Härkingen
128 Module, gratis, suchen: Wie es dazu kam, dass eine Härkinger Firma ein ganzes Gebäude verschenkt

Während zehn Jahren diente das Gebäude dem Inselspital Bern als Provisorium. Seit 2017 steht es leer in Härkingen. Nun braucht die Firma DM Bau AG den Platz und möchte das Gebäude verschenken.

Rahel Bühler
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Von 2007 bis 2017 standen die Container in Bern als Inselspital im Einsatz. Seit vier Jahren stehen sie wieder in Härkingen.

Von 2007 bis 2017 standen die Container in Bern als Inselspital im Einsatz. Seit vier Jahren stehen sie wieder in Härkingen.

Bruno Kissling

«Gebäude zu verschenken.» Seit drei Monaten ist auf der zu Facebook gehörenden Verkaufsplattform Marketplace eine Anzeige mit diesem Titel aufgeschaltet. Ein kostenloses Gebäude? Das gilt es, genauer anzuschauen. Nach zwei Telefonaten steht der Besichtigungstermin.

Nun, das Gebäude besteht aus 128 Modulen, steht auf dem Firmengelände des Transportunternehmens Emil Egger in der Härkinger Industrie und gehört der Firma DM Bau. Sie konzipiert und erstellt Modulbauten. Vor etwa 15 Jahren haben sie die Module gebaut, erklärt Peter Christen bei einem Rundgang durch die leerstehenden Räume. Er ist als Kalkulator tätig und dafür zuständig, die zu verschenkenden Module Interessenten zu zeigen. Sie sind derzeit zu zwei Gebäuden à je drei Stockwerken zusammengestellt.

Von 2007 bis 2017 dienten die 128 Module als provisorisches Spital. Sie standen auf dem bestehenden Gebäude des Inselspitals Bern.

Von 2007 bis 2017 dienten die 128 Module als provisorisches Spital. Sie standen auf dem bestehenden Gebäude des Inselspitals Bern.

zvg

Von 2007 bis 2017 wurde die Kinderklinik des Inselspitals Bern saniert. Damit in dieser Zeit der Betrieb der Klinik weiterlaufen konnte, brauchte das Spital Platz – und zwar so schnell wie möglich. «Deshalb ist nur ein Modellbau in Frage gekommen. Alles andere hätte in der Herstellung zu lange gedauert», erklärt Christen. Während zehn Jahren standen die 128 Module auf dem Inselspital und bildeten die obersten drei Stockwerke. Spuren von Kinderzeichnungen und aufgeklebten Schmetterlinge, Bäume oder Kolibris an Türen der früheren Behandlungszimmer erinnern an diese Zeit. «Jedes Stockwerk bestand aus einem Korridor und verschiedenen Untersuchungszimmern.» Christen nimmt Fotos und Pläne von damals hervor und zeigt auf Betten, Stühle und Tische.

Als Werkstatt oder Vereinslokal nutzbar

Im April 2017 wurde die Sanierung der Kinderklinik abgeschlossen. Seitdem stehen die Raumeinheiten wieder in Härkingen. Nicht alle Module sind gleich gross: Jene, die dem Spital als Korridor gedient haben, sind länger als die Behandlungszimmer. Auch in der Höhe sind die Module unterschiedlich. Die Böden bestehen aus Beton, die Wände sind nicht tragende Leichtbauwände. Die ganze Statik hängt von Stahlstützen ab, die an wichtigen Stellen in den Einheiten platziert sind.

«Uns war klar: Wir möchten die Module weiterverwenden können»,

sagt Christen. Zuerst habe man sie wiederverkaufen wollen. «Aber weil sich in der Schweiz in der Zwischenzeit die Dämmnormen verändert haben, hat das nie funktioniert.» Die Bausubstanz der Module sei zwar noch gut. Aber der neue Besitzer müsste sie neu isolieren, weil sie den neu geltenden Normen nicht mehr entsprächen.

Peter Christen.

Peter Christen.

Bruno Kissling

Dann sei das unbenutzte Gebäude wieder etwas in Vergessenheit geraten, sagt Christen. Anfang Jahr rutschte es wieder aufs Tapet, als klar wurde, dass die Firma den Platz braucht. «Wir haben immer wieder Module, die wir hier zwischenlagern, bevor wir sie weiterverwenden können.» Also sei man diesen Frühling auf die Idee gekommen, die Raumeinheiten zu verschenken. Denn: «Sie waren zehn Jahre in Gebrauch, seit vier Jahren stehen sie hier. Diese Zeit hat Spuren hinterlassen.» Das wird auch beim Rundgang sichtbar: Die Bodenbeläge und Wände sind teilweise beschädigt, Radiatoren stehen herum.

«Der neue Besitzer wird schon etwas Geld in die Finger nehmen müssen»,

ist sich Christen bewusst. Neue Böden verlegen, Wände streichen. Bleiben die Module in der Schweiz, müssen sie den Dämmnormen angepasst werden. Würden sie ins Ausland transportiert, wäre das nicht nötig, weil dort weniger strenge Regeln gelten. Christen ist sich sicher, die Weiternutzung lohnt sich: «Die Betonböden und die Stahlstützen sind auch in 50 Jahren noch in einem guten Zustand.» Und: «Wir wollen nicht zur Wegwerfgesellschaft beitragen, sondern nachhaltig sein.» Natürlich entfallen durch eine Schenkung auch die Entsorgungskosten. Aber der Hauptgrund für das Verschenken sei die Nachhaltigkeit. «Finden wir keine Abnehmer, werden wir schauen, welche Teile wir von den Modulen noch verwenden können. Den Rest werden wir entsorgen.» Man wolle die Module jetzt bis nach den Sommerferien stehen lassen und dann «Nägel mit Köpfen machen».

So sieht es im Innern der Module aus.

So sieht es im Innern der Module aus.

Bruno Kissling

Wofür sich diese Einheiten einsetzen lassen würden, sei offen, sagt Christen: «Wir hatten schon einen Interessenten, der alle nach Afrika transportieren und dort wieder als Spital benutzen wollte.» Dieses Vorhaben sei schliesslich an den Transportkosten gescheitert. Denn das Gebäude an sich gibt die DM Bau AG gratis weiter. Die Montage und der Transport aber müssen die zukünftigen Eigentümer übernehmen. Laut Christen sei auch die Nutzung als Werkstatt oder Vereinslokal denkbar. «Die Module funktionieren wie Legos: Man kann Wände herausnehmen und die Module so zusammenstellen, wie man möchte.»

Christen zeigt sich zuversichtlich, die Module verschenken zu können. Dass ein Interessent alle nimmt, sei aber utopisch. «Wer hat schon eine solch grosse Fläche einfach so zur Verfügung.» Deshalb sei es auch möglich, nur einzelne Module abzuholen.

Bis 2017 wurden die Module als Spital benutzt.

Bis 2017 wurden die Module als Spital benutzt.

Bruno Kissling