Solothurn
Eine Wunsch-Villa wird für die Familie Vidal zum Albtraum

Die Familie Vidal kaufte sich am Sälirain in Solothurn ihr Traum-Haus. Doch bereits ein Jahr später muss die vierköpfige Familie ausziehen. Jetzt muss sie sich gegen Vorwürfe von vielen Seiten wehren.

Wolfgang Wagmann
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Die Villa wurde 1961 erbaut und seither kaum verändert
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Ludervilla am Sälirain in Solothurn
Das Haus hat einige Mängel Ein Wasserschaden und Schimmelpilzbefall, nötige Asbestsanierung, Einsturzgefahr des Balkons, zerstörte Kanalisation sowie eine mangelnde Wärmedämmung der Gebäudehülle.
Deswegen musste die «Ludervilla» verlassen werden

Die Villa wurde 1961 erbaut und seither kaum verändert

Wolfgang Wagmann

2012 schien sich für Carlos und Nadine Vidal ein Traum zu erfüllen: Sie hatten am Sälirain die Villa des ehemaligen Stadtbaumeisters Hans Luder erworben. Das ziemlich versteckte, geräumige, aber schlicht gehaltene Haus mit Baujahr 1961 habe er «im Wissen um seinen emotionalen Wert» gekauft und mit seiner Familie bezogen, betont Vidal.

Die Freude über den «Oldtimer», der weitgehend in seiner bisherigen Form erhalten bleiben sollte, war jedoch von kurzer Dauer: Ein Wasserschaden und Schimmelpilzbefall setzte die Familie mit zwei schulpflichtigen Kinder im September 2013 unter Zugzwang.

Nadine Vidal: «Innert zwei Wochen musste ich ein Zehnzimmer-Haus räumen.» Vidals fanden vorerst eine Wohnung in der Altstadt, später durch «einen Glücksfall» wieder eine Bleibe im Steingrubenquartier. Doch um die verlassene Villa hatte inzwischen ein Tauziehen eingesetzt.

Gutachten um Gutachten

Für Carlos Vidal war der Vorfall in der seit 1961 kaum veränderten Villa ein klarer Bauschaden. Bei der Aufnahme der Schäden zeigte sich die Notwendigkeit einer Asbestsanierung, und nun wurden auch Teile der Inneneinrichtung wie eine Holzwand oder Böden wegen des Wasserschadens entfernt.

Weitere Mängel gesellten sich dazu: Einsturzgefahr des Balkons, eine zerstörte Kanalisation sowie eine mangelnde Wärmedämmung der Gebäudehülle. Die Familie Vidal beauftragte nun ein auswärtiges Planungsbüro, Sanierungsvarianten auszuarbeiten. Doch erwies sich bald einmal, das die originalen Fensterfronten ersetzt werden müssten. «Das Büro haben wir auch auf Empfehlung der Denkmalpflege ausgewählt», erklärt Carlos Vidal.

Diese – Denkmalpfleger Stefan Blank kümmerte sich persönlich um die Villa – stimmte dem Fensterersatz ungern zu. In einem weiteren Schritt hatten die Eigentümer vom gleichen Büro ein Gesamtumbau-Projekt erarbeiten lassen. «Die Kosten wären aber unverhältnismässig hoch gewesen», so Vidal. Deshalb erwogen Vidals ein Abrissgesuch. «Schlaft nochmals darüber», habe ihnen die Denkmalpflege darauf geraten.

Denkmalpflege stimmt Abriss zu

Doch günstiger wurde das Umbau-Projekt trotz der Prüfung mehrerer Varianten nicht und so entschloss sich die Familie Vidal das Abrissgesuch für ihre längst verlassene Villa einzureichen. Die Publikation im November 2015 löste verschiedene Aktivitäten aus. Die Dankmalpflege hatte schon zuvor in eine Schreiben ans Stadtbauamt bedauert, dass das Haus abgerissen werde.

Sei es doch aufgrund «seiner architektonischen und architekturhistorischen Bedeutung» im Buch «Baukultur im Kanton Solothurn 1940 - 1980. Ein Inventar zur Architektur der Nachkriegsmoderne» von Autor Michael Hanyak als «einzigartig» eingestuft worden. Denkmalpfleger Stefan Blank rügt dann die Entfernung von Hauseinrichtungen bedingt durch den Wasserschaden als «voreilig» und «unverhältnismässig», womit «ein erheblicher Substanzverlust» eingetreten sei.

Zwar hätte man das Haus gerne unter Schutz gestellt und einen Beitrag geleistet, doch mit der Sanierung der Fensterfront weise das Haus nur noch einen geringen Anteil an originaler Bausubstanz auf. Deshalb stimme man, auch aufgrund der fachlichen Vorabklärungen, dem Abriss zu.

Eine Front kommt ins Rollen

Doch auf das Abrissgesuch formierte sich eine breite Front aus der weiteren Nachbarschaft, einigen bekannten Architekten, Kunstschaffenden und Raumplanern. 19 Namen zieren die Einsprache gegen den Abriss der Villa. Sie werfen der Familie Vidal vor, die Villa sukzessive vernachlässigt zu haben.

Der Schimmelbefall sei nicht der Grund für den «katastrophalen Zustand des Hauses», Teile der Inneneinrichtung seien schon zuvor entfernt worden. Die Einsprecher verlangen deshalb eine unabhängige Einschätzung des Sachverhalts in der Hoffnung, dass sich daraus ein Argumentarium ableiten lasse, «wie man zukünftig denkmalwerte Gebäude oder Anlagen von gesellschaftlichem Interesse ... vor dem Vorgehen wie in diesem Fall schützen kann.»

P-Motion verlangt mehr Schutz für Kulturdenkmäler

Die SP-Motion von Erstunterzeichner Philippe JeanRichard ist insofern brisant, weil dieser als Vizepräsident der Baukommission amtet. Dass er eine Aktion gegen das Abrissgesuch «koordiniert» habe, stösst nicht nur Carlos Vidal, sondern auch FDP-Parteipräsident Urs Unterlerchner auf. Beide meinen, JeanRichard könnte das Amtsgeheimnis verletzt haben und müsste deshalb im Gemeinderat allenfalls in den Ausstand treten.
Materiell will die Motion das Stadtpräsidium beauftragen, ein Inventar der erhaltenswerten und schützenswerten historischen Kulturgüter zu erstellen und laufend zu aktualisieren. Vor allem aber seien diese Objekte «rechtlich und grundeigentümerverbindlich» im Bau- und Zonenregelement zu sichern. Explizit erwähnt wird im Motionstext der geplante Abriss der Ludervilla, «garniert» mit Vorwürfen an die Eigentümer. Zwar hält der Motionär fest, dass keine rechtliche Grundlage zur Verhinderung des Abbruchs bestehe, doch bringt er in diesem Zusammenhang die Idee auf, diese «baurechtliche Lücke» bis Inkrafttreten der Ortsplanungsrevision mit einem «Zeichen» in der Form eines Moratoriums zu schliessen – also das Sistieren von Abrissbegehren zu inventarisierten Objekten.
In seiner Antwort hält das Stadtpräsidium fest, dass im 1995 erstellten Inventar des Kantons 90 Objekte als schützenswert, 650 als erhaltenswert eingetragen seien. Zwar regle das gültige Bau- und Zonenreglement der Stadt nicht, wie mit solchen Objekten umgegangen werden müsse. Dennoch bestehe «keine Lücke in der Gesetzgebung, da der Umgang mit geschützten, schützenswerten und erhaltenswerten Bauten in der Kantonalen Verordnung über den Schutz der historischen Kulturdenkmäler von 1995 geregelt ist.» Auch könne der Gemeinderat bereits jetzt eine Unterschutzstellung verfügen. Auf den «Fall Ludervilla» geht Kurt Fluri, da es sich um ein Laufendes Verfahren handelt, gar nicht ein, erwähnt ihn jedoch in seiner Antwort. In der Erarbeitung der Ortsplanungsrevision würden ohnehin die Schutzbestimmungen überprüft. Neue Schutzverfügungen seien jedoch wegen der zu erwartenden Einsprachenflut nicht geplant. Im übrigen empfiehlt Fluri dem Gemeinderat, nicht auf die Motion einzutreten. (ww)

Zusätzlich reichte die SP eine Motion ein (vgl.Kasten), die von der Stadt die Inventarisierung erhaltens- und schützenswerter Objekte und ihre grundeigentümerverbindliche Sicherung verlangt. Und mit dem Seitenblick auf die Villa sogar den Begriff «Moratorium» braucht.
Die Familie Vidal ist konsterniert über die Vorwürfe. «Wir haben das Haus nie als Spekulationsobjekt gesehen, sondern wollten es bewohnen.»

Sie hat deshalb – inzwischen sind immense Planung-, Sanierungs- und Gutachtenskosten aufgelaufen – zwei Anwaltsbüros eingeschaltet. Dabei geht es dem Ehepaar auch um seinen Ruf – allenfalls wollen sie gegen die Einsprecher auch rechtliche Schritte unternehmen. Denn für Nadine Vidal steht nach zweieinhalb sehr belastenden Jahren fest: «Das Ganze ist für uns eine einzige Familientragödie.»

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