Solothurn
«Öufi»-Chef: «Es ist Bierwetter vom Feinsten, und wir dürfen nichts verkaufen»

Alex Künzle, Inhaber der «Öufi»-Brauerei, hätte ab Donnerstag wieder Abertausende von Bierfans an den Solothurner Biertagen begrüssen können. Doch der Lockdown macht auch ihm einen Strich durch die Rechnung.

Wolfgang Wagmann
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Alex Künzle will nicht den Teufel an die Wand malen – aber Bierbrauen ist derzeit keine gefragte Kunst.

Alex Künzle will nicht den Teufel an die Wand malen – aber Bierbrauen ist derzeit keine gefragte Kunst.

Hanspeter Bärtschi

Ab Donnerstag findet der erste Grossanlass in Solothurn nicht statt, der vom Lockdown betroffen ist. Wie fühlt man sich als Organisator der Solothurner Biertage?

Alex Künzle: Wir hatten schon einen Moment, um uns auf den «stillen Frühling» einzustellen. Es fühlt sich an wie ein Ziel, das langsam näher kommt, um sich dann plötzlich und völlig unerwartet in Nichts aufzulösen. Es hätte schlimmer kommen können. Zwar war viel Arbeit für die Katz, aber die Kosten, die hängen bleiben, halten sich in Grenzen, wir haben die Notbremse gezogen. Leider wird die ganze Stadt ein wenig in Mitleidenschaft gezogen, die Solothurner Biertage haben einige Aufträge für das hiesige Gewerbe ausgelöst und die Hotels der Region gefüllt.

Finden die Biertage-Fans irgendwo Trost?

Als zeitgemässes Trostpflaster ist unter dem Namen Biertage@home im Online-Shop www.bierliebe.ch ein Karton mit zwölf handverlesenen Bieren von Brauereien, die eigentlich dabei gewesen wären, erhältlich.

Eröffnung Biertage
37 Bilder
Das Logo der Biertage
Die Becher stehen bereit, mit Bier gefüllt zu werden.
Alex Künzle bei seiner Eröffnungsrede
Liedermacher Christian Schenker
Bier verbindet. Roberto Zanetti und Christian Imark
Alex Künzle und Ständerat Pirmin Bischof
Alex Künzle mit den Ständeräten Roberto Zanetti und Pirmin Bischof
Ständerat Pirmin Bischof in der Menge
Draussen werden die letzten Sonnenstrahlen genossen
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Eröffnung Biertage

Hanspeter Bärtschi

Bis zu 12000 Bierliebhaber strömten jeweils herbei, um die Braukunst von über 50 Kleinbrauereien zu geniessen. Könnten solche Massenanlässe künftig ein Dauerproblem haben – bereits wird ja über die Absage des Oktoberfests spekuliert?

Bestimmt wird das Virus unser Zusammenleben verändern. Kein Oktoberfest, keine HESO? YB und der FC Basel spielen in leeren Fussballstadien. Und die Konzerte? Ludwig van Beethoven oder die Toten Hosen nur noch ab Konserve, das alles wäre doch jammerschade!

Die Öufi-Brauerei unterhält dank der Biertage auch regen Kontakt zur Kleinbrauer-Szene in der Region und in der ganzen Schweiz. Wie sieht es mit den Überlebenschancen aus – die Biertage 2021 bräuchten ja auch teilnehmende Brauereien ...

Wir sind Optimisten. Die beiden internationalen Multis und die grossen Brauereien haben Reserven und werden die Krise dank staatlicher Hilfe überleben. Dasselbe gilt für die gut aufgestellten Neuen wie die Burgdörfer- oder die Öufi-Brauerei. Die ganz Kleinen und das sind die meisten der tausend neuen Schweizer Brauereien haben Ihre Investitionen mehrheitlich aus dem eigenen Sack bezahlt. Anstelle eines neuen Autos wurden Brauutensilien angeschafft. Hobby Bierbrauen macht Spass, bringt Anerkennung, neue Freunde und sogar ein bisschen Geld kommt herein. Die haut es nicht um, wenn es nicht rentiert. Heimbrauer hatten immer noch einen «richtigen Job» und haben höchstens ihr Erspartes verjubelt.

Die Frage stellt sich ganz explizit für das Unternehmen der Familie Künzle. Da hängen ja die Existenzen mehrerer Familienmitglieder drin.

Ohne gute Mitarbeiter würde das Familienunternehmen Öufi nicht funktionieren. Aber es stimmt, bei uns arbeiten sämtliche Familienmitglieder in der Braui. Unsere beiden Söhne brauen, die beiden Töchter sind für die Administration und die Grafik verantwortlich. Und wir Eltern sind eigentlich daran, uns zu pensionieren. Seit jeher investieren wir alles Verdiente in die Brauerei. Wenn die Gastronomie in naher Zukunft wieder aufmacht und sich das Leben langsam normalisiert, werden wir Corona überleben. Es wird aber Jahre dauern, bis die Lockdown-Schulden zurückbezahlt sind. Das Abwürgen der Wirtschaft wird uns laut Experten zudem nach dem Virus in eine Rezession führen.

Am Tag des Lockdown Mitte März lagerten Tausende Liter (noch) nicht getrunkenes Bier für den Offenausschank in Tanks und Keg’s. Fasnachtsbier für die Berner Fasnacht, das Fastenbier und andere. Was geschieht oder ist geschehen damit?

Die Alterung des Bieres beginnt erst, wenn es in Fässer oder Flaschen abgefüllt wird. Der Vorrat in unseren gekühlten Tanks im Keller behält seine Qualität für einige Zeit. Hingegen bleibt uns nichts anderes übrig, als das Bier in den zurückgenommenen Fässern in den Kanal zu leeren. Für das wunderbare Fastenbier im Drucktank suchen wir noch einen neuen Namen, denn niemand trinkt Fastenbier nach Ostern. Vorschläge bitte an die Brauerei ...

Zum Glück hat die Öufi- Brauerei vor einigen Jahren in eine eigene Flaschenabfüllanlage investiert. Hilft das jetzt, in dieser schwierigen Zeit – wie entwickelt sich der Bierabsatz im Detailhandel in der Krise?
Die Lebensmittel Läden sind die einzigen Kunden, die wir zurzeit beliefern dürfen. Wir sind den Solothurnern sehr dankbar, dass sie in dieser schwierigen Zeit beim Einkaufen vermehrt zu regionalen Produkten, auch zu unseren Bieren greifen. Der Detailhandel kann jedoch die durch den kompletten Ausfall von Hotellerie, Restaurants und den Festanlässen entstandenen Einbussen nicht ausgleichen.

Wichtige Bestandteile für den Umsatz einer Kleinbrauerei sind Events aber auch typische Sommer-Hotspots wie die Hafebar oder das «Solheure». Segmente, die bei der Öffnungsstrategie des Bundesrates wohl nicht ganz oben auf der Prioritätenliste stehen. Ein Grund, um melancholisch zu werden?
Schauen Sie sich dieses Wetter an. Seit drei Wochen Bierwetter vom Feinsten und wir dürfen nichts verkaufen. Die Hafebar, die Gartenwirtschaften, die Biergärten sind leer und öde. Natürlich verstehen wir das Hoffen der Bauern und Gärtner auf Regen, aber es ist schon hart.

Was passiert in der Brauerei selbst noch – Brauen auf Vorrat ist derzeit wohl kein Thema?

Wir versuchen, die Leute mit Revisionen wenigstens zum Teil zu beschäftigen. Der Biergarten wird auf den Sommer vorbereitet. Unsere Braumeister putzen, räumen auf, schleifen, streichen und verpacken eigenhändig Bierflaschen in Kartons. Wir haben jetzt viel Zeit für Arbeiten, die sonst eigentlich nur im Winter erledigt werden.

Biertrinken ist Geselligkeit. Gibt es Reaktionen von Öufi-Stammgästen auf den Lockdown?

Der digitale Stammtisch auf Whatsapp war offenbar kein echtes Kundenbedürfnis, den haben wir nach nur einer Woche wieder eingemottet. Wir mussten unsere Stammgäste aber darauf hinweisen, dass der tägliche Rampenverkauf dazu dient, die häuslichen Bierreserven zu ergänzen, aber keine Ersatzbeiz ist.

Liefert die Brauerei auf Wunsch auch nach Hause?

Nein, das überlassen wir denen, die es können, unseren Partnern im Getränkehandel. Wir unterhalten ausgezeichnete Geschäftsbeziehungen zu allen Getränkehändlern der Region. Seit kurzem bietet auch der legendäre Valser Heimdienst (Qwell) in Solothurn und Umgebung Öufi-Biere im Hauslieferdienst an. Mit den Leuten von Collectors Solothurn laufen Gespräche.

Bier als Antidepressivum? Was meint der diplomierte Drogist Alex Künzle dazu?

Medikamente gegen Depressionen sind problematisch, entweder sie nützen nicht viel oder sie machen abhängig. Bier löst keine Probleme, es wirkt eher als Schmiermittel für soziale Kontakte. Wenn die Unterhaltung stockt, hilft Bier oft schnell und zuverlässig, das Gespräch in Gang zu bringen.

Am 11. November könnte die Öufi-Brauerei ihr 20-jähriges Bestehen feiern. Nach dem heutigen Wissenstand – könnte oder kann?

Wir werden unser Jubiläum nicht unversehrt, aber lebend feiern. Es wird seine Zeit dauern, bis die Scharten ausgewetzt sind, die jetzt geschlagen werden. Unser Team hat sich in der Krise bewährt, der Zusammenhalt ist gewachsen. Wir sind uns bewusst geworden, wie sehr wir voneinander abhängig sind und wie gerne wir das tun, was wir am liebsten tun: feines Bier brauen und verkaufen.

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