Hägendorf
Wegen Umleitung: Industriestrasse wird zur gefährlichen Hauptstrasse

Der Kantonsstrassenverkehr durch das Industriequartier erhitzt in Hägendorf die Gemüter. Transpörtler Murpf fordert eine Tempo-Beschränkung auf 30 km/h und einen Fussgängerstreifen. Doch der Kanton wollte nicht darauf eingehen. Warum nicht?

Karin Schmid
Merken
Drucken
Teilen
Auf der Industriestrasse West in Hägendorf ist von den Verkehrsteilnehmenden zurzeit besonders viel Aufmerksamkeit gefordert. Bruno Kissling

Auf der Industriestrasse West in Hägendorf ist von den Verkehrsteilnehmenden zurzeit besonders viel Aufmerksamkeit gefordert. Bruno Kissling

Im Rahmen der ERO-Umgestaltung lässt der Kanton seit letztem Monat in Hägendorf Fahrbahn und Belag der Solothurnerstrasse H5 zwischen Hafenstrasse und Rolliweg sanieren und den Verkehr über die Industriestrasse West in die Gäustrasse umleiten. Die Bauarbeiten für das 1.75-Mio.-Franken-Projekt dauern bei planmässigem Verlauf bis November. Der Deckbelag ist im Sommer 2015 vorgesehen.

Laut «20 Minuten» sorgt die Umleitung für starke Verunsicherung der Verkehrsteilnehmenden. Am vergangenen Dienstag ereignete sich dort ein Unfall – laut einem in der Mittwochsausgabe von «20 Minuten» zitierten LKW-Fahrer «zum dritten Mal innert wenigen Wochen». Deshalb fordert dieser: «Jetzt muss endlich etwas für die Sicherheit getan werden.»

Schmid: «Zwei Ereignisse ohne Verletzte»

Melanie Schmid, Mediensprecherin der Polizei Kanton Solothurn, korrigiert die Unfallzahl. «Wir haben Kenntnis von zwei Ereignissen: Am 5. Mai kollidierten ein Lieferwagen und ein Personenwagen seitlich frontal miteinander; verletzt wurde niemand, und am 20. Mai verursachte ein PW-Fahrer einen Selbstunfall. Auch hier wurde niemand verletzt.» Beide Unfälle seien «nicht unbedingt auf zu hohes Tempo zurückzuführen. Über die Gründe lässt sich nicht viel sagen. Die Zahlen sind so gering, dass es auch Zufallstreffer sein könnten.» Seitens der Kantonspolizei sei «die Signalisation angeschaut und für gut befunden» worden, sagt die Mediensprecherin.

Murpf: «Tempo 30 wäre Sicherheit und Übersichtlichkeit dienlich»

Bei der Publikation reichte das Transport- und Logistikunternehmen F. Murpf AG beim Kanton Beschwerde gegen das Strassensanierungsprojekt ein und forderte für die Bauzeit eine Geschwindigkeitsreduktion und einen Fussgängerstreifen. Kanton und Verwaltungsgericht lehnten dies ab. Geschäftsleitungsmitglied Thomas Murpf findet den Entscheid «unglücklich. Ich will die Sache nicht dramatisieren, doch zurzeit ist die Industriestrasse eine 100-prozentige Hauptstrasse, auf der 50 Stundenkilometer erlaubt sind und die täglich von 8000 bis 9000 Fahrzeugen genutzt wird».

Links und rechts befänden sich viele Gebäude von Unternehmen, deren Mitarbeitende dort durchlaufen, hält Murpf weiter fest. «Unsere Leute wünschten sich einen temporären Fussgängerstreifen und eine Temporeduktion. Wir sind verantwortlich für unsere Mitarbeiter. Ihre Gesundheit ist unser höchstes Gut. Damit arbeiten wir.» Die LKW-Fahrer müssen laut Murpf in der aktuellen Situation «natürlich viel besser aufpassen». Um das Einkaufszentrum herum sei es schon oft turbulent zugegangen. «Eine Reduktion auf Tempo 30 wäre der Sicherheit und der Übersichtlichkeit sicher dienlich.»

Müller: «Temporäres Umleitungsregime bewährt sich»

Die Gemeindeverantwortlichen wissen von den Forderungen aus der Anwohnerschaft nach Temporeduktion und Fussgängerstreifen. «Wir haben die Situation vor Ort besichtigt und uns von der Polizei beraten lassen», sagt Hägendorfs Bauverwalter Walter Müller. Die Polizei habe der Gemeinde bezüglich Fussgängerstreifen abgeraten, «weil er den Verkehrsteilnehmenden ein falsches Sicherheitsgefühl gibt». Ebenfalls war die Polizei der Meinung, keine Temporeduktion auf dieser Industriestrasse zu verfügen. Tempomessungen in den vergangenen Wochen hätten einen Durchschnittswert von 42 Stundenkilometern ergeben. Dasselbe temporäre Umleitungsregime habe vor zwei Jahren beim ersten Teil der Betonstrassensanierung bereits gegolten; «damals gab es absolut keine Probleme». Trotzdem werde man «das Thema sicher in den wöchentlichen Bausitzungen ansprechen und die nötigen Massnahmen ergreifen», verspricht Müller.

Kanton: «Strasse vom Ausmass her absolut vertretbar»

Das Kantonale Amt für Verkehr und Tiefbau (AVT) hat nach den Unfällen die Polizei, die es fachtechnisch berät, hinzugezogen. «Nach Aussagen der Polizisten wurden die Unfälle von der Unaufmerksamkeit der Autofahrer verursacht, nicht von der Gefährlichkeit der Umleitung», sagt Projektleiter Rudolf Mühlethaler. «Sonst hätten sie uns schon lange allfällige Schwachstellen gemeldet.» Auf die Publikation des Strassensanierungsprojekts hin gingen zwei Beschwerden ein: Die Murpf AG forderte vom Kanton für die Zeit der Umleitung eine Temporeduktion und einen Fussgängerstreifen auf der Industriestrasse. Das Transport- und Logistikunternehmen ging damit bis vor das Verwaltungsgericht – jedoch ohne Erfolg. «Die Strasse ist vom Ausbaustandard her absolut vertretbar für den Umleitungsverkehr», erklärt Mühlethaler. «Es braucht keine spezielle Geschwindigkeitsreduktion. Die Strasse ist genug breit und ein Trottoir ist vorhanden.»

Eine zweite Beschwerde aus der Anwohnerschaft ist noch hängig beim Verwaltungsgericht. «Die Industriestrasse West befindet sich im Innerortsbereich, in dem generell Tempo 50 herrscht», hält der Kantonale Projektleiter fest. Er verweist auf die Messungen der Gemeinde und findet: «Ich bin dort selber schon durchgefahren – während des Tages kann man dort gar nicht schnell fahren.» Da man bei der Einmündung der Industriestrasse West in die Gäustrasse nicht einfach den Vortritt aufheben wollte, wurde extra für die Bauzeit ein provisorischer Kreisel erstellt.

Seitens des Kantons prüfte man beispielsweise eine zweispurige Verkehrsführung durch die Baustelle. «Das ist aus Platzmangel aber nicht möglich – und eine Regelung mittels Lichtsignalanlage würde einen Verkehrskollaps verursachen.» Die Gemeinde Hägendorf habe die Umfahrung von Anfang an unterstützt. Es ist dem Projektleiter «klar, dass die Logistikunternehmen keine Freude an der Umleitung haben. Die Industriestrasse ist aber eine öffentliche Strasse»