Fractura
Wie Freundschaft von Chorgesang zu melodiösem Hip-Hop führen kann

Angefangen hat alles vor 10 Jahren, als ein Solothurner Singknabe beschloss, eine Band zu gründen. Heute spielen sieben Mitglieder für «Fractura». Ihre Musik unterscheidet sich komplett von Chorgesang: von Hip Hop bis Reggae spielen sie fast alles.

Andreas Kaufmann
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Die «Pop-Rapper» im Garten des St. Ursen Pfarreiheims (v.l.): Alexander Stingelin, Jonathan Sollberger und Nourdin Khamsi.

Die «Pop-Rapper» im Garten des St. Ursen Pfarreiheims (v.l.): Alexander Stingelin, Jonathan Sollberger und Nourdin Khamsi.

Andreas Kaufmann

Die Institution der Solothurner Singknaben ist ein Garten – einer, aus dem immer wieder Pflänzchen in eigene musikalische Richtungen spriessen. Oft sind es Profimusiker, die in ihrer Biografie nicht ohne Stolz auch die Zeit erwähnen, da sie im ältesten Knabenchor der Schweiz dem Gesang frönten und Geselligkeit feierten. Neben Chorleitern und Opernsänger, Profiinstrumentalisten und Musicaldarstellern hat vor genau zehn Jahren ein besonderes Pflänzchen in diesem Garten seine ersten Blätter ausgestreckt: «Fractura», eine Band, in deren Repertoire man gregorianische Gesänge oder Bach-Kantaten vergeblich sucht: «Rap-Pop» nennt es der 22-jährige Jonathan «Johnny» Sollberger, der die Initialzündung zu «Fractura» gab.

Er fasste vor zehn Jahren zusammen mit einem anderen Singknaben-Gspänli den Entschluss, eine Hip-Hop-Truppe auf die Beine zu stellen. Und so schnupperten die beiden als Zwölfjährige für Probeaufnahmen erstmals Studioluft. Später kam Nourdin Khamsi, ebenfalls Singknabe, hinzu. Bald darauf setzten er und Sollberger ihre Tätigkeit zu zweit fort: Neben dem klassischen Chorgesang suchte sich der heute 23-jährige Khamsi auf der Jagd nach Beats die alten Schallplatten seines Vaters heraus, «zum Scratchen eigentlich wenig geeignet, aber dafür keine Scheiben, an denen meinem Vater besonders was lag.» Derweil schrieb Sollberger Texte und rappte sie auch gleich. Bald zeigte sich der Singknaben-Bonus der beiden Freunde: Die Refrains sangen sie im zarten Teeniealter zweistimmig – eine Formation mit Seltenheitswert.

Auf neuen musikalischen Wegen

In eine neue Phase trat «Fractura» mit dem Entschluss, ihrem Hip-Hop eine Live-Instrumentierung zu unterlegen. Damit wuchs die Formation auf sieben Mitglieder an. Neben drei weiteren Instrumentalisten holten Khamsi und Sollberger ihren Singknaben-Kollegen Alexander Stingelin in Boot. Der heute 20-Jährige besetzt den Platz hinter den Tasten und singt Begleitung – womit «Fractura» sich zur harmonischen Dreistimmigkeit aufschwang. «Zudem experimentiere ich auch mit Laptop und E-Musik», verrät Stingelin.

Man hört es der Band an: Sie sucht nach neuen musikalischen Wegen und findet sie – eine Experimentierfreude, die hier mehr Platz findet als vielleicht unter den Singknaben. Am Anfang wurden vor allem ältere Songs für die Instrumentierung neu bearbeitet, dann aber entstanden neue. Nun entsteht aus einer Jam-Runde oder auf Impuls einzelner Bandmitglieder eine Idee, die dann mit Sollbergers Text zum Song heranreift. «Oder wir finden einen der Milliarden Texte von Johnny, der zum Song passen würde», meint Khamsi grinsend. Ein Prinzip hat Sollberger schon von Anfang an hochgehalten: «Ich habe Leute gesucht, die nicht Hip-Hop, sondern ganz einfach Musik machen. Denn der Rap ist ja schon mein Ding.» Und so lässt sich der «Rap-Pop» von «Fractura» in keine Schublade stecken, klingt mal wie Funk, dann wie Rock und später wie Reggae.

Musikalische Freundschaften

Doch wie nun schafft man den Spagat zwischen dem klassischen, geordneten Chorgesang und dem Hip-Hop mit vielen Gesichtern? «Ich würde mir zuhause nicht anhören, was ich bei den Singknaben singe», sagt Khamsi. Das verbindende Element zwischen Chor und Band seien vielmehr Freundschaft und Gemeinschaftssinn. «Und man ist im Zusammenspiel abhängig voneinander.» Auf diese Weise treffen hier wie dort unterschiedliche Menschen aufeinander, die sich im Schnittpunkt der Musik gefunden haben.

Bei den Singknaben selbst sieht man mit Achtung und Neugier auf das Schaffen von «Fractura»: «Chorleiter Andreas Reize wünscht uns Erfolg für unsere Konzerte, verbunden mit der Hoffnung, dass dadurch nicht die Chorproben zu kurz kommen», sagt Khamsi. «Auf alle Fälle findet er es schön, dass ausserhalb der Singknaben-Gruppe etwas entsteht.» Besonders eine Erfahrung machte ihm Eindruck: Nachdem Singknaben-Eltern ihre Kinder während des Märetfeschts in die Chorprobe gebracht hatten, machten sie auf dem Rückweg auf dem Märetplatz vor der Bühne bei «Fractura» Halt gemacht, «eine schöne Rückmeldung», findet Khamsi.

Künftig dürfte noch mehr von der regional aktiven Band zu hören sein: Am 24. Oktober findet in der Rothuus-Halle das Jubiläumskonzert statt. Und: «Eine CD wär auch mal toll», sagt Sollberger.

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