Spezialausgabe
Stadtnah, ländlich, idyllisch: Das Bauerndorf wird zur Schlafgemeinde

Das Dorf Riedholz lockt durch idyllische Wohnlage und gute Verkehrsanbindungneue Einwohner an – und wächst deshalb rasant. Doch das stellt die Gemeinde auch vor Probleme.

Sarah Weber
Drucken
Teilen

Knapp zehn Minuten ausserhalb von Solothurn hält das Postauto. Riedholz, ein Dorf am Jurasüdfuss. Zur Mittagszeit steigt niemand aus. Auf der Kantonsstrasse am Dorfrand braust ein Auto nach dem anderen vorbei, Fussgänger sind keine unterwegs. Entlang der Strasse gibt es etwas Kleingewerbe: eine Autowaschstrasse, eine Bäckerei, eine Käserei, ein Coiffeurgeschäft, ein Bildhauer, mehrere Autogaragen, ein stillgelegter Fantasy-Park, zwei Restaurants, eine Raiffeisenbank, eine Poststelle.

Doch hügelaufwärts wird gebaut, besiedelt, erschlossen. Flachdächer, Landhäuser, Giebeldächer, Glasfassaden, vor allem Einfamilienhäuser schiessen aus dem Boden. Am Dorfrand glitzert die neue Solarsiedlung, von Weitem erinnert sie an ein grosses Gewächshaus. «In den letzten dreissig Jahren hat sich die Grösse des Dorfes verdoppelt», sagt Gemeindepräsident Peter Kohler. Auf dem 10-jährigen Ortsplan sind deshalb viele Quartiere noch gar nicht eingezeichnet. Aktuell zählt Riedholz 2157 Einwohner, 70 Prozent sind Neuzuzüger, meist Mittelstandsfamilien.

Am liebsten ein paar Reiche

Riedholz bietet typische Dorfidylle. Vögel zwitschern, es riecht nach frisch gemähtem Rasen. Ein Bauer knattert auf seinem Traktor vorbei. Er holt Strohballen auf dem Feld zwischen zwei Einfamilienhausquartieren. «Wir haben uns jetzt die Grenze von 3500 Einwohnern gesetzt, mehr dürfen es nicht werden», sagt Kohler. Das Dorf will seinen ländlichen Charakter behalten, es ist von Wald umgeben, an Hügellagen sieht man sogar die Alpen.

Denn das Wachstum bringt auch Probleme: «Wir sind etwas schnell gewachsen und jetzt müssen wir sehr viel investieren», so Kohler. Die neuen Quartiere müssen erschlossen werden, brauchen neue Wasserleitungen und sichere Strassen. Auch das Schulhaus platzt aus allen Nähten. Und der Druck nimmt weiter zu: Die Nachbargemeinde Feldbrunnen hat ihr Bauland bereits komplett überbaut. «Wir haben deshalb seit Jahren mehr als genügend Interessenten für Bauland», sagt Kohler.

Um den Gemeindehaushalt im Gleichgewicht zu behalten, will man deshalb künftig lieber verdichtet bauen – und wenn grosszügig, dann für die ganz Reichen. «Für das Gemeindebudget wäre es am besten, es würden ein paar sehr Reiche hier bauen, damit wir die Erhaltung und den Ausbau der Infrastruktur zahlen können», sagt Kohler.

Wohnen hier, arbeiten auswärts

In den Quartieren selber sind kaum Leute anzutreffen, wenige fahren im Auto vorbei. Die Gärten vor den Wohnhäusern sind aber liebevoll gepflegt, überall sind Blumenbeete, die Hauseinfahrten mit Skulpturen und Geranien geschmückt. «Mir gefällt es sehr, es ist ein kleines Paradies», sagt ein Einwohner. Viel los ist in der Gemeinde aber am Morgen und am Abend, wenn die Pendler unterwegs sind. In den Stosszeiten ist das «Bipperlisi», die Aare-Seeland-Bahn, voll. Von den rund 800 Erwerbstätigen in Riedholz pendeln gut 600 weg. Der Weg nach Solothurn, Biel, Grenchen, Oensingen, Bern oder Zürich ist durch die gute Anbindung an den öffentlichen Verkehr und die nahe Autobahneinfahrt nicht mehr weit.

Käserei als Supermarkt

Arbeitsplätze im Dorf gibt es nur wenige. Noch drei Bauernbetriebe – einer davon ist die landwirtschaftliche Schule Wallierhof. Ein vierter Bauer hat vor Kurzem das Handtuch geworfen. Der ehemals grösste Arbeitgeber, die Cellulosefabrik Attisholz, wurde geschlossen. Doch zum verbliebenen Gewerbe im Dorf tragen die Rietholzer Sorge. In der Käserei, die mittlerweile ein Angebot wie ein kleiner Supermarkt führt und ein Café gebaut hat, kennt man sich. Das Geschäft läuft. Tochter, Sohn und der Vater mit italienischen Wurzeln machen Sandwiches, kassieren, schneiden Käse und Mortadella. Die Kunden fahren mit dem Auto zu. «Wir kaufen häufig hier ein und für die älteren Leute ist es praktisch», sagt ein Einheimischer. Auch die Bäckerei bietet deshalb längst mehr als Brot und Nussgipfel.

Kein Dorfleben ohne Engagement

Aber sonst ist die Identifikation mit der Gemeinde eher klein. An die Gemeindeversammlungen kommen knapp 100 Personen, die politischen Ämter sind nur schwierig zu besetzen. Die kleine Nachbargemeinde Niederwil fusionierte aus diesem Grund mit Riedholz. «In den nächsten Jahren werden verschiedene kleine Gemeinden zu einer grossen zusammenwachsen», sagt Kohler.

Dass man sich in einem Dorf auch engagieren soll, müssten hier viele erst lernen. Er selber ist vor vielen Jahren zugezogen, wie alle anderen Mitglieder des Gemeinderates, der aus vier FDP-Mitgliedern, einem CVP-Mitglied und zwei SP-Mitgliedern besteht. Denn nur so könne Riedholz ein lebendiges Dorf bleiben, sagt Kohler.

Aktuelle Nachrichten