Solothurn
Collectors haben eine neue Homebase direkt beim Perspektive-Gebäude

Der Velolieferdienst Collectors ist in Solothurn im Umbruch: Er zieht in eine neue Garage und Gründer Philipp Keel verabschiedet sich per Ende Jahr.

Fabio Vonarburg
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Philipp Keel, Bettina Eglin und Karin Stoop im Neuen Collectors-Anbau
9 Bilder
Hier werden die gewaschenen Recyclingtaschen zum Trocknen aufgehängt
Druckluft für die Veloräder darf nicht fehlen
Gerüstet für das Weihnahchtsgeschäft
Die Garderobe ebenfalls im Collectors-Grün
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Die Velorampe, die zur Collectors Garage führt
Hier gehts zur schönsten Garage von Solothurn, sagt Karin Stoop

Philipp Keel, Bettina Eglin und Karin Stoop im Neuen Collectors-Anbau

Hanspeter Bärtschi

Philipp Keel war mehrere Jahre das Herz des Velolieferdienstes Collectors. Er hat das Projekt 2016 in Solothurn aus dem Boden gestampft und seither als Geschäftsleiter betrieben. Ende Jahr lässt er «sein Baby» ganz in den Händen des neuen Mutterhauses. Denn seit Anfang Jahr ist das Förder- und Beschäftigungsprogramm für Sozialehilfeempfangende der Organisation Perspektive Region Solothurn-Grenchen angeschlossen, die künftig den Lenker des Integrationsprojekts in den Händen hält.

Sinnbildlich dafür ist das nigelnagelneue Zuhause des Hauslieferdienstes. Die derzeit acht Fahrräder, respektive Cargobikes von Collectors werden jetzt im kürzlich fertiggestellten Anbau beim Perspektive-Gebäude an der Weissensteinstrasse 33 in Solothurn parkiert. Und sobald Gras auf dem Dach der neuen Garage gewachsen ist, wird man kaum noch merken, dass Collectors und Perspektive einmal nicht zusammengehört hatten.

Bei der Übernahme war ein Anbau noch kein Thema

«Collectors ist jetzt wortwörtlich eingebettet in den Betrieb», sagt Karin Stoop sichtlich erfreut. Die Geschäftsleiterin der Perspektive Regio Solothurn-Grenchen führt aus, dass man nach der Übernahme von Collectors mehrere Optionen geprüft hat. Wie etwa den Fahrradstand zu erweitern oder sich in eine Garage einzumieten. Die jetzige Lösung war zu Beginn kein Thema. «Wenn wir von Anfang an gewusst hätten, dass wir noch etwas bauen müssen, ich weiss nicht, ob wir dann den Mut für die Übernahme von Collectors gehabt hätten.»

Doch alles ist gut rausgekommen. Nach einer neunmonatigen Bauzeit ist das Projekt abgeschlossen, das ohne den Eigentümer der Liegenschaft an der Weissensteinstrasse, die Stiftung Anna und Victor Discher, nie realisiert worden wäre. «Wir hätten das Projekt nicht finanzieren können», betont Karin Stoop. Die Stiftung hat die etwas mehr als 800'000 Franken für den Anbau übernommen, für die Perspektive hat sich einzig der Mietzins leicht erhöht.

Damit sind jetzt die Arbeitsbedingungen für die Fahrerinnen und Fahrer von Collectors, so gut wie noch nie. Mit viel mehr Platz als zuvor, einem Waschbereich für die Fahrräder, einer kleinen Velowerkstatt und zudem endlich einem Ort, um die Tragtaschen nach einem Einsatz trocknen zu können. Das klinge jetzt vielleicht banal, sagt Philipp Keel, «aber das war an unserem früheren Standort in der Bahnhofunterführung ein grosses Problem.» Keel gerät angesichts der neuen Garage ins schwärmen, spricht vom «nonplusultra».

Zudem zeige der Anbau die Wertschätzung, die dem Projekt Collectors entgegengebracht werde. Elf Parkplätze für Cargobikes bietet die Garage. Und damit noch Platz für drei weitere Fahrräder als derzeit im Einsatz sind. Und falls der Velolieferdienst derart expandiert, dass noch mehr Platz benötigt wird, kann die hintere Wand herausgerissen und drei zusätzliche Parkplätze geschaffen werden.

Dass dies kein unrealistisches Szenario ist, zeigt die Entwicklung der letzten Jahre. Beim Start Mitte 2016 führte Collectors im Schnitt 50 Aufträge pro Monat aus. «Mit 5 Fahrern waren wir damals total überbesetzt», lacht Philipp Keel. Derzeit hat es mehr als genug Arbeit für neun Fahrerinnen und Fahrer, wie Bettina Eglin, Bereichsleiterin Arbeitseinsätze Perspektive, betont. Ziel von Collectors ist es, dass diese dank der Arbeit als Fahrradkurier wieder den Schritt zurück in die Arbeitswelt schaffen.

Anzahl Lieferungen stiegen um 30 Prozent

Die steigende Nachfrage nach dem Dienst von Collectors zeigt sich auch in den aktuellen Zahlen: Von Januar bis November dieses Jahres wurden 10340 Lieferungen gemacht. Das ergibt einen Schnitt von rund 250 Lieferungen pro Woche, was im Vergleich zum Vorjahr einem Wachstum von 30 Prozent entspricht. Dazu beigetragen hat auch die Coronakrise und damit der grosse Bedarf an Hauslieferungen.

«Mittlerweile ist Collectors in Solothurn und Umgebung ein Begriff», sagt Keel, «wir sind definitiv nicht mehr eine Untergrundbewegung.» Das ist mit ein Grund, dass der Gründer sich auf zu neuen Ufern macht. Sein «Baby» sei in sicheren Händen und habe den Status als Projekt längst hinter sich. Das zeigt sich auch darin, dass Collectors bereits bei der Übernahme durch die Perspektive schwarze Zahlen schrieb. Gewinne des Unternehmens fliessen in die Suchthilfe von Perspektive, dem Hauptstandbein der Organisation, die derzeit mit finanziellen Schwierigkeiten zu kämpfen hat.

Nach dem Abgang bei Collectors will Philipp Keel wieder etwas Neues wagen, steigt bei einer Firma für Solarfarmen ein. Das bald einstige Herz von Collectors spricht nebst Wehmut auch von einer Erleichterung: «Jahrelang war ich für alles verantwortlich, jetzt funktioniert Collectors auch ohne mich.»

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