Solothurn

Der Held von Solothurn: «Die Orgel sah man nicht mehr»

Fredy Tschumi war der erste Feuerwehrmann an Ort und Stelle, um den Brand in der Kathedrale zu löschen. (Foto: Wolfgang Wagmann)

Fredy Tschumi war der erste Feuerwehrmann an Ort und Stelle, um den Brand in der Kathedrale zu löschen. (Foto: Wolfgang Wagmann)

Ein Mann traf am Mittwochvormittag «aus dem Bauch heraus» den Entscheid, der vielleicht die St.-Ursen-Kathedrale vor noch grösseren Schäden bewahrte: Fredy Tschumi war als erster an der Brandstelle.

Es ist ein kalter, grauer Vormittag, dieser 4. Januar 2011. Fredy Tschumi, der 45-jährige Adjunkt des Amtes für Zivilschutz und Feuerwehr sitzt in seinem Büro oberhalb des Baseltorkreisels. Im Rücken grüsst durchs Fenster St. Ursen, nur gut 100 Meter vom Bürogebäude entfernt, das in den ersten zwei Stockwerken auch die Stadtpolizei beherbergt.

Um punkt 10.01 Uhr ist es mit dem ruhigen Büroalltag plötzlich vorbei. Alarm! «Er kam über den Pager rein. Und in diesem Fall führen wir sofort ein kurzes Konferenzgespräch unter den Offizieren.» Fredy Tschumi ist Oberleutnant der Stützpunktfeuerwehr und weiss genau, was in diesem Moment zu tun ist. Er stürmt das Treppenhaus hinab. «Normalerweise rücken wir beim Stützpunkt ein.» Doch noch bevor er das Haus verlässt entscheidet sich Fredy Tschumi anders.

Statt hinaus an die Grenchenstrasse zu fahren und die Ausrüstung zu fassen, teilt er dem Kommandanten per Natel mit: «Ich gehe direkt rüber in die Kathedrale.» Die Einsatzleitung hat nichts dagegen, und wenige Augenblicke später trifft Tschumi beim Nordeingang von St. Ursen ein. «Dort traf ich Domsakristan Bruno Emmenegger und Kirchgemeindeverwalter Roland Rey mit dem Mann, von dem auch ich nie geglaubt hätte, dass er der Täter sein könnte. Ich fragte Emmenegger, wo der nächste Feuerlöscher sei.»

Keine Zeit für Emotionen

Im Chor brannten die zehn Liter Benzin bereits lichterloh und mit ihnen der Altartisch und der Teppich. Nein, es sei kein Problem gewesen, das Feuer zu umgehen. Denn das war notwendig, damit Fredy Tschumi in der Sakristei hinten zum nächsten Feuerlöscher gelangen konnte. «Nun ja es war schon ein spezieller Anblick» - immerhin stand der Feuerwehrmann mutterseelenallein im mächtigen Kirchenschiff einem brenennden Altar gegenüber. «Aber in einem solchen Moment ist kein Platz für Emotionen.» Tschumi konzentriert sich auf das, was er aus dem Effeff kennt und im Schlaf beherrscht: Die neun Liter Inhalt des Feuerlöschers gezielt so einzusetzen, dass möglichst alles gelöscht ist. «Der Inhalt hat gerade gereicht.»

«Der Rauch ist das Schlimmste»

In ein, zwei Minuten ist das Gröbste vorbei, und als die Feuerwehr eintrifft, sind nur noch einzelne Glutreste am Altartisch zu löschen. «Das Schlimmste ist der Rauch und der Russ», weiss Tschumi, mit dem «Hobby» kantonaler Feuerwehrinstruktor. angibt. Und Rauch hatte sich schon beim Eintreffen des Feuerwehr-Offiziers reichlich gebildet. «Die Orgel sah man von vorne bereits nicht mehr», erinnert sich Tschumi. Der Rauch und die Russpartikel seien wohl hauptsächlich auf den verbrannten Teppich mit einem hohen Anteil Kunstfasern zurückzuführen.

Aus dem Medienrummel hatte sich Fredy Tschumi am Brandtag herausgehalten, «das ist für mich nicht wichtig.» Auch betont er, das Feuer habe bei seinem Eintreffen den Höhepunkt schon überschritten gehabt. Na gut, der Christbaum hinter dem angesengten Stuhl hätte vielleicht... - nicht auszudenken, was dann passiert wäre. Und wie viele andere fragt sich auch der Riedhölzer Feuerwehrmann fassungslos: «Warum macht jemand so etwas?»

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