Solothurn

Minus ein Café in der Vorstadt

Alexandra Gerber vor ihrem Café in der Vorstadt. Auch der Sessel steht zum Verkauf.

Alexandra Gerber vor ihrem Café in der Vorstadt. Auch der Sessel steht zum Verkauf.

Am 31. Juli wird das «Vorstadt Café» schliessen. Gastgeberin Alexandra Gerber erzählt, wieso sie keine Zukunft für ihr Café sieht.

Hinter der Bushaltestelle Vorstadt befindet sich das möglicherweise originellste Café Solothurns: das Vorstadt Café. Die Türe steht offen, ein schlichter Zettel weist darauf hin, dass sie ab dem 31. Juli geschlossen bleibt und zwar für immer. «Nein, ich schliesse nicht wegen Corona», erklärt die Gastgeberin Alexandra Gerber.

Sie steht hinter dem Tresen und bereitet mit routinierten Griffen zwei Cappuccinos zu. Soeben haben sich zwei Herren an einen der drei Tischen gesetzt. An den Stühlen und Tischen kleben kleine Preisschilder – hier gibt es nicht nur Kaffee und Kuchen, sondern das ganze Inventar steht zum Verkauf. «Als ich das Café übernommen habe, entwickelte ich dieses Konzept», so Gerber. Die studierte Hotelfachfrau weiss, dass es für ein funktionierendes Geschäft mehr braucht, als eine Kaffeemaschine. «Die Gastronomie ist eine schöne, aber harte Branche.»

Ein Kleinbetrieb kämpft mit den Auflagen des Bundes

Diese Härte hat sie jetzt am eigenen Leibe erfahren. Anfang dieses Jahres ging es bergauf mit dem Geschäft. Ihre Zukunft sah gut aus. Dann wurde dieser Aufschwung durch den Lockdown unterbrochen. «Frühling ist immer eine gute Jahreszeit, deswegen war die Schliessung sehr hart. Ein Take-away war keine Alternative. Ich habe dann die Rechnung gemacht und nach reiflicher Überlegung bin ich zum Schluss gekommen, dass ich nicht mehr bereit bin, den nötigen Einsatz unter den gegebenen Bedingungen zu erbringen.»

Denn die Auflagen des Bundes hätten sie gezwungen, zwei der sechs Tische zu räumen. Das sind acht von 18 Plätzen. Eine Aussenbestuhlung wäre aufgrund der Mehrkosten keine Option. Zudem hätte sie im August wegen Renovationsarbeiten für einige Wochen schliessen müssen. So entschloss sie sich, ihr Café nur noch für den Schlussverkauf zu öffnen. «Nein, traurig bin ich nicht. Ich freue mich jetzt darauf, mehr Zeit für mich zu habe.» Ausserdem: «Für mich war es schon immer klar, dass es schwierig sein wird, sich an einem Ort zu etablieren, wo man sich an alte Strukturen klammert.»

Mit der Schwester das Lokal eröffnet

Die geborene Zuchwilerin hat nach der Hotelfachschule an mehreren Orten in der Schweiz und im Ausland gearbeitet und fühlte sich nicht mehr in Solothurn verankert. Ihre Schwester hingegen schon und sie war enthusiastisch in der ehemaligen Kleiderboutique ein Café mit einer Geschenkboutique im Nebenladen zu eröffnen. Das war 2014 und das Geschäft war auf Erfolgskurs. «Es braucht immer viel Zeit, bis man eine Stammkundschaft aufgebaut hat, aber die Idee funktionierte.»

Doch ihre Schwester hatte diese Zeit nicht: Nur gerade 15 Monate nach der Geschäftseröffnung stirbt sie unerwartet. Gerber stand plötzlich mit zwei Läden und einem fünfjährigen Mietvertrag da. Sie war gezwungen, die Geschenkboutique aufzugeben und sich auf das Café zu konzentrieren. «Ich finde Inneneinrichtung mit alten Möbeln spannend», erklärt sie. Sie zeigt auf zwei pompöse Sessel: «So kam ich auf die Idee neben Kaffee und Kuchen auch Geschirr aus alter Zeit und Louis XV–Möbel zu verkaufen.» Heute kann man aber von Geschenkpapier bis Christbaumschmuck über Teppiche alles kaufen.

Was die Dinge gemein haben: Sie sind nicht teuer. «Auch mein Kaffee ist bezahlbar, was meiner Schwester immer wichtig war», sagt Gerber. So können Leute mit einem schmalen Budget bei ihr einkehren. «Wissen sie, Altersarmut ist eine traurige Realität», sagt sie nachdenklich. Sie habe als Gastgeberin viel mitbekommen.

Viele Leute haben sich ihr anvertraut und ihr Schicksal mit ihr geteilt. «Meine Stammgäste sind enttäuscht, dass ich schliesse und ich werde sie vermissen. Ich habe mit ihnen viele schöne Stunden mit tollen Gesprächen erlebt. Wer ins Vorstadt Café kommt, muss seinen Kaffee nicht alleine trinken. Ich bin meinen Gästen, welche ich in den vergangenen Jahren kennen lernen durfte, sehr dankbar.» Das erste Mal hat man das Gefühl, dass sie ihre Entscheidung doch ein wenig bedauert.

Trotz idealen Bedingungen kein Leben in der Vorstadt

Für sie ist es aber klar, dass sie nicht mehr weitermachen will. Denn sie habe in den letzten sechs Jahren keine markante Verbesserung in der Vorstadt bemerkt. «Wenn es links und rechts kein Leben gibt und Lokale leer stehen, dann ist es schwierig, ein Geschäft aufzubauen», sagt sie. Die fehlende Laufkundschaft sei schon lange ein Problem in der Vorstadt und sie glaube nicht, dass sich das in absehbarer Zeit ändern wird. Gerber dazu: «Es bräuchte ein Umdenken. Die Vorstadt wird heute noch als die ‹mindere Stadt› bezeichnet. Mit dieser Einstellung ist ein nachhaltiger Aufschwung nicht möglich.» Das sei sehr schade, denn die Strasse vor ihrem Kafi wäre prädestiniert für eine Flaniermeile.

Sie sei nicht zu lange und gut angebunden. «Auch das Parkhaus ist ein Geschenk.» Die Strasse müsse nicht zwingend vom Verkehr befreit werden, sondern das Angebot müsse sich diversifizieren: Es müssen mehr Anziehungspunkte, welche zum Flanieren einladen, geschaffen werden, wie beispielsweise Kleider- oder Schuhläden. Jetzt habe es aber zu viele Restaurants, Beautysalons und Büros. «Sie haben alle ihre Daseinsberechtigung, aber es muss auch noch anderes geben, bei dem die Kunden Wiederkommen», meint sie bestimmt. Nach sechs Jahren ohne merkbare Veränderung hat sie genug.

Sie ist froh, dass in ihrem Laden im September ein italienischer Spezialitätenladen reinkommen wird. «Ein Tagesgeschäft, das es in dieser Strasse noch nicht gibt.» Jetzt wird sie noch bis nächste Woche in ihrem Café stehen. Und was dann? «Ich finde immer wieder etwas, das mir Freude bereitet», sagt sie schmunzelnd und fast schon geheimnisvoll.

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