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«Stefan, hör auf mit dem Murks!»: Das Streitgespräch zum Wisentprojekt im Thal

Die Wisente, die eine Gruppe um den Herbetswiler CVP-Nationalrat Stefan Müller-Altermatt auswildern will, spalten das Thal. Landwirt und Kantonsrat Edgar Kupper kann das Vorgehen seines Parteikollegen nicht verstehen. Tourismus? Ja. Aber doch keinen Flurschaden für uns Landwirte, sagt er.

Lucien Fluri und Fränzi Zwahlen-Saner
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Der Wisent wurde einst ausgerottet. Ob er je wieder ins Thal zurückkommt, ist mehr als ungewiss.

Der Wisent wurde einst ausgerottet. Ob er je wieder ins Thal zurückkommt, ist mehr als ungewiss.

zvg

Sie können auch miteinander lachen. Aber zwischendurch werden sie laut. Die beiden Thaler CVP-Politiker Stefan Müller-Altermatt und Edgar Kupper haben das Heu nicht auf der gleichen Bühne, wenn es um die Wiederansiedlung des Wisents geht. Der Herbetswiler Gemeindepräsident und Nationalrat Müller-Altermatt ist einer der Initianten, die den Wisent wieder ins Thal bringen wollen. Sein Parteikollege Kupper ist einer der erbittertsten Gegner. Kupper, Gemeindepräsident von Laupersdorf und Kantonsrat, fürchtet grosse Schäden. «Edgar und ich haben sonst agrarpolitisch keine grossen Differenzen. Ich höre sogar auf ihn», sagt Müller-Altermatt. «Zum Glück», antwortet Kupper.

Das Wisent-Projekt: Zehn Jahre Versuchszeit

Geplant ist die Platzierung von etwa 15 bis 20 Wisenten im Gebiet Solmatt in Welschenrohr beim Hof von Landwirt Benjamin Brunner. 5 bis 10 dieser in Europa fast ausgerotteten Wildrinder sollen in einem 20 Hektaren grossen Schaugehege untergebracht werden. Für die restlichen Wisente soll daran angegliedert an der Nordflanke des Juras ein 100 Hektar grosses Gehege gebaut werden. Nach einigen Jahren könnte das Gehege entfernt werden. Der Versuch, für den noch kein Gesuch eingereicht worden ist, würde zehn Jahre dauern. Er wird wissenschaftlich begleitet. Nötig sind Bewilligungen von Bund und Kanton. Je nach Ausgang des Versuchs könnte danach ein Gesuch für die definitive Auswilderung folgen. (szr)

Stefan Müller-Altermatt, hat das Thal auf den Wisent gewartet?

Stefan Müller-Altermatt: Nein. Das glaube ich nicht. Ich glaube aber, dass unser Projekt eine Chance ist. Wir haben die Möglichkeit, etwas für eine vom Aussterben bedrohte Tierart zu tun. Und wir haben die Möglichkeit, gleichzeitig touristisch etwas für die Region zu tun.
Edgar Kupper: Wir Land- und Waldeigentümer brauchen kein zusätzliches Tier, das noch mehr Schaden- und Konfliktpotenzial bringt.

Im Kantonsrat wurde Ihnen, Stefan Müller, vorgeworfen, sich ein Denkmal setzen zu wollen.

Müller-Altermatt: Das trifft mich. Das ist nicht die Absicht. Das Wisent-Projekt ist, im Gegenteil, für mich politisch eher riskant. Ich mache dies aber aus Überzeugung, weil ich finde, es wäre eine gute Sache.

Sieht zu viel Konfliktpotenzial: Edgar Kupper (47), Landwirt, Kantonsrat und politischer Assistent beim Solothurner Bauernverband.

Sieht zu viel Konfliktpotenzial: Edgar Kupper (47), Landwirt, Kantonsrat und politischer Assistent beim Solothurner Bauernverband.

Michel Luethi

Das Projekt hat schon jetzt sehr viele Emotionen ausgelöst. Haben Sie damit gerechnet?

Müller-Altermatt: Nein. Ich begreife zwar, dass das Projekt bei der Landwirtschaft und beim Forst nicht auf Gegenliebe stösst. Es geht um ein grosses Tier. Das würde überall zu Diskussionen führen. Aber dass es derart emotional wird, hätte ich nicht gedacht.

Edgar Kupper: Für mich war das klar. Ich habe Stefan Müller schon vor zweieinhalb Jahren gesagt: Stefan, mit diesem Murks musst Du aufhören. Schon die Wildschweinschäden führen immer wieder zu Problemen für uns Bauern. Da ist es ganz logisch, dass es auch beim Wisent zum Konflikt kommt. Wir Bauern wären als Landbesitzer stark betroffen. Auch Jagd und Forst wollen nichts davon wissen.

Leuchtet Ihnen die Angst vor Schäden nicht ein, Stefan Müller?

Müller-Altermatt: Ich begreife, dass man die Schäden nicht will. Aber wir wissen heute gar noch nicht, ob es Schäden gibt. Das wollen wir im Projekt überhaupt herausfinden. Wenn es tatsächlich Riesenschäden gibt, will ich das Projekt auch nicht. Zuerst will ich aber schauen, ob dies so ist.

Sieht eine Riesenchance – touristisch und ökologisch: Stefan Müller Altermatt (41), Nationalrat, Biologe und früherer Naturpark-Leiter.

Sieht eine Riesenchance – touristisch und ökologisch: Stefan Müller Altermatt (41), Nationalrat, Biologe und früherer Naturpark-Leiter.

Michel Luethi

Kupper: Ich begreife nicht, dass Du diesen Test unbedingt durchmurksen willst. Es geht um ein Tier, das regelmässig in die Landschaft austritt. Ihr schreibt selbst im Projektbeschrieb, dass im Vergleich zu anderen Gegenden der Jura mit der intensiveren Landwirtschaft stärker betroffen sein wird. Ihr wollt uns diesen Test unterjubeln, und nachher wird das Wildtier als geschütztes Tier eingeführt und wir können nichts mehr machen. Wir haben das Gefühl, dass ihr mit gezinkten Karten spielt. Deswegen wehren wir uns so konsequent.

Müller-Altermatt: Das ist der zweite Punkt, der mich persönlich trifft; nämlich, dass man mir sogar Betrug vorwirft. Ich habe immer gesagt: Wir wollen einen Versuch machen. Und ich habe immer ehrlich gesagt: Das Ziel ist die Auswilderung des Tieres, das ausgerottet wurde.

Kupper: Stefan, spüre endlich, wie sehr uns das Projekt plagt.

Müller-Altermatt: Ich verstehe die Bedenken. Aber ihr müsst euch nicht geplagt fühlen.

Kupper: Wir betreiben auf unserem Hof Bio-Landbau mit wertvollen Getreidesorten. Da gibt man sich beim Anbau grosse Mühe, und am nächsten Tag kommt eine Wildsau, und alles ist weg. Das plagt.

Müller-Altermatt: Der Wisent kann doch nichts dafür, dass die Wildsau Schäden macht. Was der Wisent macht, wissen wir noch nicht.

Kupper: Ich habe einen Sohn, der demnächst die Lehre als Landwirt antritt. Meinst Du, es sei attraktiv, wenn er diese laufend zunehmenden Konflikte hat?

Müller-Altermatt: Aber es ist doch fahrlässig, wenn man so tut, als ob eine einzige Wisentherde jetzt die Landwirtschaft bedrohen würde, als ob Dein Sohn wegen 15 Tieren nicht Landwirt werden könnte.

Kupper: Es ist die Kumulation der Schäden der Wildtiere, die zermürbt.

Müller-Altermatt: Das sehe ich. Aber wir setzen kein Raubtier aus.

Edgar Kupper sagt, dass man das Projekt, beginnt es einmal, nicht mehr stoppen kann.

Müller-Altermatt: Doch. Wir haben nie gesagt, dass die Auswilderung zwingend kommen muss. Wir stellen nur ein Gesuch für den Versuch. Zehn Jahre lang gehören die Tiere dem Verein Wisent. Erst nach zehn Jahren, wenn man sieht, dass es keine oder kaum Schäden gibt, kommt das Gesuch für eine Auswilderung.

Sie, Edgar Kupper, wollen gar keinen Versuch. Sie sagen kategorisch Nein, auch zum Mitmachen in einer Begleitgruppe.

Kupper: Wir sagen einzig, dass wir nicht in der Begleitgruppe mitmachen, die von den Projektinitianten geleitet wird. Denn diese hat das Ziel, das Projekt zu realisieren. Dazu sind wir nicht bereit. Der Bauernverband ist bereit, in einer Begleitgruppe Einsitz zu nehmen, wenn es einmal ein Gesuch gibt und die Regierung Stellung nehmen muss. Ich hoffe, dass es nie so weit kommt. Den Test müsst ihr nicht machen, wenn man schon jetzt weiss, dass das Resultat nicht befriedigt.

Müller-Altermatt: Die Begleitgruppe soll dazu dienen, dass die Betroffenen die ihnen wichtigen Fragen in den Versuch einbringen können. Es ist doch besser, wenn man dies in Absprache mit den Betroffenen tut.

Die von Ihnen ausgesetzten Tiere hinterlassen Schäden. Über ein Naturschutzprojekt greift man so in die Eigentumsrechte ein.

Müller-Altermatt: Nein. Rechtlich gibt es eine Wisentherde, die einem Verein gehört. Gibt es Schäden, bezahlt der Verein dafür.

Kupper: Das wäre in den ersten zehn Jahren der Fall, aber nicht mehr, wenn die Tiere danach ausgewildert werden.

Müller-Altermatt: Aber länger als die zehn Jahre bleiben die Wisente nur hier, wenn sie auch für die Landwirtschaft tragbar sind. Deshalb gibt es auch keinen Eingriff ins Eigentum.
Kupper: Das sehe ich anders. Ihr drückt uns ein weiteres Wildtier aufs Auge, das uns Eigentümern die Felder und den Wald beschädigt. Dann kommt es zum Hickhack wie beim Wolf. Das ist für uns Bauern völlig unattraktiv. Da kannst Du lange mit Entschädigungen kommen. Wir wollen nicht Entschädigungen. Wir wollen den Konflikt mit einem zusätzlichen Wildtier nicht.

Sehen Sie nicht auch gewisse Chancen für das Thal?

Kupper: Gegen ein touristisches Projekt, das Wertschöpfung generiert und bei dem Leute ins Thal kommen, kann man nichts haben. Wenn man nur auf dem Gebiet der Solmatt ein Gehege und beispielsweise eine Besenbeiz baut, haben wir nichts dagegen. Aber wir sind kategorisch gegen die Auswilderung, weil das für alle Land- und Waldbesitzer Folgen hat.

Müller-Altermatt: Nochmals: Die Auswilderung kommt nur, wenn der Versuch erfolgreich und für die Landwirtschaft und alle anderen Betroffenen tragbar ist.

Wäre ein umgekehrtes Vorgehen nicht geschickter: Zuerst ein touristisches Gehege erstellen und erst später das Projekt ausdehnen.

Müller-Altermatt: Man würde uns noch mehr Salami-Taktik vorwerfen. Eine Redimensionierung auf das rein Touristische würde nur einen Teil der Projektziele abdecken. Es geht auch um wissenschaftliche Erkenntnisse und darum, zu schauen, wie sich das einst ausgerottete Tier heute mit der Landschaft verträgt. Vielleicht muss man aber tatsächlich mit einem kleineren Gehege beginnen. Nicht weil man den Wisent an die Landschaft gewöhnen muss, sondern weil man den Menschen an den Wisent gewöhnen muss.

Geht es eher um ein ökologisches oder ein touristisches Projekt?

Müller-Altermatt: Es ist ein Naturschutzprojekt. Es geht um die Rettung des grössten Landlebewesens in Europa. Das macht aber nur Sinn, wenn es uns auch touristisch und wirtschaftlich hilft. Wir müssen auch etwas von diesem Tier haben.

Gäbe es nicht auch andere Orte?

Müller-Altermatt: Hier haben wir die grösste zusammenhängende Waldfläche der Schweiz. Der Jura ist definitiv der geeignetste Ort. Würde es gleich laufen wie in Deutschland, wäre das Kerngebiet etwa so gross wie die Fläche vom Rüttelhorn bis zur Röti. Das Streifgebiet wäre etwa von der Klus bis zum Grenchenberg.

So abgeschieden ist das Thal aber auch nicht.

Kupper: Im Vergleich zum Wisentprojekt im deutschen Bad Berleburg nutzen die Landwirte hier die Flächen bis an den Wald. Und im Wald haben wir die Öffnungen nicht, wo sich das Tier Futter holen kann. Wir haben hier klein strukturierte Eigentumsverhältnisse. Es gibt viel mehr Grundeigentümer als in Deutschland.

Müller-Altermatt: Wir sagen nicht, dass es bei uns funktionieren muss, nur weil das Projekt in Deutschland funktioniert. Es gibt Unterschiede. Aber der Punkt ist: Wir wissen nicht, wie sich die Tiere im Jura verhalten, wie oft sie rausgehen. Deshalb müssen wir dies testen. Rehe und Gämsen gehen auch raus und fressen in der Summe viel mehr als eine Wisentherde.

Kupper: Aber die Masse des Tieres ist eine andere. Wenn so ein Wisent beispielsweise in ein Maisfeld geht, kommt noch der spielerische Aspekt dazu. Der macht alles zu Boden.

Müller-Altermatt: Das ist eine Mutmassung von Dir. Du hast noch nie einen Wisent in freier Wildbahn gesehen.

Kupper: Ich arbeite täglich mit Tieren. Bei den Mutterkühen ist das nicht anders.

Der Regierungsrat zeigte Skepsis. Waren Sie enttäuscht?

Müller-Altermatt: Ja, Aber die Regierung erhielt nur kritische Fragen gestellt. Es gab keine Fragen zu Chancen. In der Antwort drückt zudem die Haltung der Verwaltung durch: Wir wollen keine zusätzliche Arbeit. Es gilt aber das Primat der Politik.

Kupper: Ich kenne mittlerweile die Art und Weise, wie der Regierungsrat Anfragen beantwortet. Wenn er Chancen sehen würde, hätte er dies geschrieben. Für mich ist klar: Der Regierungsrat weiss realistischerweise, dass es genug Schadenspotenzial mit anderen Tieren gibt.

Im Thal reisst das Projekt Gräben.

Müller-Altermatt: Das finde ich schade. Da muss ich den Puck aber denen zuspielen, die so laut gegen das Projekt opponieren. Weil: Es ist noch nichts passiert. Wir haben nur informiert.
Kupper: Wehret den Anfängen! Gerade wenn wir sehen, wer da engagiert ist: Da ist ein professionelles Büro, da ist sehr viel Geld.

Müller-Altermatt: Da wird uns sogar vorgeworfen, dass wir 4,4 Mio. Franken Projektbudget haben. Das ist doch Wertschöpfung, die ins Thal kommt! Es wird niemand verlieren. Deshalb mache ich da auch mit. Weshalb hat man da etwas dagegen?

Kupper: Die Leute kennen Dich, Stefan. Du bist intelligent, Du bist ein Taktiker. Deshalb müssen wir am Anfang einschreiten. Wir erwarten von Dir jetzt auch, dass Du auf diese klare Opposition im Thal Rücksicht nimmst. Ich stelle fest, dass sehr viele Jäger, Landbesitzer und die Waldwirtschaft dagegen sind.

Müller-Altermatt: Meine Meinung ist: Wir wagen den Versuch. Und wenn es nicht klappt, sind die Tiere weg. Wenn es nicht geht, geht es nicht. Wir brechen ab, wenn es Schäden gibt.
Kupper: Du würdest bei einer Konsultativabstimmung verlieren.

Müller-Altermatt: Ich nehme nicht in Anspruch, sagen zu können, wie die Thaler Bevölkerung entscheidet. Es gibt auch ganz viele positive Rückmeldungen.

Kupper: Wenn Du in der Schweiz nicht so vernetzt wärst, wäre dieses Projekt nie hier zur Diskussion gekommen.

Auch für den Naturpark ist das Projekt ein heisses Eisen.

Kupper: Für mich ist dieses Projekt eine Gefährdung des Naturparks. Genau diese Leute, die sehr kritisch gegenüber dem Wisent-Projekt sind, brauchen wir, um den Naturpark erneut anerkennen zu können und um wieder Geld zu erhalten.

Müller-Altermatt: Wir kennen die Auswirkungen der Wisente nicht. Wenn das mit den Schäden aber eintreten würde, wie Du, Edgar, sagst, dann hat so ein Projekt im Naturpark nichts zu suchen. Dann widerspricht es nämlich dem Naturpark. Wenn aber das eintritt, was ich mir erhoffe, dann ist es das genialste Naturparkprojekt ever. Dann haben wir Naturschutz und Wertschöpfung verknüpft.

Spaltet das Projekt am Ende das Thal?

Müller-Altermatt: Vielleicht diskutieren wir Thaler etwas heftig. Aber deswegen ist das noch kein Projekt, das das Thal spalten mag.

Kupper: Es ist wichtig, offen und anständig miteinander zu reden. Das haben wir fertiggebracht. Aber eines kann man nicht wegdiskutieren. Das Projekt gibt viel Gesprächsstoff. Ich frage mich schon: Wollen wir für dieses Projekt so viel Zeit aufwenden?

Hätten wir nicht wichtigere Dinge?

Müller-Altermatt: Ich habe mir auch schon gesagt. Ich höre auf, die Diskussion ist zu viel.

Kupper: Jetzt gefällt es mir langsam.

Müller-Altermatt: Eigentlich wollte ich nie so viel Zeit in dieses Projekt investieren. Aber andererseits: Wenn wir jetzt aufgrund heftiger Diskussion abbrechen, wirft das auch ein schiefes Licht aufs Thal.

Kupper: Heute kam ein Arbeiter zu mir. Der fragte mich: Stefan ist so intelligent. Warum ist der so hartnäckig? Warum hörst Du nicht auf, Stefan?

Müller-Altermatt: Vielleicht habe ich einen Thaler Grind.

Kupper: Du bist Gäuer. Wenn wir Thaler merken, dass es nicht geht, hören wir auf. (lacht)

Müller-Altermatt: Das wäre mir neu. (lacht) Und wegen der Eintracht: Auf einen, der kommt und sagt, das sei Schwachsinn, folgt schon die andere, die begeistert ist. Das ist bei diesem Projekt so.

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