Solothurn
Eine schrecklich nette Familie zerstört sich selbst

Das Ensemble der Mausefalle hat sich an das Familienepos «August: Osage County» von Tracy Letts gewagt und ist dem Drama in jeder Hinsicht gerecht geworden - obwohl das Stück für jeden Schauspieler eine besondere Herausforderung ist.

Helmuth Zipperlen
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Theater Mausefalle

Theater Mausefalle

Solothurner Zeitung

Der am 4. Juli 1965 als Sohn des Schauspielers Dennis Letts und der Bestsellerautorin Billie Letts geborene Autor Tracy Letts dürfte weitgehend unbekannt sein, obwohl er sowohl als Dramatiker und als Schauspieler bereits für verschiedene amerikanische Theaterpreise nominiert worden ist. Das vorliegende Werk konnte 2008 zwei der begehrten Preise gewinnen. Als Schauspieler ist uns Letts zuletzt in den Filmen «Lady Bird» und «The Post» begegnet.

Das vorliegende Bühnenstück mit seinem dramatischen Aufbau und seinem demaskierenden Inhalt erinnert unwillkürlich an die Dramen von Tennessee Williams oder John Steinbeck. Es enthält Rollen, die zu spielen, für jeden Schauspieler oder in diesem Fall jeder Schauspielerin eine Herausforderung ist. Jede Figur hat ihren eigenen ganz besonderen Charakter.

Deshalb hat das Drama auch im deutschen Sprachraum (Übersetzung: Anna Opel) seinen Siegeszug auf fast allen grossen Bühnen wie im Burgtheater und anderen angetreten. Allerdings unter dem eingedeutschten Titel «Eine Familie». Natürlich geht es um eine Familie, die sich im Laufe der Handlung selbst zerstört so dass im wahrsten Sinne des Wortes am Ende nur noch Scherben übrigbleiben, doch ist der Originaltitel treffender.

Eine Familie mit Geheimnissen
August ist es, heiss und schwül. Osage County, ein Kaff in der amerikanischen Provinz (Oklahoma), aus dem auszubrechen nach New York oder Miami wünschenswert ist. Weil der zum Alkoholiker gewordene ehemals gefeierte Schriftsteller Beverly Weston spurlos verschwunden ist, versammelt sich die Familie im Elternhaus.

Letts vermeidet das Klischee, zuerst eine vordergründig harmonische Musterfamilie zu zeigen, von der allmählich der Glanz abblättert und unerwartete Abgründe sich auftun. Hier wird bereits in der Eingangssequenz klar, dass bei den Westons einiges nicht stimmt. Mutter Violet und ihre drei Töchter Barbara, Ivy und Karen dominieren die Handlung. Violet ist tablettensüchtig, krebskrank und will als Matriarchin über die Familie herrschen.

Barbara ist ihr charakterlich am nächsten, was nicht nur zum sprachlichen Schlagabtausch führt. Zudem ist sie verbittert, weil sich ihr Mann Bill in eine Studentin verliebt und sich von ihr getrennt hat. Im Hause Weston versuchen sie die Fassade als Ehepaar zu wahren. Karen ist Immobilienmaklerin und frisch verliebt in einen bereits dreimal geschiedenen Schürzenjäger. Ivy möchte sich nach New York absetzen mit Little Charlie, ihrem Neffen, was Entrüstung auslöst, weil sie dann nicht mehr für die Pflege von Violet zur Verfügung steht.

Schwarzer Humor - trotz Tragik
Auch die Ehe von Violets Schwester Mattie Fae Aiken und ihrem Mann Charlie, den Eltern von Little Charlie, weist tiefe Risse auf. Barbaras Tochter Jean übertüncht ihr Leid durch die familiäre Situation mit dem Genuss von Haschisch. Wichtige Nebenfiguren sind die Haushälterin Johnna und der Sheriff.
Diese an sich tragische Geschichte wird von Letts aber mit viel (schwarzem) Humor serviert, so dass die Aufführung trotz ihrer Länge keine Minute langweilig wirkt. Unter der Regie von Janine Frey, Franziska Glutz und Melanie Egger (die beiden Letzteren auch für die Technik verantwortlich) verkörpern Rebecca Jutzi, Sofia Mesàros, Daniel Tschumi, Alina Ebner, Tanja Krieg, Jana Zimmermann, Zora Drieghe, Sven Witmer, Flavio Ackermann, Samira Oulouda, Patrick Streit und Silvan Andraschko die anspruchsvollen Rollen packend. Das zahlreiche Publikum bedankte sich bei diesem mitreissend agierenden Ensemble mit starkem Applaus.

Nächste Aufführungen: Fr. 9. Nov. 20 Uhr, So. 11. Nov. 17 Uhr, Sa. 17. Nov. 20 Uhr, So. 18. Nov. 17 Uhr, Fr./Sa. 23./24. Nov. Je 20 Uhr