Stadttheater Solothurn
Eröffnet wird mit witzigem und beklemmendem «Besuch der alten Dame»

Mit einer unter die Haut gehenden Inszenierung des Dürrenmatt-Klassikers «Der Besuch der alten Dame» eröffnet das Theater und Orchester Biel Solothurn (Tobs) die neue Schauspielsaison.

Fränzi Zwahlen-Saner
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Barbara Grimm überzeugt als Claire Zachanassian. Zerrissenheit, Verbitterung und Boshaftigkeit dringen aus Stimme und Körpersprache.

Barbara Grimm überzeugt als Claire Zachanassian. Zerrissenheit, Verbitterung und Boshaftigkeit dringen aus Stimme und Körpersprache.

Ilja Mess

Barbara Grimm als Claire Zachanassian – diese Affiche liess schon bei der Ankündigung des Programms der Theatersaison 2015/16 des Tobs aufhorchen. Es ist ja die logische Konsequenz eines weiblichen Schauspielerlebens, dass diese Rolle in Dürrenmatts Klassiker «Der Besuch der alten Dame» Bestandteil des Repertoires wird.

Entsprechend hoch war die Erwartung des Publikums, das am Freitagabend zur Saisoneröffnung des Solothurner Stadttheaters strömte. Und um es gleich vorwegzunehmen: Alle verliessen nach fast zweieinhalb Stunden das Theater höchst zufrieden. Einerseits gut unterhalten, anderseits nachdenklich geworden. Was will man als Theaterschaffender mehr.

Tatsächlich schaffte es Regisseurin und Schauspielchefin Katharina Rupp, mit ihrer Inszenierung einige neue und überraschende Elemente in die Tragikomödie einzubauen. Da war zunächst die Figur des Butlers «Bobbi», der – gespielt von Lou Elias Bihler – als eine Art Conférencier erzählend und singend mit viel Charme und Drive durchs Stück führte. Gleichzeitig besetzte er auch seine Rolle.

Witzig-entlarvend der Regie-Einfall, die Verschuldung der Güllener durch einen erfundenen, modernen Konsumtempel darzustellen, der sehr stark an einen bekannten realen Online-Dienst erinnert. Dürrenmatt hätte seine Freude daran gehabt. Besonders beklemmend dann am Schluss die Gemeindeversammlungsszene, in der das Publikum ins Abstimmungsprozedere – Tod für Ill oder nicht – ganz real eingebunden wird.

Zurück zur «Alten Dame», die für den Tod ihres ehemaligen Liebhabers Alfred Ill den verschuldeten Einwohnern von Güllen eine Milliarde bezahlen will. Barbara Grimm überzeugt in dieser Rolle. Zerrissenheit und Verbitterung, besonders auch Boshaftigkeit dringen aus Stimme und Körpersprache. Viel hilft ihr ihre Kleidung und Frisur. In einer Szene bewies sie besonders viel Mut, sich so, als nicht mehr ganz junge Frau, auf der Bühne zu zeigen.

Dem Part des Alfred Ill bringt man in der Verkörperung von Mario Gremlich viel Sympathie entgegen. Panisch beherrscht er die Bühne im ersten Teil der Geschichte, als er realisiert, dass sein Tod tatsächlich möglich wird. Lethargie und Abgeklärtheit machen sich dann im zweiten Teil breit, als er erkennt, dass alles verloren ist. Überzeugend auch Christian Dieterle als Bürgermeister, der seine Feigheit hinter politischen Phrasen und seinem Amt zu verstecken sucht. Sein Verbündeter, der Polizist, wird gespielt von Jan-Philip Walter Heinzel.

Einige Schauspieler übernahmen in diesem Viel-Personenstück gleich mehrere Rollen. Tim Mackenbrock in der Hauptsache als Lehrer, der sich hinter humanistischen Phrasen versteckt, Dimitri Stapfer hauptsächlich als bigotter Pfarrer, dem eine neue Glocke dann eben doch wichtiger ist als die Not seines Schäfchens Ill. Atina Tabé ist Ärztin, Journalistin und Architektin, Natalina Muggli Zugführerin, Sekretärin. Gar Laienschauspieler fügten sich sensationell ins Ensemble ein: Franz Grimm, Sam Kueti, Margot Pfluger und Milena Zaharieva Esposito.

Wichtig ist es bei der «alten Dame», dass die moralische Wandlung der Protagonisten von der Empörtheit über das Angebot der Zachanassian hin zum Legitimieren eines gemeinschaftlichen Mordes erkennbar ist. Da muss das Bühnenbild spartanisch, die Kostüme zurückhaltend bleiben. Auch das wird in dieser Inszenierung, die aber einige der neuen technischen Möglichkeiten der Bühne in Solothurn einsetzt, erfüllt. Cornelia Brun ist dafür verantwortlich.

Nächste Aufführungen: 10. 9., 23. 9., 2. 10., 10. 10., 17. 11. Premiere in Biel: 13. 10.

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