Konjunktur
Jens Korte: «USA sind überfüttert und überschuldet»

Wall-Street-Mann Jens Korte zeichnet bei seinem Auftritt im Solothurner Landhaus ein rosiges Bild für die US-Wirtschaft. Aber die Bevölkerungsmehrheit partizipiere nicht am Aufschwung.

Franz Schaible
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Jens Korte: «Die USA haben ein ernsthaftes Gesundheitsproblem.» (Archiv)

Jens Korte: «Die USA haben ein ernsthaftes Gesundheitsproblem.» (Archiv)

Solothurner Zeitung

Der Mann hat eine enorme Sogkraft. Auch bei seinem dritten Auftritt innert fünf Jahren im Auftrag der Berner Kantonalbank lockte Jens Korte über 500 Männer und Frauen ins Solothurner Landhaus. Der mächtige Schlussapplaus erinnerte eher an eine Huldigung an einen Musiker oder Kabarettisten. Korte ist aber keines von beiden. Er ist schlicht ein Journalist – und ein profunder Kenner des Finanz- und Wirtschaftsplatzes USA.

Seine Popularität fusst sicherlich auf seiner Tätigkeit als Wall-Street-Korrespondent für das Schweizer Fernsehen, Radio und mehrere Tages- und Wochenzeitungen. Das allein genügt aber nicht, um die Säle landauf landab zu füllen. «Jens Korte berichtet gelassen, authentisch, kompetent und trotzdem packend über die grösste Volkswirtschaft der Welt», kündigte Stefan Gerber, Mitglied der Geschäftsleitung der Berner Kantonalbank, denn auch den Mann von der Wall Street an.

«Amerikas Schein und Sein» – darüber referierte Korte und machte klar: «Um die USA steht es gar nicht schlecht» – um dann doch damit zu beginnen, was «wrong» läuft. Das Land habe ein ernsthaftes Gesundheitsproblem, es sei «überzuckert.» Zwölf Prozent der US-Soldaten seien schwer übergewichtig und in jedem Bundesstaat sei mindestens ein Fünftel der Bevölkerung in höchstem Masse «überfuttert». Und das Volk sei gleichzeitig schwer überschuldet. Korte ist warmgelaufen, kommentiert Tabellen und Grafiken. Die Hypothekarschulden betragen 8000 Milliarden, die sogenannten Studentenkredite 1100 Milliarden, die Autokredite 900 Milliarden und bei den Kreditkarten stehen die Amerikaner mit 670 Milliarden Dollar in der Kreide.

Wirtschaft wächst

Trotzdem zeichnete Korte ein rosiges Konjunkturbild. Die Wirtschaft sei im dritten Quartal 2014 mit 3,5 Prozent überraschend stark gewachsen. Haupttreiber waren die Konsumausgaben (Wer hat das was von Schulden gesagt?). Die Konsumentenstimmung sei so positiv, wie seit 2007 nicht mehr und die Arbeitslosenquote sei von zehn Prozent 2010 auf aktuell sechs Prozent gesunken. «Sogar die Löhne sind am steigen.»

Das führte Jens Korte zur Frage: «Was machen die USA besser?» Das Land sei extrem innovativ, antwortete er gleich selbst; insbesondere im Bereich der modernen Informations- und Kommunikationstechnologien. Gerade im Gesundheitsmarkt und im Finanzsektor gebe es ein hohes Potenzial für Informationstechnologien. Hier habe Europa den Trend «verschlafen». Ferner sei es dank der hohen Bereitschaft, Risiken einzugehen, relativ einfach für Start-ups, Gelder für die Entwicklung und Expansion zu erhalten. Als weiteren Pluspunkt nannte Korte den Energieboom. Dank der Ölförderung mittels Fracking aus Schiefergestein werde Amerika im kommenden Jahr zum weltweit grössten Erdölproduzenten. Diese führe zu sehr tiefen Energiepreisen, was den Standort USA attraktiv mache.

Schere zwischen Arm und Reich

Zurück zum Titel des Referats. «Das Sein ist real, der Schein aber auch», meinte Korte. «Die Schere zwischen Arm und Reich öffnet sich weiter. Heute besitzen 3 Prozent der Amerikaner über 50 Prozent des Vermögens und 90 Prozent einen Viertel.» Ein Grund sei die Nullzinspolitik der Notenbank. Die Geldflut habe zwar für einen Schub an den Aktienmärkten gesorgt. Davon profitierten die Aktionäre, also jener Teil der Bevölkerung, der schon Vermögen habe. Und dieser Anteil nimmt ab. Noch 2001 hätten 21 Prozent der Haushalte direkt in Aktien investiert, heute seien es noch 14 Prozent. «Längst nicht alle Amerikaner partizipieren am Aufschwung. Dem Grossteil der Bevölkerung geht es trotz Wirtschaftswachstum nicht besser.» Das berge sozialen Zündstoff.

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