschied? «Eine Puffmutter knöpft ihren Mädels von dem Geld ab, das diese für ihren Dienst am Kunden bekommen.»

Die Kunden, sie wurden immer weniger im «Löwen». «Die Zeiten des Cabarets sind vorbei. Die Männer wollen heute keine Appetitanregung mehr, sie wollen schnellen und billigen Sex.» Wie ganz anders sei es gewesen, als die guten Kunden sogar den Tänzerinnen nachreisten, eben auch nach Balsthal. «Viele blieben dann uns treu, weil sie sich bei uns wohlfühlten. Sie gehörten dann auch zur Familie.»

Was passiert nun mit dem «Löwen», dem alterwürdigen Gasthaus, dessen Wurzeln ins 15. Jahrhundert zurückreichen? «Verkaufen konnte ich es nicht, wie geplant. Nun habe ich es vermietet, im April wird darin eine Dancing-Bar eröffnet.» Ganz ohne Rotlichtzone.

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