Computermuseum
Der erste Taschenrechner der Welt im Solothurner Computermuseum

Das Computermuseum Enter in Solothurn zeigt in einer Sonderausstellung den ersten Taschenrechner der Welt aus dem Jahre 1948. Dieser war ursprünglich als Geschenk für Adolf Hitler gedacht.

Lucien Fluri
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Die «Curta» ist der erste Taschenrechner der Welt. Seinem Erfinder brachte sie während der Nazizeit Glück.

Die «Curta» ist der erste Taschenrechner der Welt. Seinem Erfinder brachte sie während der Nazizeit Glück.

Hanspeter Bärtschi

Von der kleinen Maschine hing ein Leben ab. Nur 8,5 Zentimeter hoch ist der erste mechanische Taschenrechner der Welt. Im Konzentrationslager Buchenwald zeichnete der Oesterreicher Halbjude Curt Herzstark an den Plänen für sein Meisterwerk. Als er befreit wurde, konnte er die Erfindung endlich selbst produzieren. Doch reich und berühmt wurde er nicht.

Seit gestern widmet das Solothurner Computermuseum Enter der «Curta» genannten Maschine eine Sonderausstellung. «Herzstark hat ein beeindruckendes Stück Zeitgeschichte geschaffen», sagt Peter Regenass, Mitbegründer des Museums und Verwaltungsratspräsident der Langenthaler Motorex. Nur wenige Zentimeter gross ist die zylinderförmige schwarze Maschine. Als sie auf den Markt kam, hatten die anderen Rechenmaschinen noch Gusseisenchassis. Mit den Fingern lassen sich die Stellschieber justieren, eine Kurbel löst den Rechenvorgang aus. Addieren, Subtrahieren, Multiplizieren und Dividieren kann die «kleine Pfeffermühle».

Führergeschenk zum Endsieg

Sein Können war Curta-Erfinder Curt Herzstark quasi in die Wiege gelegt. Geboren wurde er in Wien. Sein Vater stellte bereits Rechenmaschinen her. Im elterlichen Betrieb lernte der technisch begabte Herzstark Feinmechaniker. 1938 hatte er die entscheidende Idee, als er gerade dabei war, die Firma des verstorbenen Vaters zu übernehmen. Er meldete das Patent an.

Doch dann marschierten Hitlers Truppen ein. Der Halbjude durfte die väterliche Firma nicht übernehmen. Seine Mutter, eine Christin, führte die Firma, die Messinstrumente für die Kriegsmaschinerie herstellte, offiziell. Herzstark war als Geschäftsführer geduldet. Für die Curta blieb ihm keine Zeit.

1943 wurde Herzstark festgenommen, als er versuchte, zwei seiner Arbeiter aus den Fängen der Gestapo zu befreien. Der Verhaftete kam ins Konzentrationslager Buchenwald bei Weimar. Dort arbeitete der hochversierte Mann bald in den Wilhelm Gustloff-Werken, einer dem Lager angeschlossenen Rüstungsfabrik, in der KZ-Insassen Zwangsarbeit leisteten.

Maschine als «rettender Anker»

Seine Maschine sei für ihn der rettende Anker gewesen, sagte Herzstark 1987 in einem Interview, dessen Transkription im Internet zugänglich ist. Sonntags und abends durfte er an den Plänen für den kleinen Taschenrechner zeichnen, nachdem die Gestapo von seiner Idee erfahren hatte. Man plante, sein fertiges Meisterwerk dem Führer als Geschenk zum Endsieg zu überreichen. Ihm sei dafür die Arisierung versprochen worden, sagte Herzstark. Solange er an den Plänen arbeitete, fühlte er sich sicher. Und so wurde der Häftling nie fertig. Aber als er aus Buchenwald befreit wurde, hatte er genaue Pläne. 1945 kehrte er nach Wien zurück. Der Wiedereinstieg in den Familienbetrieb misslang und der Erfinder nahm eine Einladung des Fürsten von Liechtenstein an. Im Ländle brachte er die Curta zur Serientauglichkeit. Im Herbst 1948 begann die Fertigung.

Er hatte am Erfolg nicht teil

Ein mechanisches Wunderwerk hatte Herzstark erfunden. 150 000 Curta wurden bis Anfang der 1970er-Jahre hergestellt. Fachleute hatten den Bedarf auf drei bis vier Millionen Stück geschätzt. «Doch die Verkaufsorganisation war miserabel», schreibt das Museum Enter. Schliesslich machten elektronische Taschenrechner die Curta überflüssig. Seinem Erfinder brachte die kleine Maschine nach dem Krieg kein Glück mehr. Schon Anfang der 1950er-Jahre zog sich Herzstark aus der Firma zurück. Vor 25 Jahren, im Oktober 1988, starb er. «Kein Geschenk für den Führer», hiess seine Biografie, die später veröffentlicht wurde.

Heute ist die Curta ein begehrtes Sammlerstück. Bei Museumsmitbegründer Peter Regenass begann die Sammelleidenschaft mit einem persönlichen Erlebnis. 1969 kämpfte der ETH-Student im Hörsaal mit Rechenschieber, Block und Bleistift, während er das mechanische Surren der Curta hörte. Nur wenige begüterte Mitstudenten hätten sich die 2000 Franken teure Maschine kaufen können, sagt Regenass, der damals mit 350 Franken monatlich auskommen musste. 1989 leistete sich der Motorex-Inhaber das erste Stück. Heute besitzt er weit über 100.

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