Opernaufführung

Packend und ungeschönt: Giuseppe Verdis «Giovanna d’Arco» am Theater Orchester Biel Solothurn Tobs

Nach 2003 bringt das Theater Orchester Biel-Solothurn Tobs Verdis «Giovanna d’Arco» in der Inszenierung von Yves Lenoir und unter der musikalischen Leitung von Manilo Benzi nochmals auf die Bühne. Damals wie heute ist Michele Govi in der Vaterrolle als Jean d’Arc (Giacomo) zu erleben.

Das Libretto fusst auf der von Schiller erzählten Geschichte von Jean d’Arc, der Heerführerin, Ketzerin, vom Bauernkind, das vor 600 Jahren zur französischen Nationalheiligen wurde. Wie Schiller war auch Verdi nicht pingelig, wenn es darum ging, historische Fakten dramaturgischen Abläufen anzupassen. Seine Johanna von Orléans stirbt nicht auf dem Scheiterhaufen, sondern auf dem Schlachtfeld.

In der Bieler Lesart und in der Ausstattung von Bruno de Lavénere verbringt Giovanna ihr Leben zwischen Bett, Schrank, Stuhl und Leiter. Die Kämpfe gegen die Engländer finden bei der von «inneren Stimmen» geführten Gotteskriegerin vorab im Schlafzimmer, in inneren Räumen statt. Zwischen Puppe und Teddybär. Begleitet von der Liebe zum König und dem Zwist mit dem Vater. Starke Charakteren, die mit Astrik Khanamiryan, Irakli Murjikneli und Michele Govi stimmstark besetzt sind. Treiber der Handlung sind in der Oper weniger die äusseren Umstände als vielmehr Vater Giacomo, dessen Konflikt mit Giovanna Verdi am meisten interessierte und musikalisch inspirierte.

Dessen Grundlage, der Widerstreit der bösen Geister und der Engel, wird im Prolog mit den Chören aufgezeigt. (Wie immer von Valentin Vassilev akkurat vorbereitet.) Giacomo klagt Giovanna an, sie habe sich den bösen Geistern – und der «niedrigen irdischen Liebe» – verschrieben, schleudert er ihr auf dem Höhepunkt des Geschehens entgegen: In dem Moment, in dem der König sie gegen ihren Willen zur Patronin des Landes und zur Heiligen ausruft.

Michele Govi überzeugt als Vater

Publikumsliebling Michele Govi überzeugt einmal mehr mit einem Verdi-Bariton erster Güte, erschüttert mit der Bravour-Arie «Ecco il luogo…Speme al vecchio», bringt Italianità auf die Bühne. Als rächender und liebender Vater schafft er ein vielschichtiges Porträt, welches bereits auf Verdis Rigoletto hinweist. Irakli Murjikneli überzeugt als innerlich zerrissener Herrscher mit differenziertem Spiel, gestaltet den Part mehrheitlich mit dramatisch-heldischem Zugriff. Verdi legte den Dauphin musikalisch ja mehr als lyrischen, noch der Belcanto-Tradition verhafteten Tenorpart an. Qualitäten, mit denen Irakli Murjikneli in der Arie «Sotto una quercia parvemi» aufwartete.

Titelheldin Astrik Khanamiryan agiert zwischen Jungmädchenzimmer und dem Aplomb einer Soldatin, die mehr für das Schlachtfeld als für die Liebe geschaffen ist. Sie singt die Giovanna mit lupenreinen Spitzentönen und perfekter Technik. Ihr Sopran lodert und transportiert Emotionen, wenn es die grosse Szene verlangt. Als Liebende und Glaubende bleibt sie dagegen seltsam distanziert. Gemeinsam mit Michele Govi gelingt ihnen ein packender Opernabend, dessen Musik unter die Haut geht.

Getragen von Manilo Benzi, der das Sinfonie Orchester Biel Solothurn mit rhythmischer Verve und lautstarker Leidenschaft durch die Partitur geleitet und sich nicht scheut, die rauen Aspekte der Partitur zu betonen. Obschon die Regie nicht ganz mithalten kann, bietet diese «Giovanna d’Arco» musikalisch einen packenden Verdi-Abend.

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