Filmtage
Für einmal drücken die Schüler den Kinosessel statt die Schulbank

Seit über 20 Jahren gehören die Vorführungen für Schulen zum Angebot der Solothurner Filmtage. Das filmpädagogische Angebot will den Schülern den Schweizer Film näher bringen und es möglich machen, einmal mit Filmschaffenden ins Gespräch zu kommen.

Andreas Kaufmann
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Dieter Fahrer schildert den jungen Leuten seine Erlebnisse beim Drehen des Dokumentarfilms «Thorberg».

Dieter Fahrer schildert den jungen Leuten seine Erlebnisse beim Drehen des Dokumentarfilms «Thorberg».

Andreas Kaufmann

«Thorberg» erzählt von Stacheldraht und Gitterstäben, von tätowierten Insassen und von blutigen Spuren, die in die Vergangenheit führen. Doch es ist kein popcornverträglicher Streifen aus der Hollywoodschmiede, den die Jugendlichen im Canva Blue vorgesetzt bekommen.

Der Film von Dieter Fahrer, der anlässlich der Filmtage auch in Vorstellungen für Schulklassen zu sehen ist, nimmt während 105 Minuten das Berner Hochsicherheitsgefängnis in den Blick. Und dies sehr kritisch, wie der persönlich anwesende Regisseur Dieter Fahrer nach der Vorstellung unmissverständlich nachdoppelt: «Der Thorberg ist keine gute Adresse», weiss er.

«Angst hatte ich im Thorberg nie»

Bilder gehen den jungen Menschen durch den Kopf. Geschichten von Insassen, denen eine Stunde pro Tag an der freien Luft gewährt wird oder die monatlich ganze fünf Stunden lang mit ihren Liebsten verweilen dürfen. Fahrer hatte bei der Produktion seines Films einen grosszügigen Einblick hinter die Gefängnismauern erhalten – der Zutritt wurde ihm fast nirgends verwehrt. «Hatten Sie Angst im Gefängnis?», will jemand aus den Zuschauerreihen wissen. «Ich war oft verzweifelt, traurig, habe auch Tränen vergossen», meint Fahrer, «nur Angst hatte ich während dieser Zeit nie.»

Und der kritischen Bemerkung «Schwerverbrecher haben doch harte Strafen verdient», hält er entgegen, dass auch der allerliebste Kerl – wie im Film porträtiert – zum Auftragskiller werden könne: «Mit einem Fuss stehen wir alle im Knast», sagts und verdeutlicht, wie leicht es sei, bei sonst besten Absichten auf die schiefe Bahn zu geraten. Er selbst hatte als Dienstverweigerer schon mit der anderen Seite der Gitterstäbe vorlieb nehmen müssen. Vielleicht auch deshalb ist ihm der Zugang zu den Insassen nicht so schwer gefallen: «Ich konnte ihnen schnell klarmachen, dass ich nicht als Richter oder Pfarrer ins Gefängnis komme.» Es sei ihm aber auch schnell klar geworden, dass jene, die bereitwillig vor der Kamera Auskunft gaben, nicht immer die richtigen dafür waren.

Der Schweizer Film ist nicht uncool

Seit rund zehn Jahren wirkt Peter Ackermann von der Filmtage-Geschäftsleitung bei den geschlossenen Schulvorführungen mit, zunächst rein organisatorisch und seit diesem Jahr auch als Moderator: «Als Berufsschullehrer habe ich natürlich Bezug zu dieser Zielgruppe.» Doch welche Zwecke verfolgt man mit diesem filmpädagogischen Angebot? «Es geht uns darum, den Schweizer Film näher zu bringen und der falschen Vorstellung entgegenzuhalten, dass alles was nicht aus Hollywood stammt, uncool sei.» Darüber hinaus sei es auch spannend für die Jugendlichen, mal mit einem Regisseur oder zeitweise auch mit einem Schauspieler ins Gespräch zu kommen. Dabei entdecken sie dann oft auch, wieviel Zeit, Aufwand und auch Geld hinter einem Filmprojekt stehen.

Dem pädagogischen Angebot sind auch Pfarrer Andreas Schibler und seine Konfirmationsklasse aus Uetendorf gefolgt. Schibler pflegt als ehemaliger Solothurner Kantischüler gute Kontakte zu den Filmtagen. Im Rahmen von Projekttagen zur Vorbereitung auf die Konfirmation sei man auf die Filmtage gekommen – im Speziellen auf den Film «Thorberg». «Das Thema Kriminalität interessiert die Jugendlichen», so Schibler. Und auch das Filmische an und für sich ist für die Konfirmanden zwischen 14 und 15 Jahren aktuell: «Sie machen zurzeit selbst einen Spielfilm nach eigenem Drehbuch. Dabei geht es um das Arbeiten in der Gruppe.»

Filme schauen und darüber reden

Zum Abschluss des filmischen Vormittags wird im Alten Spital das Gesehene reflektiert: Was ist hängengeblieben? Ist der Strafvollzug eher Rache am oder Lerneffekt für den Häftling? Was fehlt den Insassen im Thorberg? Und wie hart soll das Gesetz mit den Verurteilten umspringen? Der 15-jährige Dominic Bigler fand den Film gut: «Er gehört halt zu jenen, die man nicht alltäglich sieht.» Doch auch er könnte sich durchaus vorstellen, sich bald wieder einen Dokumentarfilm anzuschauen.

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