Quartierserie Solothurn
«Seit der Verkehr weg ist, haben wir hier in der Vorstadt eine hohe Lebensqualität»

Die Familie Huber geniesst von der Vorstadt aus eine besondere Perspektive auf Solothurn – und hat alles Alltägliche in Griffnähe. Teil 3 unserer Quartier-Serie.

Wolfgang Wagmann
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Peter, Loris und Nathalie Huber haben von ihrer Vorstadt-Wohnung aus den Rundumblick auf Solothurn.

Peter, Loris und Nathalie Huber haben von ihrer Vorstadt-Wohnung aus den Rundumblick auf Solothurn.

Wolfgang Wagmann

«Und dort sieht man auf den Göiferlätsch!» Tatsächlich. Der Rundumblick aus der grosszügigen Dachwohnung ist spannend. Von der Terrasse aus reicht er für die Familie Huber bis über den Rossmarktplatz. Auf der anderen Seite die Aare der Jura, das Gresslyhaus, die Dächer der alten Vorstadt bis zum «UG», dem alten Prison. Das Haus am Patriotenweg 8 – Mitte des 19. Jahrhunderts eine Pinte und Schnapsbrennerei – ist heute fest in der Hand der Familie Huber. «Seit 1965 waren unsere Eltern hier eingemietet, 1982 konnten sie es von der Stadt kaufen», erzählt Peter Huber.

Im Haus wohnen noch seine Mutter, seine Schwester und sein Bruder mit ihrer Familie, jedes in einer eigenen Wohnung. Dazu im Erdgeschoss das Büro und die Werkstatt des Dachdecker- und Gerüstgeschäfts Huber – jetzt in der nächsten Generation, obwohl Mutter Josy noch immer Bürodienst leistet. Ein Wohn- und Geschäftsmodell «alles unter einem Dach», wie es früher gang und gäbe war in Solothurn. Und heute fast völlig verschwunden ist. Es hat seine Vor- und Nachteile: «ich bin jederzeit fürs Geschäft verfügbar und kann zu Hause keine Ferien machen», verrät Peter Huber. «Dafür geniesse ich jeweils die Mittagspause daheim.»

Quartier-Serie

Solothurn gilt als eine Stadt der unterschiedlichsten Quartiere. Doch wie wird die engere Wohnumgebung von ihren Bewohnerinnen und Bewohnern wahrgenommen? Wir besuchen sie und gehen ihren Befindlichkeiten nach.

Heute im dritten Teil bei der Familie Huber in der Vorstadt.

«Ich brauche kein Auto! Das ist für mich ein Luxus»

Seit 2008 die Wengibrücke für den Durchgangsverkehr gesperrt worden ist, «haben wir hier eine hohe Lebensqualität», bescheinigt Nathalie Huber der Vorstadt. «Die Einkaufsmöglichkeiten, der Coiffeur, Ausgangsmöglichkeiten wie die Hafebar oder ein Kino – alles ist vor der Haustür. Und sogar das Zivilstandsamt», lacht sie. In fünf Minuten sei sie überall zu Fuss oder mit dem Velo, «ich brauche deshalb kein Auto. Das ist für mich ein grosser Luxus.»

Nach eher mühsamen Kindergartenjahren mit dem weiten Weg bis ins Hermesbühl kann der neunjährige Loris inzwischen das Vorstadtschulhaus besuchen – entlang der Aare, abseits der Hauptstrassen. «Dort tschutte ich gern nach der Schule», verrät er – und ansonsten spiele er auch oft auf dem nahen Quartierspielplatz Güggi. «Da sind am Mittwoch und Freitagnachmittag jeweils bis zu 60 Kinder anzutreffen», weiss Mutter Nathalie.

Viel Leben in der «nicht mehr minderen Stadt»

Hubers werden nicht müde, die Vorzüge der einst «minderen Stadt» aufzuzählen, die eben keine mehr sei, seit der Verkehr weg ist. «Etwas mehr Lärm haben wir schon als in einem reinen Wohnquartier» räumt das Ehepaar zwar ein. Aber wirklich störend sei das nicht. «Wenn ein Konzert am Landhausquai oder im SolHeure ist, hören wir sogar auf der Terrasse mit.» Die Hafebar sorge stets für Ruhe und Ordnung und abgesehen davon könne Loris dort im Kreuzackerpark auch spielen, seit die Sträucher entfernt seien.

Auch die Drogen- und Randständigen-Szene – manifest noch um die ansonsten problemlose Gassenküche – sei im Gegensatz zu früher kein Thema mehr. «Und unsere beliebten Essbeizen in der Vorstadt sind ja immer ziemlich voll», verweist Peter Huber auf mögliche kulinarische Reisen in nächster Nähe – von Thai über italienisch bis griechisch ist alles zu haben. «Wir hätten Mühe, auf dem Land zu leben», sind beide überzeugt von «ihrer» Vorstadt, wo sich zuletzt viel getan habe – dank der IG Attraktive Vorstadt oder Aktivitäten wie dem rasant gewachsenen Chästag oder dem Bucheggberger Märet jeden Donnerstag vor der Haustüre. Und nicht zu vergessen die Winter-Highlights wie der Wiehnachtsmäret oder das Winterwunderland mit der Eisbahn auf dem Dornacherplatz.

Ein Vorstädter fast durch und durch

Mit «seiner Vorstadt» fühlt sich Peter Huber seit je verbunden, ist er doch am Patriotenweg aufgewachsen. Längst trägt er nach elf Jahren im Vorstand der St. Margrithen-Bruderschaft den Titel «Ehrenbruder». Nur fasnächtlich ist er nicht ganz auf die Vorstadt fokussiert: Der Wagen der Narrenzunft Honolulu, den er als dessen Bauchef betreut, fährt aber jeweils zweimal vorne am Rossmarktplatz vorbei. Und ein bisschen Vorstadt-DNA reklamiert auch die in Zuchwil aufgewachsene Nathalie Huber für sich: «Mein Grosi ist in der Vorstadt gross geworden.» Worauf beide ergänzen: «Es gibt sehr viel persönlichen Zusammenhalt hier.» Gelebt beispielsweise am jährlichen Quartierfest drüben beim «UG».

Nur eines fehlt Nathalie Huber: «Ich hätte stets gerne einen Garten gehabt!» Dafür entschädigt wird sie teilweise durch den tollen Ausblick auf den Prachtgarten hinter dem benachbarten Gresslyhaus. Über dem Hubers auch den einzigen Störfaktor in ihrem sonst so perfekten Vorstadtleben ausmachen: die dortige Krähenkolonie. «Dä Dräck und das Kär!» Jeden Morgen um vier oder fünf Uhr gehe das Gekrächze los. Auch in der schönen Vorstadt kann man nicht alles haben.

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